Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Mischehen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Mischehen. SS Klick, aber es sind oft ihre Eltern, die mit dem ganzen Gewicht, das ihnen ihre reife Erfahrung gibt, dem künftigen Bräutigam ein großes Vermögen der Erkorenen als wichtiges Erfordernis hinstellen. So werden selbst fromme Eltern oft mittelbar die Ursache für die Mischehe, die infolgedessen ein vermögensloses junges Mädchen glaubt schließen zu müssen. In dem Wunsche, ihren Sohn wohlhabend zu sehen, hindern sie ihn nicht selten, glücklich zu werden. Ein freierer Blick für den Wert der persönlichen Gaben, für Gesundheit, Verstand und Tüchtigkeit des' Bräutigams und der Braut, für Familie und Herkunft wäre Alt und Jung; zu wünschen. Hier kann die Erziehung viel tun, die nach Ablauf der Schulzeit, wenn das Leben selber die Stelle des Lehrers übernimmt, einsetzt. Hier haben alle ein schönes Ziel, die einem Menschen zu raten berufen sind, Freunde und Vertraute ohne Amt, aber auch die, die durch ihren Beruf zur Beratung bestimmt sind, Babbiner und Lehrer und die, die durch die Presse oder das öffentliche Wort wirken. Je mehr die verkehrte und unmenschliche Betrachtung der Dinge, die übertriebene Einschätzung des Geldes, einer natürlicheren- und wahrhafteren weicht, desto mehr wird auch die Notlage unserer jüdischen Mädchen schwinden, desto leichter können sie im angestammten Kreise der Glaubensgenossen das Glück finden, das sie erstreben. In den Grenzen, in denen er möglich und aussichtsreich ist, ist somit der Kampf gegen die Mischehe eine Angelegenheit der Erziehung. Daher ist er nicht leicht, denn ein neues Herz läßt sich dem Menschen nur schwer geben. Immer werden wir zufrieden sein, wenn wir unserem Ziele wenigstens' näher kommen, auch ohne es ganz zu erreichen, wenn es uns gelingt, die Anschauungen der Menschen vom Glück und die Lebensziele, denen sie nachstreben, ein wenig zum1 Guten zu ändern. Viel leichter als Menschen selber, lassen sich ihre gesellschaftlichen Zustände bilden und umgestalten. Soweit die Mischehe aus derartigen Mißständen hervorgeht, können wir das Uebel bei einer seiner Wurzeln fassen. Viele junge Leute gehen uns verloren, weil sie vom 14., vom 16. Lebensjahre ab keinen Anschluß an jüdische Kreise mehr finden. Und diese Entschwindenden könnten uns erhalten werden.;Hier bietet'sich den jüdischen Gemeinde n in erster Keine aber auch den Vereinen, den Jugendbünden, den Logen eine dankbare Aufgabe. Sie müssen Heime gründen, jüdische Vereinshäuser, in denen die Lehrlinge und Angestellten wohnen, wo sie vor allem ihre Abende verbringen können, Dns Cafe, das Kino, alle die schlechten und zweifelhaften Vergnügungen der großen Stadt, können durch eine jüdische Häuslichkeit, ein Abbild des Elternhauses überwunden werden. Für unsere Aermsten ist in einigen Städten schon durch die Toynbeehallen gesorgt, die ganz ähnliche Ziele verfolgen. Aber die joaar, die schon existieren, müssen Nachfolger erhalten; auch die anderen Notleidenden müssen bedacht werden, die nicht zum Proletariat gehören, sondern zu unserem Mittelstand, die jungen Kommis, die Lehrmädchen, das ganze große Heer der unverheirateten und unselbständigen jüngeren und älteren Kaufleute. Aber den Gemeinden, den Vereinen, den Jugendbündeln und den Logen darf diese große Aufgabe nicht allein überlassen bleiben. Liier ist vielmehr eine jede jüdische Familie zur Mitarbeit berufen. Unsere Zeit gebietet uns eine neue Mizwah, sie verlangt eine neue Art von Gastfreund sc h a f t. Für die alte ist heute nicht Auel Bedürfnis mehr. Im Zeitalter des Gasthauses findet jeder allenthalben Wohnung, Speise und Trank. Um so schwerer vermißt er die Häuslichkeit, die er von seinen Eltern gewohnt ist, und den freundlichen Anschluß an gute Familien. Diese Not des Tages stellt jedem1 jüdischen Hause eine edle Aufgabe. Es kann ein Mittclpiink't für einen Kreis junger Leute werden, die jetzt halb heimatlos, vor allem durch ihre Verlassenheit auf den Weg der Mischehe geraten. Ein jüdisches Haus kann sammeln, was das Leben nach, allen Bichtungen zerstreut. Unsere besten Männer und Frauen bemühen sich heute schon überall liebevoll um die Linderung der großen Not der Zeit, mit wechselndem Erfolg. Aber sie müssen noch viele Nachfolger finden. Sie gehorchen dann in der Form', die die Gegenwart fordert, dem göttlichen Gebot: „Brich dem Hungrigen Dein Brot und nimm die Armen und Vertriebenen bei Dir auf, kleide den Nackten, dem Du begegnest und entziehe Dich nicht Deinem Fleische." Und diese Liebe wird ihren Lohn finden. Manche Mischehe, die sonst die Schwäche des Judentums noch vergrößert hätte, wird unterbleiben. Und nach dem Maße unserer Kraft ist damit die bittere Not der Gegenwart gelindert. Es wird, wenn jeder als Jude und als Mensch seine Pflicht tut, noch nicht alles gut werden, aber es' wird doch nicht so schlimm sein, wie es infolge unserer Untätigkeit werden müßte. Und so wollen wir uns zugleich anspornen und trösten lassen durch die Weisheit unserer Alten: ,,Nicht Dir liegt es ob, die Arbeit zu vollenden, a,ber Du hast auch nicht die Freiheit, Dich ihr zu entziehen."