Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Mischehen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 85 - 86 (sequence 7)
- Language
- German
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85 Mischehen. 86 den sollte. Nur mit großer Zurückhaltung werden wir also an die Frage nach der Möglichkeit einer Gesundung herantreten. In diesem Eahnien a,ber sind wir dann durchaus nicht machtlos, sondern erfüllt von einer wohlbegründeten Zuversicht auf die Besserung unserer Verhältnisse und von dem sicheren Glauben an die Möglichkeit ihrer Genesung. Die Mischehe steht mit den gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen unserer Tage in engem Zusammenhang und erscheint als ihre natürliche und begreifliche Folge. Aber mit unbedingter Notwendigkeit erwächst sie nicht aus ihnen. Unsere (Zustände könnten genau die gleichen sein, wie jetzt,, und dennoch könnten sie bei uns' unbekannt oder selten sein. Dann müßten allerdings die Menschen anders sein. Sie ist eben nicht nur eine wirtschaftliche, sie ist in hervorragendem Maße auch eine /sittliche u n d religiöse F r a g e. Mehrfach mußten wir erkennen, daß nicht nur die grausame Notwendigkeit des sozialen Lebens sie erzeugt hat, sondern daß ihr a/uch eine Schuld zu Grunde liegen kann eine Schuld des Einzelnen, «der der Gesamtheit oder beider. Neben dem Zwang der Verhältnisse wirkt hier auch der "Wille des Menschen, der sich in aller Not doch immer noch ein Stück Freiheit bewahrt. Auf ihn zu wirken ist unsere erste Pflicht. In dem Mangel an einem scharf ausgeprägten religiösen Charakter, der für unsere Zeit so bezeichnend ist, erblickten wir die fruchtbarste Quelle der Mischehe. Deshalb ist jede Hinwendung zu einer bestimmten und kräftigen religiösen Lebensf ü h r u n g eine Abkehr von dem bösen Weg, der schließlich mit Sicherheit aus dem Judentum hinausführt. Deshalb gehört die Erziehung zu einer jüdischen Lebensanschauuiig und Lebensgestaltung zu unseren besten Waffen. An die Verbreitung von Kenntnissen denken wir dabei nicht in erster Linie, denn es handelt sich vor allem' um Bildung des'Willens' und nicht um Vermehrung des Wissens. Um so höher stellen wir die Einrichtung des ganzen Daseins nach den Forderungen des Judentums.. Wer eleu Sabbat, und wenn ihm das nicht möglich ist, wenigstens den Freitag Abend feiert, wer, soweit er es kann, die Synagoge besucht und dadurch nach Kräften sich mit den Glaubensgenossen vereint, wird durch den Einfluß eines jeden Tages, eines jeden Ganges ins Gotteshaus mit seiner Religion neu verbunden und ihr nicht so leicht verloren gehen, nicht geistig, "in seiner Seele, und nicht räumlich, im Gewühle der großen Stadt. Und wenn er sich mit den großen Zielen und Lebensanschaumigen unserer Religion durchdringt, wird er vor sittlichen Verirrungen besser bewahrt sein, und gerade vor jenem Fehltritt behütet, der so häufig mit einer Mischehe endet.. Das Judentum fordert von seinen Bekennern ein gesteigertes Gefühl der Verantwortung) gegenüber de n Nachkommen, auch gegenüber den noch ungeborenen. Das hohe Wort der Iteiligen Schrift, daß „Gott die Sünden der Väter an den Kindern heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an denen, die ihn hassen", ist nicht eine Drohung für die Enkel, sondern die ernste Mahnung, die das Herz der Eltern und Voreltern erschüttern soll, wenn sie noch jung sind und noch keine Kinder haben. Ihr Tun und ihr Lassen entscheidet über das Schicksal ferner, noch ungeborener Geschlechter, die von ihnen abstammen. Vor allem schulden wir unseren Kindern einen gesunden Körper. Sie dürfen von uns Reinheit auch vor tmserer Verheiratung fordern. Und dann haben sie Anspruch auf eine Mutter, deren sie sich nicht zu schämen haben. Wir wollen die „Verhältnisse", von denen wir oben sprachen, nicht schlechthin in Bausch und Bogen verdammen, Aber sicher sind unter ihnen nicht wenige, die der Mann und die das Mädchen vor ihren Kindern dereinst nicht werden verantworten können. Und auch sie werden glücklich sein, wenn sie auf die Verheißung bauen dürfen, die sich an die gewaltige Warnung unmittelbar anschließt, daß „Gott Gnade erweist bis ins tausendste Geschlecht denen, die ihn lieben und seine Gebote beobachten". Wir glauben, daß diese uralten jüdischen Gedanken und Ziele auch heute noch in das Herz junger Menschen Eingang finden, daß die Forderungen und Verheißungen unserer Religion sie vor schlechten Wegen bewahren, daß sie schmutzigen Verhältnissen ein Encle machen, vielmehr sie gar nicht erst aufkommen lassen werden. Diese Erhöhung und Veredlung unserer Jugend, die wir mit allen Kräften fördern müssen, ist dann auch ein Segen für das Judentum. Je näher wir ihr kommen, desto mehr wird eine Hauptquelle der Mischehen versiegen. Wir gedachten bisher einer Schuld, die zahlreiche einzelne Menschen auf sich laden. Wir wenden uns gegen /ein Unrecht, das ganze Klassen der Gesellschaft begehen, wenn wir im Kampfe gegen die Mischehe eine vernünftige Wertung des Geldes und eine gerechte Wägung der Persönlichkeit auf der a,ncleren Seite in die Herzen pflanzen möchten. Man kann alles überschätzen, auch das Geld. Und wird es nicht auch in rmseren Kreisen oft genug zu hoch bewertet? Unsere jungen Männer haben da manchmal den rechten