Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 69 - 70 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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69 Am Tage des Gerichtes. 70 Geh nach Hause und ruhe dich aus . . . Nein, deine Schwester würde erschrecken. Komm lieber in meine Wohnung!" Er faßte ihn am Arm und zog ihn fort Er drängte den Freund in die gute Stube und bereitete ihm ein Lager. „Ich würde dir raten, ein Glas Milch zu trinken. Erschrick nur nicht. Du darfst es, könntest sonst ernstlich erkranken. Brauchst nicht zuerst den Rabbiner zu fragen. Sei nicht überfromm; bist Vater von zwei Kindern . . . Nimm dich in acht . . . Schlaf dich aus. Ich wecke dich zu Musaph. Es wird kein Loch im Himmel, wenn du einmal im Leben das Schacharith am Jörn Kippur verfehlst . . . Soll ich die Fensterläden schließen?" „Nein, nein!" schrie Simon Berg. 'Der andere musterte 'ihn erstaunt. „Sei doch "kein Kind! Na, schlaf nur, schlaf!" * * * Als Simon Berg in vorgerückter Mittagsstunde am Arme seines Freundes das Bethammidrasch betrat, mußte er am Eingang stehen bleiben, denn die Versammelten wogten'in losen Reihen auf und ab. Onufry, der „Schabbes-Goj", ging umher und putzte" die Lichter; er bot aus einer Horndose einen wohlriechenden, eigens für den heutigen Tag zubereiteten Schnupftabak herum. Die Vorlesung aus der Thora war soeben 'beendet. Dem "Eintretenden hallte es entgegen: „Gruß dem Fernen, Gruß dem Nahenden, spricht Gott, ich will ihn heilen. Die Bösewichter aber sind wie das aufgepeitschte Meer, das nicht ruhen kann, seine Wasser treiben Schlamm und Lehm. Es gibt keinen Frieden, spricht Gott, für die Bösewichter." .. . Es war Esra Stretyner, der auf der Bima stand und die Haphtara vortrug. Seine gedämpfte Stimme klang jetzt voll und kräftig. Simon Berg wand .sich zu seinem Sitz hin und fing abgerissene Sätze aus den Worten des Jesaja auf . . . „Rufe aus lauter Kehle, halte nicht ein; wie eine Posaune erhebe deine Stimme und künde meinem Volke seine Sünden ... Ist das etwa ein Fasten, das mir wohlgefällt, wenn der Mensch sich kasteit, sein Haupt wie ein Schilf niedersenkt, auf Sack und Asche sich "bettet? Nein! Darin besteht das Fasten, welches mir wohlgefällt, daß ihr die Schlingen des Bösen zerreißet, löset die Bande der Unterjochung, die Unterdrückten frei entlasset und alle Fesseln sprenget . . dann wird dein Licht wie der Morgenstern aufgehen . . . deine Gerechtigkeit schreitet dir voran. Gottes Ehre nimmt dich auf" . . . „Die Pause wird kurz sein müssen", bemerkte Mendel, „es ist spät geworden." Es dauerte nicht lange, da schwang Perez, der Schammes, seinen mächtigen gepolsterten Klopfer und ließ drei wuchtige Schläge auf das Lederkissen neben dem Altar niedersausen, daß es cfurch den ganzen Saal dröhnte. Durch die geöffneten Türen strömten Kinder und Erwachsene, deren beide Eltern am Leben waren, hinaus, dann schlössen sich die Türen und eine Stille entstand. Die Totenfeier begann. David Chasan stand vor dem Altar auf der Bima und vor ihm lagen die beiden Thorarollen. Er stimmte den herzergreifenden Gesang an: „El mole rachamim . . . O Gott, der du bist voller Gnaden, der du thronst in den Höhen, machtvoll in deiner Barmherzigkeit, gewähre selige Rnlie unter den Flügeln der Scheelüna in Gemeinschaft der Heiligen und Reinen, die da strahlen und leuchten im Glänze des Himmels, den Seelen derer, die eingegangen sind in ihre Welt." . . . Die Toten wurden aufgerufen. Simon Berg schloß die Augen und lauschte den Namen, und in ihm wachte der ganze Kinderglaube auf. Alle kamen sie herbei, die einst hier auf Erden gelebt und ein gesegnetes Andenken bei'den Geschlechtern der Menschen hinterlassen haben. Nun weifen sie dort oben unter den Flügeln der Scheckina, in ewiger Heiterkeit, sitzen in Reihen mit Strahlenkronen um die Häupter und weiden ihre Augen an dem Anblick Gottes. Oder Gott lustwandelt mit ihnen im Gan Eden und offenbart ihnen den tiefsten Sinn der Gebote und die Geheimnisse der Thora und alle Rätsel der Welt. Alles, worüber die Menschen hier im Leben vergeblich sinnen, \vird ihren Seelen dort klar: wie "die Schöpfung geworden, wie Himmel und Erde zusammenhängen, warum die Guten hienieden leiden und die Bösen frohlocken, -wann Messias kommen wird, um Israel zu ßefreren und die Welt zu erlösen. „Jiskor Elohim", erscholl es von der Bima herab. Jetzt gedachte jeder seiner Angehörigen "besonders. Simon sah seinen Vater in der letzten Stunde und »hörte dessen brechende Stimme, {die den Sohn segnete. Dann erblickte er das Gesicht seiner Mutter, "lieblich, lächelnd; ihr war die Schwester so ähnlich. Aber er empfand keinen nagenden Schmerz mehr bei der Erinnerung, sondern nur eine milde, resignierte Wehmut. Erst als er seine Frau erblickte, schluchzte Simon laut aut und verdeckte sein Gesicht mit den Händen. „Jiskor Elohim", ertönte abermals die Stimme des Vorbeters. „Gedenke, o Gott, der Seelen aller, die getötet, erschlagen, hingeschlachtet, verbrannt, ertränkt, erwürgt, gerädert,gev:erteilt wurden wegen ihrer Treue zu deinem heiligen Namen. Wir geloben Zedakah zur Erinnerung an ihre Seelen. Mögen sie aufgenommen sein in den Bund des Lebens zusammen mit Abraham, Jsaak, Jakob, Sara, Rebekka, Rahel und Lea und allen anderen Gerechten, Männern und Frauen, die im Gan Eden weilen." Ein großes Weinen ging durch den Raum und wollte sich lange nicht beruhigen. Darin erstarb der nachfolgende Psalm. Aber um die Trauer nicht über Gebühr ausdehnen zu lassen, faßte David •Chasan die eine der Thorarollen an und hob sie in die Höhe. Esra ergriff die andere. „Jehallelu!" ertönte ein triumphierender Hymnus, die Pforten der Heiligen Lade öffneten sich. Eine Weile schwebten die beiden Thorarollen in ihren schimmernden Kronen wie Feuerflammen über den Häuptern der Menge, aller Augen waren zu ihnen erhoben. Dann schritten die beiden Männer singend die Stufen hinab. Das Volk wälzte sich heran. Väter hoben ihre Kinder in die Höhe. Hundert Arme streckten sich aus, um die Thora zu berühren und zu küssen, während die Glöckchen in den Kronen fein erklangen. Eine Weile verging, dann stand David wieder aut der Bima vor dem Altar. Reglos wie eine weiße Statue steht er da, ganz in seinen Talith gehüllt. Nur ein leises Beben geht durch seine hohe Gestalt. Jetzt rüstet er sich zu dem großen schweren Gang, um vor Gottes Thron hinzutreten und für die ganze Gemeinde Fürsprache zu halten.