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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 101 - 102

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
S. Schneur
Date
1917-03-01
Page
Seite 101 - 102 (sequence 4)
Language
German
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101 Und Gott weinte. 102 legen ihre Waffen ab und machen Gartenmesser daraus. Hannibale und Napoleone wandern zu Fuß und kein Mensch wendet den Kopf nach ihnen . . . Und alle, die die Lehren der Völker erschüttern, die Weltepochen schaffen und zerstören, sie gelten wie Spreu vor dem Wind. Und alle Mächtigen des Geistes und alle Herrscher des Talentes, die die Lasten des Erbes von Generationen zerschmettern — sie alle werden aus ihren Triumphwagen geschleudert . . . Die Welt* geschichte kann ihren honigsüßen Strom auch ohne sie ergießen . . . Sie alle schürzen ihre Hosen hoch, legen Holzschuhe an und werden Ackersleute. Und sie arbeiten und schwitzen, und es gibt keinen mehr, der müßig die .Zeit vergeudet und mit Meißel und Pinsel spielt und Kraft und Gefühl an Träume und Farben vers schwendet. „Je mehr Brot — je mehr Tugend, je mehr Baumwolle, — je mehr Wahrheit, je mehr Honig und Oel — je mehr Schönheit." Diese Lehre blüht und gedeiht reichlich, zusammen mit Zuckerrüben und Hanf." Aus der Phantasie„\Vehajabeacharith'<(„Am Ende der Tage"). * * * Schneur hat noch nicht all seinen Reichtum offenbart. Das Größte, das er geschaffen hat, das Buch „Jaarit" (Vom Walde), ruht noch in seinem Schreibtisch. Es sei wiederholt, daß der Inhalt seiner besten und bedeutendsten Werke nicht national ist; und doch unterliegt es keinem Zweifel, daß seine nationale Bedeutung unvergleichlich größer ist als diejenige von vielen, die ständig mit dem „natio* nalen Schicksal" zu tun haben und sich mit der künstlichen Nachstilisierung nationaler Weisen be* fassen. Die Phrase vom „nationalen Inhalt" ist über? haupt eine gekünstelte Erfindung. Jeder legt in diesen Inhalt seinen eigenen hinein, und es ist schwer, zu bestimmen, was man eigentlich darunter versteht. Nicht das Thema 'schafft die Seele, den innersten Rhythmus eines Werkes, nicht das Thema macht das Werk national oder nichtnational, sondern das Ver* hältnis des Künstlers zum Thema, die Art, wie er es bearbeitet; und „Notre?Dame de Paris" von Schneur ist ein bedeutendes jüdisches Werk. * * * Wohin führt Schneurs künftige Entwicklung? Zum Drama. Zwischen dem Lyrischen und Dra* matischen herrschen von jeher geheimnisvolle Be* Ziehungen. Zum Unterschied vom Epischen, das mehr auf das ruhige Ordnen der Objekte ge* richtet ist, strebt die Lyrik wie das.Drama danach, die Objekte zu überwältigen, sie aufzulösen und umzugestalten, und sie sich innerlich anzueignen. Die Stimmung eines Gedichtes, wie auch jede dramatische Wirkung hängt letzten Endes von denselben Faktoren ab. Schon in den letzten größeren Dichtungen Schneurs sehen wir, wie er allmählich das eigene Chaos überwindet und jener schöpferischen Ruhe entgegenstrebt, welche beim Drama notwendiger ist als irgendwo. Der Wille zum Drama zeigt sich bei ihm darin, daß das Vor* walten des Ich allmählich zurücktritt. Die monolo* -gische Form wird seltener. Die Gefühle verlieren den rein persönlichen Klang und werden zu Sinn* bildern. Es ist der Weg vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Einzelnen zum Synthetischen . . . Unsere Geschichte ist ja so reich an dramatischen Stoffen, und das Verdienst der großen Dramatiker der Weltliteratur besteht doch gerade in der Ver* wertung der vorhandenen Materie, in dem Frucht? barmachen von Keimen, die in ihr schlummern, besteht darin, daß durch sie überliefertes totes Gut in einer individuellen Form beseelt wird. Not? wendig hierzu sind eine geniale Begabung, ein starkes Verantwortlichkeitsbewußtsein, ein uner* müdlicher Fleiß; drei Eigenschaften, die Schneur besitzt. UND GOTT WEINTE*). (Aus dem „Buche der Schöpfung"). Von S. Schneur. Am Anfang wußte Gott nicht, daß Er Gott war. Seine Gottheit fing an mit einer absichtslosen Bewegung, und gipfelte in der höchsten Schöpferkunst. Erst am Freitag abend, nach dem großen und heiligen „Und es ward vollbracht" ... als Gott erfaßte, was vor Ihm nicht gewesen und was m i t Ihm geworden war, — erst dann wurde Er sich bewußt, daß Er Gott war. Und es ward vollbracht das "Werk des Himmeis und der Erde und ihrer Heerscharen. (Genesis II, l). Gleich dem gewaltigen Zucken eines Blitzes kam Gottes Selbstbewußtsein; und nach dem Blitz kam das Erstaunen, und nach dem Erstaunen — die ruhevolle Seligkeit des zufriedenen Schöpfers. *) Als Beispiel für die Schaffensart Schneurs bringen wir die nachstehende kleine Ski-re. A. d. R.

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