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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 67 - 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-01-01
Page
Seite 67 - 68 (sequence 8)
Language
German
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67 Am Tage des Gerichtes. 68 damit, und 'gtbt es zurück mit reichlichen Zinsen. Es ist abgemacht ... Er erhält sein Geld aus Leipzig mit Zinsen und Zinseszinsen . . . Wenn ich kein Glück habe und das Geld verliere? . . . Ach, du wirst schon Glück haben . . . Gerade solches Geld bringt Glück . . . Das ist nun einmal so in der Welt . . . „Uebervorteilung eines Goj ist schwerer als eines Juden, wegen des Chillul Haschern.". . . .„Wer einen Goj übervorteilt hat und der Goj stirbt, für den gibt es keine Sühne, wegen des Chillul' Haschern." . . . Was für ein Chillul Haschern, Narr? . . . Wer weiß es denn? Keine Seele hat eine Ahnung davon . . . „Wer einen Chillul Haschern im Verborgenen begeht, dem zahlt man es heim in der großen Oeffentlichkeit . . . Und wenn ihm das Glück lacht, so sucht man es an seinen Kindern heim"... An meinen Kindern? . . . Was haben meine Kinder verschuldet? . . . Meine armen kleinen Kinder . . . „Ein Dieb, auch wenn er freiwillig das Gestohlene herausgibt, hat seine Glaubwürdigkeit als Zeuge verloren, bis er Buße getan" . . . Wer spricht das? Ah; Reb Meir Melammed. Ihr braucht mich nicht als Zeugen anzurufen, Reb Meir, ich verzichte aut euch und alle anderen und die ganze Gemeinschaft... An meinen Kindern heimsuchen? ... Simon Berg sah jetzt seine beiden Kinder vor sich, und das Blut kochte in ihm auf bei dem Gedanken, daß sie bestraft werden sollten, weil Stefan Gemba neuntausend Gulden weniger im Vermögen hat, neuntausend Gulden, die er in Karten erspielt hat, auf einem wüsten Gelage mit betrunkenen Kumpanen. Dieser Stefan Gemba, der habsüchtig und geizig ist, seine Angestellten und Arbeiter schindet, alle Welt bewuchert und für seine unmäßigen Genüsse Geld zum Fenster hinauswirft. Simon sah sich ohne Posten dastehen, mittellos, von einem Gutshot der Umgegend zum anderen pilgernd, um nach einer Beschäftigung zu fragen ... Er ist nicht mehr der Oberverwalter von Rebenstein, vor dem sich alle Türen öffneten, dessen Gunst man suchte, sondern ein simpler Angestellter ohne Posten . . . „Ah, Herr Berg, Sie sind es? . . . Sie möchten eine Anstellung bei mir haben? . . . Das tut mir sehr leid . . . Alles besetzt . . . Vielleicht nächstes Jahr . . . fragen Sie mal wieder nach. Sobald etwas frei, wird, denke.ich zuerst an Sie . . . natürlich . . . Ich kenne ""Sie "ja 7. . Auf Wiedersehen, Herr Berg". . . Der Kredit ist zu Ende, die Kinder darben . . . Vielleicht beginnen sie ein solches Leben, wie es der Vater und die Tante durchgekostet haben, schlafen auf Hobelspänen, essen gebratene Kartoffeln, werden herumgestoßen, bis sich ein Rebenstein findet, der sich des Jungen erbarmt und ihm fünf Gulden schenkt. Und das alles, weil Reb Meir Melammed sagt, daß . . . Ihr lügt, Reb Meir Melammed . . . alle zusammen lügt ihr . . . Das ist alles kindisches Gerede, gut für alte Weiber . . . Betrug ist es . . . die Leute führen uns an der Nase herum. Nichts ist verboten! Es ist erlaubt, den Goj zu betrügen . . . Dieser Alte will uns was einreden . . . Es ist erlaubt, den Goj zu übervorteilen; wenn er sich geirrt hat, gehört es mir . . . Ich habe es selber hundertmal gelesen, in Zeitungen und gelehrten Büchern, verfaßt von berühmten Professoren! . . . Die jüdische Religion erlaubt es . . . Die Professoren wissen die Wahrheit . . . Die Rabbinen betrügen uns, machen uns blauen Dunst vor, möchten uns alles verbieten . . . Schwindel! Ich lasse mich nicht länger nasführen . . . Alles ist Lüge ... Der Talmud lügt, die Bibel lügt . . . Moses hat gar nicht existiert . . . Gott hat keine Thora gegeben . .'• . Auch das haben die Professoren entdeckt ... Die Gelehrten in den Hauptstädten wissen die reine Wahrheit Die kennen alle Bücher, welche in den Bibliotheken liegen. Alles ist Lug und Trug. Der Jude darf den Goj betrügen, es ist sogar eine Mizwah, ihn zu betrügen. Die jüdische Religion erlaubt es . . . Ich behalte das Geld ... Es ist mein . . . Ich pfeife auf Meir Melammed und alle die anderen. Es gibt keine Sünde .;. . Ich werde Millionär und Baron. Ich fahre vierspännig und bekomme einen hohen Orden . . . Was geht mich Meir Melammed an, und Esra Stretyner, und David Chasan und alle anderen Juden? Was habe ich mit ihnen gemein? ... Ich schenke ihnen durch meinen Oberverwalter zehntausend, zwanzigtausend Gulden für ihre Schnorrer und kenne sie weiter nicht . . . Ich komme nicht in Berührung mit ihnen. Ein schmutziges Volk . . . ein gemeiner, ej.n scheußlicher Glaube, den sie bekennen. Ich bin Baron Berg . . . Ich verkehre nur mit Baronenl Grafen und Fürsten ... Ihr geht mich nichts an, ich pfeife auf euch ... ich hasse euch.. . Oh, wie ich euch hasse ... O Gott, o Gott! Warum peinigst du mich, so hart? Wo ist deine Barmherzigkeit, wo ist deine Gerechtigkeit? Warum führtest du. mich in solche Versuchung? . '. . Was habe ich von meinem Leben gehabt? Gedarbt habe ich, gehungert und gearbeitet, und wieder gearbeitet . . . Nur eine kurze Spanne Zeit durfte ich glücklich sein . . . Dann nahmst du sie mir... Warum mußte sie sterben? . . . Ein wilder Schmerz krallte sich in sein Herz hinein . . . Das Bild seiner Frau war in seinem Gedächtnis aufgestiegen ... Er sah ihr wunderschönes Gesicht mit den traurigen Augen, er hörte die liebe, liebe Stimme, so lebendig, so frisch . . . Dann kam ein Taumel und umnebelte seine Sinne ... Er streckte die Arme ins Leere und schrie laut auf . . . Warum mußte sie sterben? So jung, so schön . . . Und die armen Würmer zu Waisen machen? . . . Wie führst du, Gott, diese Welt? Verteilst du ihre Güter gerecht unter deinen Geschöpfen? Die einen schwelgen in Ueberfluß, die anderen hungern und darben. Bist du ein Gerechter, wo ist deine Ge^ rechtigkeit? Bist du ein Held, wo ist dein Heldentum? Wo bist du? Warum schläfst du? Bist du überhaupt da in der Welt? ... Eine wilde Wut packte ihn . . . Es gibt keinen Gott! Es gibt kein Gericht, es gibt keine Gerechtigkeit! Alles ist erlaubt! Ich laß mich taufen! Wer Kraft hat, genieße! ... Er schrie es hinaus in die tiefe Stille der Felder, er schrie es der aufgehenden Sonne entgegen . . . Die geballten Fäuste reckte er trotzig zum Himmel empor: Es gibt keinen Gott! Es gibt keinen Gott! Alles ist erlaubt. Ich laß mich schmadden . . . Heute, am Jörn Kippur! . . . allen zum Trotz. Der Sturm in seinem Innern drohte, ihm die Brust zu sprengen. Mit rasender Heftigkeit schritt er dahin, ohne zu wissen, wo er war. In der aufgewühlten Seele dieses willensstarken Tatenmenschen "härtete sich die Wallung langsam zum Entschluß . . . „Simon, um Gottes willen! Wie siehst du aus! Du bist ja krank! Armer Mensch." Mendel Färber stand vor ihm und betrachtete ihn besorgten Auges. „Seit drei Stunden suche ich dich! Bist du die ganze Nacht umhergeirrt? Du bist krank.

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