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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 7)
Language
German
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65 Am Tage des Gerichtes. 66 begaunern, zu hestchlen, irre zu führen: Nun sieht man es ja . . . Ein großer Judenhaß entstellt, vielleicht eine Judenverfolgung. Die Großgrundbesitzer der Umgegend "jagen iure jüdischen Verwalter und Pächter davon, lassen keine jüdischen Handwerker über die Schwelle ... Sie hassen uns ja im Grunde alle, die Gojim, alle sind sie im' stillen Judenfeinde, tun nur schön mit uns, solange es uns gut geht. Natürlich bekommen das nur die Armen zu fühlen, vor den reichen Juden scharwenzeln sie . . . Wenn ich, Simon Berg, die neuntausend Gulden behalte und ein Millionär werde, kann ich geadelt werden. Meiner Tochter gebe ich einen Grafen, mein Sohn wird General. Wie war es denn mit dem Baron Rubinski? Der hinterzog einige hunderttausend Gulden Spiritussteuer, ließ sich auf die alten Jahre taufen; sein Sohn ist heute Minister. O, man könnte zehn andere Beispiele anführen. Wenn ich aber heute dem Stefan Gemba das Geld zurückstelle, bin ich morgen ein jüdischer Gauner. Auf alle armen Juden fällt ein dunkler Fleck . . . Und ich kann betteln gehen. Man weist mich von jeder Türe, man verfolgt mich' . . . Simon Berg bekam ordentliches Mitleid mit sich, den alle Gojim so verfolgen, dem keiner eine Anstellung geben will, den man verhungern läßt, weil er ein Jude ist . . . Was war das für eine Dummheit, das Geld mitten in der Nacht hinzutragen! Nein, ein Narr zu sein, befiehlt Gott selber nicht . , . Solche Sachen wollen überlegt werden . . . Keine Furcht, das Geld behält Simon Berg nicht . . . Das steht felsenfest. . . Wenn Simon Berg einen Entschluß gefaßt hat, kann ihn keine Macht der Welt ins Wanken bringen . . . Nur muß man bedenken, daß kein Unglück daraus entstehe, vor allem, daß die Ehre des Judentums keinen Schaden leide .. . Das beste wäre, aufzupassen, wenn Stefan Gemba wieder einmal zu ihm kommt und den Mantel im Korridor ablegt, ihm das Geld heimlich in die Tasche zu stecken. Er findet es und ist beglückt. O, Stefan Gemba wird keine Umstände machen . . . Dann bist du die ekelhaften, übelriechenden, verpesteten Papierlappen los und hast Ruhe . . . Ach nein, pfui, pfui! So macht es der richtige Taschendieb. So machen es die Dienstmädchen, wenn sie was gestohlen haben. Ist es soweit mit dir gekommen, Simon Berg? Lieber schickst du es ihm mit der Post! . . . Ach, was für ein trefflicher Gedanke! Warum habe ich nicht gleich daran gedacht? . . . Gewiß ... Du fährst nach Lemberg, nach Wien, nach Leipzig, und gibst das Geld einfach als Geldbrief auf . . . Das wäre ausgezeichnet! Denk dir, du hättest das Geld geborgt . . . Du zahlst ihm die Zinsen ... Er nimmt gewöhnlich achtzehn Prozent. Wieviel macht das in drei Monaten? . . . Das legst du hinzu . . . Gibst es in Leipzig auf . . . ,,An Herrn Stefan Gemba, Hochwoh [geboren . . . Anbei die neuntausend Gulden, die ich Ihnen schulde, mit achtzehn Prozent Zinsen für drei Monate." . . . Unterschrift unleserlich . . . Simon Berg war so froh, daß er einen Luftsprung machte. Nun hatten alle Qualen ein Ende. Das war eine Erlösung?! . . . Er fühlte eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern und mußte sich auf einen Stein niederlassen. Aber im Herzen war es ihm hell und licht . . . Wie lange schon hatte er eine solche Stunde nicht gehabt? . . . Das wird einen gelungenen Spaß geben. Stefan Gemba wird Augen machen! Das halbe Hausgesinde wird er vor Freude verprügeln. Und er wird sich genau entsinnen, vor drei Monaten jemandem neuntausend Gulden geliehen zu haben, zu achtzehn Prozent, wie gewöhnlich . . . Er wird sich brüsten, daß Gott die ehrlichen Leute vor Schaden bewahrt. He, konnte Stefan Gemba nicht noch eine Zeitlang warten? Zwei Jahre, drei Jahre, zehn Jahre . . . Das Geld kannst du ihm ja verzinsen . . . Meinetwegen zu zwanzig, zu dreißig Prozent; es wird sich lohnen. Du wirst Millionär werden . . . Gerade solches Geld bringt Glück . . . Das ist nun einmal so in der Welt . . . Simon Berg sah sich als Millionär und Wohltäter. Er stiftet silberne und goldene Leuchter für die große Synagoge, kauft eine Menge schön gebundener Bücher für das Bethammidrasch, erbaut ein Krankenhaus, ein Waisenhaus, ist geehrt und beliebt. Die schmutzigen paar tausend Gulden hat er dem Stefan Gemba längst, längst aus Leipzig zurückgeschickt. Was spielen neuntausend Gulden für eine Rolle bei ihm? . . . Die Sache ist vergessen und verschollen . . . Ein ganz kleines, verschwindendes Pünktchen auf einer schimmernden Meeresfläche . . . Jetzt übt er Wohltaten in Hülle und Fülle, stattet elternlose Mädchen aus, gewährt armen Handwerkern und Kaufleuten unverzinste Darlehen, Christen wie Juden. Das gilt ihm gleich, alle haben es gleich schwer in der Welt, alle sind Gottes Kinder. Er gibt in einem Jahr auf Zedaka mehr aus, als mancher im Vermögen hat. Und alles geht von jenem kleinen dunklen Pünktchen aus . . . Neuntausend Gulden, die er sich bei Stefan Gemba ohne dessen Wissen entliehen hatte ... Ei, wenn dieser Kerl ihm freiwillig zehn-, zwanzigtausend borgen wollte? . . . Einen Versuch machen? . . . Vergebliche Mühe ... Er wird Sicherheiten fordern. Was für Sicherheiten kann ich ihm bieten? Die Stellung bei Rebenstein ist aus . . . Dieser Rebenstein . . . Was ist das für eine Welt! . . . Wenn der sagen wollte: „Simon Berg, du hast meinem Vater zwanzig Jahre gedient, du hast das Vermögen vergrößern helfen, ietzt bist du ohne Posten, hier hast du fünftausend Gulden zu Sparkassezinsen, fang ein Geschäft an und werde ein reicher Mann."" Aber nein! Mit Pariser Kokotten wird er das Geld verjubeln, im Champagner ersäufen, aber einem ehrlichen Menschen zum Fortkommen behilflich sein, das nicht. Und solch einer verfügt über Millionen. Wo bleibt da die Gerechtigkeit in der Welt? Wie hat er es mit dem armen Studenten gemacht, der bei seinem Vater Sekretär war? Ließ sich wegen der armseligen paar tausend Gulden verklagen, war bereit, einen Meineid zu leisten, ließ sich verurteilen und entzieht sich bis heute der Zahlung... Ei, bei dem müßte man eine Zwangsanleihe machen . . . Wie wärs? . . . Simon Berg erschrak und sprang auf . . . Nein, nein, weg von mir! . . . Dieb, Dieb! Nein, um keinen Preis der |Welt! Wenn ich mit meinen Kindern Hungers sterben müßte . . . Die Hand nach fremdem Gut ausstrecken! . . . Vertrauen mißbrauchen! Mein Brotgeber! . . . Zwanzig Jahre habe ich treu und redlich gedient! Nein, nein, Dieb! Dieb1! Ei . . . Warum "Dieb? . . . Wirst du das Geld nicht, mit Gottes Hilfe, zurückschicken? Aus Leipzig mit der Post? ... Du willst nicht? . . . Na, also nicht . . . Aber Stefan Gemba? Das ist ganz -was anderes. Der hat mir aus freien Stücken das Geld in die Hand gegeben. Ich benutze es, mache Geschäfte

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