Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Mischehen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 77 - 78 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584072-2605695--16506-2605721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 Misch eh eti. n heute immer weitere Verbreitung. Junge Männer und junge Mädchen arbeiten jahrelang zusammen, ihre Tätigkeit verbindet sie und schafft mit Naturnotwendigkeit jene .Vertraulichkeit und jene Nähe, aus' der wie mit selbstverständlicher Gewalt die Freundschaft, die Liebe und schließlich die Ehe sich entwickelt. Hier finden sie auch Ersatz für den mangelnden Verkehr mit jüdischen Familien, und während dieser sie dem Judentum zurückgeben könnte, haben sie manchmal gar kein Bedürfnis darnach. Unsere jungen Leute beschweren sich oft, sie fänden diesen Anschluß an jüdische Kreise nicht, während umgekehrt unsere Frauen und Männer die die Not der Zeit erkannt haben und dem Judentum aus dieser schweren Sorge helfen, möchten, nicht selten klagen, es gelinge ihnen trotz aller Bemühungen nicht, die alleinstehende Jugend in ihr Haus zu ziehen. Das schwere Verhängnis, von dem der Fortbestand des deutschen Judentums bedroht ist, ist also nur zum kleineren Teil der Schuld des einzelnen zuzurechnen. Zum größeren Teil stammt es aus übermächtigen Verhältnissen; der einzelne steht ihnen 'zwar keineswegs wehrlos gegenüber, aber er brauchte zu ihrer Bewältigung doch eine Kraft des Charakters, die nicht jedem ohne weiteres gegeben ist. In den kleineren Verhältnissen auf dem Lande werden die Männer früh wirtschaftlich selbständig und können um die Mitte oder Ende der Zwanzig eine eigene Familie begründen. Die sichere Aussicht auf dieses Ziel beherrscht schon lange vorher ihre ganze Lebensführung, vielleicht ohne daß sie sich dessen selber so recht bewußt sind. In der großen Stadt dagegen bleibt die Selbständigkeit vielen lange, manchem für immer versagt. In den großen Betrieben unserer Tage, in den Warenhäusern, den großen Bureaus bildet sich ein neuer Stand heraus, der vor zwei Menschenaltem noch wenig bekannt war: die große Schicht der Angestellten. Sie haben keine sichere Aussicht auf Selbständigkeit, auf den eigenen Herd, sind aber doch im Durchschnitt so gut gestellt, daß sie für sich allein ein behagliches Leben sich einrichten können. Gewiß führt oft die Liebe Juden und Christen zusammen, denn sie macht nicht Halt vor der Schranke, die das1 Bekenntnis aufrichtet. Aber ebenso sicher stammt in einer sehr großen Anzahl von Fällen die Mischehe aus kranken, ungesunden Verhältnissen, und die geschilderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände legen den Keim zu der Ursache, die den jungen jüdischen Mann ineist 'zur Mischehe führt, zum „Verhältnis". , Wir sprechen hier von j enen STischehen, bei denen der Mann Jude ist, denn die der jüdischen Mädchen sind meist anders zu beurteilen. Die freien, zwanglosen, nicht ernsthaft gemeinten Verbindungen eines jungen Mannes mit einem jungen Mädchen sind die wichtigste Quelle des schweren Schadens, an dem unsere jüdische Gemeinschaft in Deutschland krankt. Als Mischehe endet oft, was als „Verhältnis" begonnen hat. Diese Verhältnisse sind außerordentlich häufig. Wir brauchen nur ein großstädtisches Cafe zu betreten und sehen gleich mit einem Blick die Wurzel des Uebels. Die Beteiligten selber tragen sie schließlich nicht selten wie ein schweres Unglück. Gelegentlich hört die Welt von dem Skandal, der das Ende einer solchen Liebelei begleitet; der treulose Liebhaber wird erschossen, oder die verlassene Braut schüttet ihm eine fressende Säure ins Gesicht. Häufiger als diese gewaltsamen Lösungen sind die stillen Leiden, die die Betroffenen ihr ganzes Leben lang tragen müssen. Mancher bleibt sein Leben lang unverheiratet, weil er seine Dame nicht heimführen will und sich doch aus ihren Banden nicht retten kann. Andere fügen sich dem unentrinnbaren Schicksal, da es denn doch einmal nicht anders sein kann; sie wandeln das Verhältnis in eine Ehe um, weil sie keinen andern Ausweg mehr sehen. Von Freude ist oft wenig bei ihnen zu merken, und manchmal hören wir sie über das „Malheur" klagen, dessen Opfer sie seien. Aus diesen Liaisons erklären sich zahlreiche merkwürdige Eigentümlichkeiten der Mischehen. So häufig diese sind, so selten tritt ein jüdischer junger Mann in eine wirklich gute christliche Bürgersfamilie ein. Diese bleiben ihnen im allgemeinen auch heute verschlossen oder werden von ihnen nicht aufgesucht. Vielmehr ist die Mischehe des jüdischen Mannes in einer sehr erheblichen Zahl von Fällen zugleich eine Mißehe. Der Mann steigt herab. Kein Wunder! Ein Mädchen aus einer anständigen Familie wird sich eben nur selten zum Spielzeug hergeben; mit guten, vornehmen Häusern kommt er daher von vornherein nicht in Berührung. Dieser Ursjxrung kann dann in der späteren Ehe lange nachwirken. Wie oft zieht hier der Bräutigam eine Scheidelinie zwischen sich und der Familie seiner Frau! Er kennt diese oft nicht, will sie nicht kennen und hat nicht selten allen Grund zu großer Zurückhaltung. Bisweilen verschweigt er sogar die Tatsache seiner Verheiratung, und nach Jahr und. Tag erst erfahren seine Freunde und Verwandten, daß er Weib und Kind besitzt. Aus dem gleichen Grunde ist dann der Bräutigam