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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 99 - 100

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
S. Schneur
Date
1917-03-01
Page
Seite 99 - 100 (sequence 3)
Language
German
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m S. Schneur. 100 einfach gelesen, sondern rezitativ gesprochen werden, unter Begleitung der halbvergessenen Lyra. Wahr* haftig, diese Berggedichte genießend, ahnt man die Verwandtschaft von Musik und Poesie . . . BeEgge? ruch und einen Wiederhall der „stürzenden Felsen" hat uns das Buch gebracht. Die Berge enthüllen ihre verborgene Seele, und die Geheimnisse der schweigenden Riesen offenbaren sich. Was der Poet von der Seele der Berge erzählt, von den tausend* jährigen Gedanken, die ihre granitne Stirn in tiefe Falten gefurcht haben, istnichtmehr ein Geschichtchen von einer verzauberten Welt, sondern der Abklang einer verborgenen Wirklichkeit: „Auch hassen können die Berge und sie können jubeln und traurig sein; mit dem Wechsel von Luft und Licht erheitert oder verdüstert sich ihr ArMitz; sie lächeln der Sonne entgegen, und beim An* blick einer Wolke werden sie schwermütig, erbleichen aus Angst vor dem Winter, und tränen* feucht und trübselig stehen sie da im Herbst . . . Mehr noch, hörts:Eine mächtige Seele wohnt in den Bergen, eine sehnende Seele, die hinaus lechzt in die weite Welt, begierig, die Kräfte zu zeugen, die sie seit den Tagen der Schöpfung empfangen; windet sich seufzend in Geburtswehep, doch gebären kann sie nicht . . . Wir abe^, wir Menschenkinder, vernehmen von ihr ni^r den leisen Widerhall, nur verschollene Töne . . Glücklich, wer in tiefer Einsamkeit die Seele der Berge getrunken, glücklich, wer das heim* liehe Rauschen dieser Seele bei erwachendem Frühling belauschen durfte . . . Wenn der leuchtende Frühling erwacht, wird die Luft in den Bergen lauter und durchsichtig wie Glas, und wie Glas helltönend. Wie wenn unsichtbare Saiten, die in der Kälte schlaff geworden oder gesprungen waren, sich jetzt wieder von Fels zu Fels, von einem Berg zum anderen spannten, und nun straff und dürstend warteten, um auf eine Stimme zu antworten, die durch die Berge gehen wird." Prolog zum Zyklus „Beharim", („In den Bergen"). * * * Schneurs Jugendlichkeit besteht nicht, wie manche seiner Kritiker behaupten, in der Kraft der ziellosen Bewegung, sondern in der Stärke des selbstbewußten Willens. In ihm lebt ein machtvoller Glaube und seine Töne wecken zu tätigem Leben: Die Welt ist groß und licht, und der Mensch ist ihr Zentrum, der Weg der Erkenntnis ist der Siegeslauf des Menschenkönigs. Bei wenigen Dichtern dürfte der Wissensdrang von solcher uner* sättlichen Leidenschaftlichkeit sein wie bei Schneur. In seinem steten Suchen nach der innersten Form der Natur unter ihren tausend Gewändern, nach der verborgenen Seele der Dinge unter ihrer stummen Aeußerlichkeit erkennen wir dasselbe Temperament, das sich in seiner Liebe zum Weibe äußert. Es sind ja in Wahrheit nur zwei Erscheinungsformen der gleichen Grund* und Geisteskraft: ein heißer Liebes* drang treibt den Forscher zum keimenden und gebärenden Chaos, und sehr viel feurige Wißbe* gierde ruht in der Art, in der ein Mann eine ihm noch unbekannte Frau ergründen will. Der Pessimismus hat in Schneurs Herzen nie geweilt; höchstens die Langeweile, welche jener Ver* schwendung folgt, die nur eine starke Jugend sich erlauben darf, eine Langeweile, die aber gleich wieder verschwindet. Der Geist Schneurs ist hartnäckig und stets revolutionär: groß ist der Mensch, nicht weil er seinen Schöpfer erkannt hat, sondern weil er selbst Schöpfer ist. Und seine Kraft zum Schaffen wächst im ewigen Suchen und unaufhörlichen Streben. Langweilig ist nur das Gleichgewicht; traurig ist die selbstbewußte Vollkommenheit: Gott, der sich seiner Gottheit schon bewußt geworden und keine Vervollkommnung mehr kennt . . . Oede und tö* rieht dünkt ihm die Welt ohne Kampf und Geistes* ringen. Den ewigen Frieden, dem das Herz stumpf* sinniger Zwerge entgegen pocht, verspottet er grimmigin seiner Phantasie: „Am Ende der Tage." Es ist schwer, sich eine boshaftere Parodie auf die Ideale der kompakten Majorität vorzustellen, eine schel* mischere Ironie, als diese Phantasie: „Es hauset der Wolf zusammen mit dem Schaf. In des Wolfs Augen erlischt das gelblich*grüne schweflige Feuer, das unschuldige Schafe im Dunkeln so ängstigt; der Duft des Stalls schmeckt ihm wohl, gleichwie der Duft des Waldes. Und der Löwe, er kaut Stroh, wiederkäut es, gleich dem lieben Rind, wird satt, läßt noch zurück davon, und rülpst sich zufrieden mit Strohdunst. Er erschüttert die Felsen der Wüste nicht mehr mit seinem Gebrüll, er wirbelt den Sand der Wüste nicht mehr auf mit dem Schlag seines Schweifs. Ein Bauernjunge geht vorbei und tritt ihm gemütlich auf die Mähne: Faulpelz, dur frißest Stroh umsonst. Der Löwe aber leckt ihm demütig die Hand. Im Schosse alter Jungfern schlummern Tiger, wie jetzt deren wohlgepflegte Hündchen und Kätzchen. Ihre Krallen sind weich? geworden, wie Finger. Ein Fräulein geht spazieren und zieht eine Leine nach sich und an der Leine trottet daher ein Enkel der Bewohner lybischer Wälder und wilder Felsenzacken: ein Tiger, der Wand und Zaun bekleckert und jeden Winkel beschnuppert ... Und die Adler, die einst in den Wolken hausten und mit ihrem Blick die Wüste umspannten, jetzt hegen sie friedliche Gesinnung: im Herzen, legen ihre Eier in jede Hühner* steige, damit sie Kranken und armen Wöcherinnen als Nahrung dienen ... Es kommt eine Zeit, da zerbrechen alle mächtigen Völker ihre Schwerter und schmieden sie zu Sicheln um, die Helden

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