Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- S. Schneur
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 97 - 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S. Schneur. 9S wahrhaft prophetischerEkstase kündet er das Kommen des neuen Geschlechts: „Ein neues Geschlecht, ehern, hart und rück* sichtslos; ein Geschlecht, das entweder ganz sündenrein dasteht, oder voller Schuld; einblüten* weißer Marmorblock, oder ein Fels von schwarzem Granit." Aus „Mnstema" (Haß). So ist er selbst, so ist der Geist in seinem Werke. Und wer auch in seinen Melodien den Golusschmerz zu erklügeln sucht, wer beweisen will, daß auch der Quell seiner Lyrik Heimatlosigkeit sei, der tut es aus abseits liegenden Gründen und gleicht jenen Gebeugten, die einst ihre asketi* sehen Tendenzen selbst in die Verse des von froher Lebensglut erfüllten Hohenliedes hineinzu* deuten verstanden . . . „Ihr sollt nicht nach* gehen den Gelüsten Eures Herzens und Eurer Au* gen!" Nirgends hat man dieses Gebot so sehr ge* heiligt wie im „Tale des Jammers", wo rabbinischer Geist durch jüdische Lei* den großgezogen wurde. In ständiger Furcht, von grausamen Feinden um* ringt, band der Jude all seine Hoffnungen an das Jenseits . . ..Die himm* lischeWelt, als deren pri* vilegiertesten Bürger er sich dünkte,, schützte er vor der realen Alltagswelt durch eine Mauer von'heiligen Büchern., So wandte sich sein Blick von .den irdischen Dingen ab und rieh* tete sich auf das Jenseits. Die Sonne leuchtete und erlosch, die Erde grünte im Sommer und kleidete sich in bläuliches Weiß im Winter, doch sein Auge, in das heilige Buch versenkt, sah all dies nicht. Erst später, als in die finstere Enge ein Lichtstrom drang, und wir den; ersten Schritt taten, ins Freie z.u gelangen, erwies es sich, wie sehr unsere Seh* kraft gelitten hatte. Nicht nur in der Haskalah* sondern auch in unserer modernen Literatur ist die Naturpoesie fast farbenblind geblieben. Bis zu einem gewißen Grade leiden alle jüdischen Künstler an .diesem Gebrechen. Eine staunenswerte" Aus* nähme bildet Schneur. Kürz vor dem. Krieg, erschien,.von..-ihm in Odessa ein großer Band „Lieder und Poemen"; eine Welt von Farben, Klängen und blitzenden Gedanken. Nun erst steht Schneurs künstlerische Persönlichkeit in großen Umrissen vor uns. Wer ist er? Es ist ungemein schwer, den Brennpunkt zu finden, von dem aus er seine Strahlen wirft, die absolute innere Gesetzmäßigkeit seiner ständigen Wandlungen. Eins aber erkennt man schon jetzt. Sein Weg ist nicht der, den der größte Teil unserer Dichter beschreitet. Es ist der weiteste Weg; er führt bis zu den Grenzen von Tod und Leben, Sein und Nichtsein, Gott und Satan. In seinen Schaffensmotiven ist er nie bewußt jüdisch. Am Na* tionalen haftet nicht sein Geist. Im Zentrum seiner Dichtung stehen die Natur und die Schöpferkraft des Menschen. Und über welch einen Reichtum an künstlerischen Mitteln ver* fügt er. Selten war das Auge eines Dichters emp* fänglicher für die unzäh* ligen Nuancen und Stirn* mungen der Natur. Er steht ihr nicht wie ein Zuschauer gegenüber; er wird von ihr hingerissen und durchlebt mit ihr all ihre Erscheinungen, ihren Sonnenglanz, ihren Sturm und Gewitter. Er ist der Poet des Pantheismus. Er kennt keine seelenlose Größe; alles lebt ihm; alles ist beseelt für ihn; in das verborgene Leben von Wald und Feld, Berg und Strom dringt er undschöpft dort garwunderliche Mär* chen und farbenprächtige Mythen. Sein Geist saugt Urstimmunger^der elementaren Natur in sich ein und schafft Mythologien, in welchen kosmische Urtöne klingen. Für keinen Dichter der jüdischen Naturpoesie ist der Naturmythos so bedeutungsvoll geworden wie für ihn in den Legenden „vom Frühling," „vom Winter," „vom Herbst," „vom Schweigen," „vom Wasserfall"; Schneur ist der Meister der Legende. Sein lyrisches Poem „Beharim" („In den Bergen"), die um* fangreichste «Dichtung in dem neuerschienenen Bande, ist ein herrlicher Hymnus auf die Natur, der seinesgleichen nur im goldenen .Zeitalter der althebräischen Psalmenpoesie hat. Dieser mächtige Choral besteht aus mehreren Liedern; deren jedes durch seinen eigenartigen Rhy thmus sich auszeichnet. Gleich den antiken Dichtungen wollen! sie nicht S. Schneur