Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Mischehen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 2)
- Language
- German
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75 Mischehen. 76 schwer zu ringen und hat es nicht leicht, sein besonderes "Wesen rein zu bewahren. Verhältnisse, au denen er persönlich ganz unschuldig ist, treiben den einzelnen. Juden und entfremden ihn seiner Religion und seinen Glaubensgenossen. Unsere Gemeinschaft ist sehr klein an Zahl, sie umfaßt in Deutschland wenig über 600 000 Seelen und spielt deshalb im bürgerlichen Leben kaum eine Rolle. Unsere Feiertage fallen mit den bürgerlichen nicht zusammen. Infolgedessen verbringt der Jude seine festlichen Zeiten, Pesach, Schowuoth und Suhle oth, sehr häutig in seinem Geschäft oder auf der Reise in angestrengter Arbeit; dagegen sind Ostern, Pfingsten und Weihnachten für ihn zwar nicht religiöse Festtage, aber doch Ferientage und freudig begrüßte Zeiten des! Ausruhens. Unseren Schülern müssen wir im Religonsunterricht mit Mühe klar machen, was Chanukka und Purim, was Tischobeaw oder Roschchodesch bedeutet. Dagegen wissen sie ohne weiteres, wann Lichtmeß oder Fronleichnam gefeiert wird. Das Leben selber macht sie mit den Feiertagen unserer Mitbürger bekannt und läßt ihre eigenen, die jüdischen, in den Hintergrund treten/ So wirkt die stille Macht der Zeit noch in vielen anderen Punkten schwächend, auf das jüdische Bewußtsein der Kleinen und der Erwachsenen ein.' Das' schwerste Verhängnis aber ist für das Judentum die steigende Schwierigkeit, den Sabbat zu halten. Sehr viele Juden verbringen unseren geheiligten Ruhetag im Kontor, hinter dem Ladentisch oder sonstwie in angespannter Berufstätigkeit und ruhen dafür am Sonntag. Diese Verschiebung bedeutet für das Judentum ein schweres' Schicksal. Den Freitagabend mit seiner wunderbaren Verschmelzung von "Religion und Familienleben lernen unsere Zeitgenossen gar nicht mehr kennen, oder er verblaßt für sie zu einer Erinnerung aus den Kind er tagen. Sie erleben unsere Religion nicht mehr in ihrer schönsten Schöpfung und Gestalt. Der Sabbat führt sie nicht mehr ins Gotteshaus, und. sie entbehren, ohne es selber recht zu bemerken, der regelmäßigen Vereinigung mit den Glaubensgenossen und der Stärkung und Ermutigung, die aus der bestäudigeiiVerbindung mit ihnen hervorgeht. Also arbeitet die Zeit an der Zerstörung des Judentums und bedroht uns in unserer religiösen Selbständigkeit. Sie räumt auch die seelischen Hindernisse aus dem Wege, die der Mischehe bisher entgegenstanden, und macht ihren Eroberen gszng begreiflich. Und unsere g e s e 11 s c h a f t .1 i c h e n u nd w i r t s c h a f t liehen V e r h ä 1t - n i s s' e bereiten ihr nicht weniger den Boden. Heute noch ist die Mischehe auf dem Lande eine seltene Erscheinung und wird dort stets als ein tief bedauerliches Ereignis betrachtet. Um so häufiger ist sie in der Stadt, insbesondere in der Großstadt. Dort findet sie erst die nötigen Voraussetzungen. "Und die zunehmende Abwanderung der Juden v o m Lande i n d i e St a d t i s t einer der wichtigsten Gründe für ihre ständig wachsende Verbreitung. Unsere Väter und Großväter wohnten noch zum großen Teil in Dörfern und kleinen Städten. Dort kennt noch einer den anderen, die Glieder der jüdischen Gemeinden hängen enge miteinander zusammen und sind untereinander fest verbunden. Den Strömungen der neuen Zeit zum Trotz sind sie dennoch jüdisch fromm, das Gotteshaus vereinigt sie immer wieder, und die Religion ist für ihr Leben und ihr Denken eine große und entscheidende Macht, der sie sich in ihrer Ehe und in ihrem Famlienleben am allerwenigsten entziehen möchten. In dieser Welt kann die Mischehe sich nicht einbürgern. Eine ganz andere Luft weht in der großen Stadt. Hier ist der einzelne in viel höherem Grade auf sich selbst gestellt. Auf hundert Bürger entfallen oft ein oder zwei Juden. Das kleine Häuflein verteilt sich über alle Straßen, über das ganze große Häusermeer, und es kann selbst vorkommen, daß einer seine Glaubensgenossen gar nicht kennt und in vielen Jahren unter ihnen keine Freunde und Bekannte findet. Vor allem leben , in dieser Einsamkeit die Angehörigen jener Berufe, die unter uns weniger verbreitet sind. Beamte, Ingenieure. Aber auch Kaufleute begegnen uns nicht selten, die in großen Städten für uns wie verloren leben, ohne den geringsten Zusammenhang mit .luden und Judentum. Hier erst bildet sich die wahre Diaspora, wie sie der bisherigen jüdischen Geschichte unbekannt war. Hier entfällt auch die Rücksicht auf die Glaubensgenossen und der wohltätige Zwang, den ihre öffentliche Meinung ausübt, denn diese kann sich für viele von vornherein schon gar nicht bilden. Wenn unsere jungen Leute mit 14, mit 1(5 Jahren, hierherkommen, werden sie ihrem Elternhause, seinem Geiste und seiner Lebensführung fremd und gewinnen keinen Ersatz dafür. Oft kommen, sie mit gutem jüdischen Wissen in der neuen Heimat an, sie kennen (die hebräische Bibel, die Mischna, und leben zunächst nicht anders als zu Hause auch. Dann aber erlahmen allmählich die Antriebe, die ihre Erziehung ihnen gegeben hat. in den wichtigsten, entscheidendsten Jahren, entziehen sie sich nunmehr jeder religiösen, jeder jüdischen Einwirkung, und die Gesellschaft hält sie nicht zurück. Dafür gewinnen sie einen, neuen Umgang. Die F r a u e n arbeit gewinnt