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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 63 - 64

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 6)
Language
German
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63 Am Tage des Gerichtes. 64 schloß, das mußte gleich ausgeführt werden. Er wollte auf der Stelle nach Hause gehen, die Brieflasche holen und zu Stefan Gemba eilen . . . Stefan Gemba, du hast dich geirrt, hier hast du deine neuntausend Gulden wieder . . . Guten Tag, Stefan Gemba . . . Simon Berg erhob sich und atmete tief. Ihm war leicht ums Herz geworden . . . Eine Verirrung . . . das kann jedem passieren. Eine Versuchung . . . Führe uns nicht in Versuchung und bewahre uns vor Schande! . . . Aber er, Simon Berg, hatte die Versuchung bestanden. Nein, es war nicht einmal eine Versuchung, nur ein Traum war es . . . Vergessen! Ausgelöscht aus dem Gedächtnis. Er knüpfte wieder dort an, wo er vor drei Monaten stand . . . Mancher liegt drei Monate in hitzigem Fieber, dann erhebt er sich kerngesund, fröhlich und munter, wie der Fisch im Wasser . . . Simon Berg schritt rüstig aus und trällerte ein Liedchen vor sich hin ... Es war dunkel ringsum, nur am Himtnel funkelten die Sterne . . . Weggewischt muß alles werden. Welch schreckliche drei Monate, wie wenn er in einem Keller gelebt hätte . . . Wie dumm, sich die ganze Zeit so zu quälen! Warum hatte er das nicht schon längst getan? . . . Das war ja so einfach! . . . Einmal war er ja schon dabei gewesen ... Er erinnerte sich genau. Eines Morgens erwachte er nach einem1 tiefen, erquickenden Schlaf. Das Zimmer war voll Sonne, durch das offene Fenster drang Blumencfuft und Vogefgezwitscher, Tautropfen glänz'ten an den Blättern . . . Simon Berg war fieiter und vergnügt und eine Stimme rief in ihm: „Mach keine Dummneiten, Simon Berg, es schickt sich nicht für einen braven Kerf. Laß dich nicht umgarnen, bald wird es zu spät sein"... Er ging zur Kammer, sciion war der Schlüssel im Vorlegeschloß umgedreht ... da erschien er . . . der Andere . . . der Jezer hara nämlich . . . leibhaftig stand er bei ihm, er selbst und doch ein anderer . . . Der böse Trieb, der immerwährend im Menschen wohnt; es war wie ein Gespenst am hellichten Tage . . , Der böse Trieb, ganz wie es im Midrasch steht . . . Mit seiner eigenen, Simon Bergs Stimme, redete er zu ihm: „Narr,'die neuntausend Gülden sind dein! Narr! Hast du jemanden bestohlen? Hast du jemandem weh getan? Das erste Mal im Leben hast du den Schlüssel zum Reichtum in Händen, das wiederholt sich all deine Tage nicht wieder . . . Stefan Gemba wird sich ausschütten vor Lachen und dich einen Dummkopf nennen" . . ,. Dann faßte er ihn förmlich bei der Brust und stieß ihn zurück. Stundenlang nachher klang in seinen Ohren noch das höhnische Lachen und er empfand mit Grausen den unheimlichen Gesellen, den Jezer hara, der zu den Menschen herunterkommt, um sie zu verführen, und dann in den Himmel emporsteigt, um sie anzuklagen . ,. Und jetzt in dieser einsamen Stunde fühlte er wieder seine Nähe . . . hörte seine Tritte, wie er durch die Nacht leise neben ihm einherschritt, einem Schatten vergleichbar. Irgendwo aus 'den tiefsten Tiefen der Seele war er aufgetaucht, wo im Menschen das nackte Urtier verborgen schlummert. 'Er schlüpft in allerlei Gestalten . Jetzt erschien er als teilnehmender, besorgter Freund . . , „Das ist schön von dir, Simon Berg, daß du dein Unrecht wieder gutmachen willst. Wenn es auch nur Stefan Gemba ist, man darf ihm nichts wegnehmen, auch nicht, was er selber auf unrechte Weise erwarb, das erst recht nicht ... Es ist ein großes Opfer von dir, das du bringst. Gott wird es dir löhnen, gewiß, im Diesseits und im Jenseits. Du kannst stolz darauf sein. Nicht jeder wäre einer solchen Heldentat fähig. Wer ist ein wahrer Held? sagen unsere Weisen, wer seinen bb'ösen Trieb bezwingt. Du darfst dich bewundern, (bist erhöht über alle Anderen, darfst im Stillen' auf sie herabsehen. Bist heil aus der Versuchung hervorgegangen. Neuntausend Gulden! Kein 'Mensch hat eine Ahnung von der ganzen Sache. Du könntest ein reieher Mann werden, aber du wirfst es von dir, willst lieber weiter ein Knecht sein, vielleicht sogar darben, hungern, um nur deine Hände nicht mit unrechtem Gut zu beschmutzen. "Gott wird es dir löhnen. Du hast ein Recht, das von ihm zu fordern . . , Stefan Gemba wird das freilich nicht zu Würdigen wissen. Er wird dich nur ausfachen. Ausschütten wird er sich vor Lachen. Einen Narren wird er dich nennen! . . . Aber was "kümmert dich Stefan Gemba? Ich will lieber mein ganzes Leben bei den 'Menschen ein Narr heißen, |als in den Augen Gottes eine Weile ein Bösewicht sein, sagen unsere Weisen . . . Wenn nur der Schuft die ganze Sache nicht ausposaunt . . . Der ist fähig und trägt es gleich morgen in der ganzen Umgegend herum . . . „Seht', wird er sprechen, „dieser Simon Berg, dieses unschuldige Lamm, dem wir alle ungezählte 'lausende anvertraut haben, wißt ihr, was er ist? Ein Dieb ist er, ein einfacher Taschendieb. Nimmt mir der Mensch, da ich gerade betrunken bin, zehn Tausende für zehn Hunderte ab und behält sie drei Monate für sich. Erst am Jörn Kippur, da packt ihn die Angst vor der Hölle und er schleicht sich nächtens zu mir wie ein Dieb Lund «gibt mir das Geld wieder. Hättet ihr das geglaubt?" . . . Simon Berg überlief es kalt und heiß. Er wankte. Schon hörte er das Gezischel um sich' her ... Er ist lächerlich gemacht. Ansehen und Kredit sind auf immer dahin . . . Mit leeren Händen steht er da, ein Gespött für alle Klug^ Schwätzer, die Neider triumphieren, auf seine Vergangenheit fällt ein Schatten . . . Wer kann wissen,, wieviel der in seinem Leben zusammengestohlen hat? ... Er ist für alle Zeiten gebrandmarkt. Seine Kinder sind gezeichnet. Die Schwester ist gebrochen und weint sich die Augen aus . . . ""Das 'hat in einem 'Augenblick Stefan Gemba gemacht. Jetzt haßte er Stefan Gemba auf den Tod, den Vernichter seines Glückes. Alles, was er in zwanzig Jahren redlicher schwerer Arbeit aufgebaut, hat dieser mit drei Worten zerstört ... So lohnt Gott ihm, Simon Berg, die gute Tat . . . Das hat man davon, wenn man eine Mizwah tut . . . Simon Berg knickt zusammen unter der Wucht des Unglücks, das Stefan üemba über ihn gebracht . . . Jener aber, der Andere, der nicht von seiner Seite weicht, fährt fort: Stefan Gemba begnügt sich natürlich nicht damit, dich, Simon;Berg, allein zu vernichten, er sagt: „Seht ihr, so sind die Juden! Alle sind sie Diebe 'und Gauner, dem Ehrlichsten darf man nicht trauen." Und alle Gojim stimmen ein. Welch ein Chillul Ha- .schem! Wie war er stolz darauf, wie freute er sich im stillen über seinen guten Ruf. Alle Christen, die ihn, Simon Berg, kannten, ließen kein böses Wort auf die Juden kommen . . . Jetzt wird das Gezeter losgehen . . . Seit Jahren stand es jeden Tag in der Zeitung, gelehrte Professoren, berühmte Schriftsteller verfaßten ganze Werke darüber, wiesen aus alten Büchern nach, daß dem Juden die Religion es erlaube, oder sogar gebiete, den Goi zu

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