Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Mischehen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 79 - 80 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Mischehen. 30 auch' oft so anspruchslos. Wenn er ein jüdisches Mädchen heiraten soll, überrascht uns oft seine Unbescheidenheit. An Persönlichkeit,. Familie und Vermögen stellt er die allergrößten Anforderungen und verlangt häufig mehr als ihm' zukommt. Wenn er aber seine G-eliebte heimführt, wird er begreiflicherweise sehr klein und bescheiden. Von einer Mitgift kann keine Rede sein, im Gegenteil, er muß oft der künftigen Gattin ' auch die Aussteuer stellen. Wenn er schon durch seine Ehe aus der Welt heraustritt, der er bisher angehörte, so scheidet er gleich gründlich aus ihr. Ganz anders liegen meist die Dinge, wenn ein jüdisches Mädchen einen andersgläubigen Mami heiratet. Hier kommt das Verhältnis als Ursache nur selten in Betracht, denn unsere Mädchen geben sich dazu nur in wenigen Ausnahmefällen her. Im Gegenteil! Sie hängen, auch wenn sie frühe schon das Elternhaus verlassen haben und in jungen Jahren bereits in der Großstadt wohnen, sehr an dem bürgerlichen und jüdischen Lebenskreis, dem' .sie entstammen, sie sind dankbar,- wenn sie gute jüdische Familien finden und möchten am liebsteh in dieser Welt verbleiben. Dafür leiden sie unter einer anderen schweren Not. Unsere jungen Männer verlangen meist eine hohe Mitgift, und ein unbemitteltes' Mädchen hat es deshalb schwer, sich standesgemäß zu verheiraten. Manches ausgezeichnete Mädchen steht dann vor (dem schweren Entschluß', entweder unverheiratet zu bleiben oder einem andersgläubigen Bewerber zu folgen, der mehr die Persönlichkeit würdigt und über das fehlende Vermögen nicht trauert. Hier ist also die Mischehe häufig, Adelleicht meistens, der freiwillig-unfreiwillige Aus\veg aus einer Notlage, die unseren Mädchen und uns das Herz bedrückt, und an der wir alle miteinander nicht schuldlos sind. So entstehen zahlreiche Mischehen in kleinen und mittleren bürgerlichen Verhältnissen. Anderer Art sind oft die in den obersten Schichten der Gesellschaft geschlossenen. Hier treibt nicht der Mangel, sondern der Ueberfluß. Mit dem Reichtum, der bereits1 vorhanden ist, soll sieb auch noch der Glanz einer besonders hervorragenden gesellschaftlichen Stellung vereinigen, und deshalb begehrt man hier die Verbindung mit hochgestellten nicht jüdischen Familien. Der junge Jude, der vor kurzem die Tochter eines berühmten deutschen Staatsmannes heimführte, der große Unternehmer, der seine Tochter mit eineta' unserer führenden alldeutschen 'Politiker verheiratete, der sie jetzt als ,,sein Portemonnaie" bezeichnet, sie suchen alle zu dem "bedeutenden Vermögen, das sie besitzen, auch noch den Eintritt in Kreise, die ihnen sonst verschlossen bleiben. Wie sich die Dinge während der Kriegszeit entwickelt haben, können wir zwar nicht ziffernmäßig angeben, wohl aber mit ziemlicher Sicherheit vermuten. Wahrscheinlich haben die Mischehen nach der Zahl, ganz besonders aber in ihrem Verhältnis zu den rein jüdischen bedeutend zugenommen. Vor allem sind die letztgenannten höchst selten geworden. Die Schattenseite der großen Vorsicht, die unsere Stärke und gleichzeitig unsere Schwäche ist! Wir sind eben heute eine Bourgeoisie geworden mit allen Vorzügen und Mängeln dieser Klasse. Ein jüdischer Vater gibt seine Tochter in Kriegszeiten nicht gerne aus dem Hause. Er fürchtet, sie könnte bald Witwe werden, und der Bräutigam denkt ebenso. Deshalb sind in den verflossenen zweieinhalb Jahren nur wenige Ehen bei uns geschlossen worden. Umgekehrt fanden viele ,Verhältnisse" bei der Einberufung durch Kriegstrauungen ihre Anerkennung. Die Braut sollte gesichert werden, den Titel Frau und beim Tode ihres Soldaten auch die Rente erhalten. Deshalb sind in der Kriegszeit viel mehr Mischehen als jüdische geschlossen worden^ und die am Eingang genannten Ziffern von 14 ,und 34o/0" werden heute kaum mehr gelten. Wie entwickeln sich nun diese Ehen? Werden sie glücklich oder scheitern sie? Hierauf läßt sich eine genaue Antwort nicht geben. Sein innerstes Familienleben hütet jeder als ein Heiligtum vor fremden Blicken. Wie der Arzt nur den Kranken kennen lernt und von den Gesunden wenig erfährt, so vernehmen wir im allgemeinen nur von den offenkundig unglücklichen Ehen, während von der Gottlob doch übergroßen Anzahl der glücklichen naturgemäß kein Mensch spricht. Und sicher ist auch ein großer Teil der Mischehen glücklich. Aber ebenso sicher ist es auch, daß sie in besonders hohem Maße bedroht sind, und daß neben den genannten glücklichen der Anteil der entschieden unglücklichen weitaus höher ist, als bei den ungemischten. Unter den besonders schwer gescheiterten und tief gesunkenen Menschen, die ich kennen gelernt habe, lebte eine ganz lauffallende Anzahl in Mischehe. Die Frauen im Gefängnis, die da ihre Strafe verbüßen, waren zum großen Teil, mit Andersgläubigen verheiratet und von ihren Gatten verlassen auf den Weg des Verbrechens geraten. Bei manchem Besuch habe ich nur solche getroffen. Nicht selten geben die Betroffenen ohne weiteres ihrer Ehe die Schuld an ihrem