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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 61 - 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 5)
Language
German
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61 Am Tage des Gerichtes. 62 dir ja auf der Stirn geschrieben!", . . Es war die gedämpfte Stimme von Esra Stretyner, die ihm dies Wort zuraunte. Er sah das magere Asketengesicht Esras mit den großen brennenden Augen vor sich . . . Dort drüben, eine Bank vor ihm, hatte er seinen Ständer.. . . Er war Besitzer eines der größten Güter der Umgegend mit mehreren landwirtschaftlichen Industrie-Betrieben darauf. Vom einfachen Dorfgeher hatte er sich emporgearbeitet. Dann entpuppte er sich als einer der fähigsten Landwirte und der kühnsten Unternehmer. Aber er entsagte jeglichem Genuß. Seine Frau und Töchter fahren vierspännig, er benutzt immer nur einen mit Stroh ausgelegten Leiterwagen. Und .Nacht für Nacht weiht er mehrere Stunden dem Lernen der Thora. Er ist der ständige Schiedsrichter in allen Streitigkeiten zwischen den Großgrundbesitzern und ihr Berater in allen Verlegenheiten. Sie lachen über sein schlechtes Polnisch, horchen aber auf, wenn er sein Sammtkäppchen zurechtrückt, die Schläfenlocken dreht und zu reden beginnt . . . Jetzt sprach er mit seiner leisen, ruhigen Stimme . . . „(Simon Berg, gib die neuntausend Gulden zurück ... du bist mein Geschäftsfreund . . . ich liebe dich, wie einen eigenen Sohn . . . aber wenn du nicht das Geld zurückgibst, kommst du mir nicht mehr unter die Augen. Wenn du das Bethammidrasch betrittst, gehe ich hinaus, ich kann nicht mit Dieben zusammen beten" . . . Simon Berg fühlt, daß es ihm heiß und kalt über den Rücken läuft, in der Kehle würgt es ihn. Aber er nimmt sich zusammen und spricht: ,,Reb Esra, wie könnt ihr also mit Berl Laufer und Jakob Weidner und Wigdor Chameides zusammen beten? Wir wissen ja/was die getan haben?". . . „Schweig, Simon Berg", antwortet Esra. „Willst du den Verleumder spielen, heute am Jörn Kippur, da Satan verstummen muß? Woher weißt du, daß sie nicht alles zurückgegeben und Buße getan haben?" „Na, aber Moische Jentes, der dort oben an der Misrachwand steht, und beim Beten am lautesten schreit, der hat doch gewiß nie was zurückgegeben und keine Buße getan!". . . „Das ist es ja eben, Simon Berg, Moische Jentes kann es, du kannst es nicht. Moische Jentes betrügt früh am Morgen, dann umgürtet er sich mit den Tephillin, hüllt sich in den Tallith und betet zwei Stunden lang mit lautem Weinen und Schreien, setzt sich zum Essen und schlägt beim Tischgebet die Augen zum Himmel auf, aber nie aß ein Armer an seinem Tisch. Du, Simon Berg, kannst seit drei Monaten nicht beten, Moische Jentes geht mich nichts an, du, Simon Berg, gehst mich an, du befleckst meine Seele. Für Moische Jentes bin ich nicht verantwortlich, für dich bin ich verantwortlich. Du befleckst meine Seele, du steckst mich an. Ich kann nicht mit dir zusammen beten. Gib das Geld zurück ... Du willst nicht? . . . Auch gut . . . Dann wirst auch du mich bald nichts angehen . . . Schreite nur fort auf deinem Weg ... Du wirst es weit bringen, wirst ein reicher Mann werden. Ich werde weiter Geschäfte mit dir machen. Mich wirst du nicht hintergehen, das -weiß ich ... ich werde sogar zusammen mit dir beten ... du wirst meine Seele nicht mehr beflecken . . . du wirst mich nicht anstecken . . . keine Gemeinschaft mit mir haben . . . du wirst nicht in meiner Mechiza5) stehen." So spricht Esra Stretyner. Er aber, Simon Berg, fährt fort, 5) Bereich. auf der Bima die Psalmen vorzutragen . . . „Du Gott, wirst sie behüten, wirst sie beschirmen vor diesem Geschlecht in Ewigkeit . . . ringsum kreisen die Bösewichter ... da die Niedrigkeit sich erhebt gegen die Menschensöhne". . . Simon Berg war, ohne es zu merken, in den kleinen Wald am Rande des Städtchens gekommen und hatte sich auf einen gefällten Baumstamm niedergelassen. Ringsum herrschte tiefe Stille, nur das Klappern einer Mühle hallte durch die Nacht. Jetzt verstummte es und Simon Berg fühlte, daß der Faden seiner Gedanken riß. Ach, wo war er denn? ... Ja, ja, soeben noch stand er auf der Bima und trug die Psalmen vor, aber es war so schmerzlich . . . Er mußte wohl krank sein . . . Was wollte Esra Stretyner denn nur von ihm? Warum sah er ihn so durchdringend an mit seinen brennenden Augen . . . Was? Hinauswerfen wollte er ihn? ihn, Simon Berg! . . . Nein! Er wollte ihn gar nicht hinauswerfen, er hatte sich bloß umgewandt und ihm den Rücken zugekehrt Auch Rabbi Meir Melammed hatte sich abgewandt und stand da, leise zitternd, die Rechte auf seinen Stab gestützt. Alle . . . alle, wie sie dort gesessen hatten im Kreise um die Kerze der Gräfin herum, hatten sich abgewandt und er sah jetzt nur die weißen Kittel, die ihnen über den Rücken hinabwallten und die Silberborten des Tallith um den Nacken . . . Soeben saß er noch in ihrem Kreise und plauderte, mit ihnen ... Es muß etwas vorgefallen sein, etwas Schweres, sie hatten ihn in den Bann getan . . . Hatte er Gott gelästert? ... Er wollte sprechen, brachte (aber nur einen Laut hervor, der lohne Widerhall verklang . . . Jetzt kam es herauf und stand vor ihm . . . Neuntausend Gulden! Stefan Gemba mit seinen verschwommenen Augen im aufgedunsenen Gesichte ... Er hatte Stefan Gemba bestohlen . . . Er, Simon Berg . . . hatte den betrunkenen Stefan iGemba bestohlen, .ihm neuntausend Gulden aus der Tasche gezogen . . . Pfui, Pfui!... Simon Berg schrie laut auf und ward auf einmal ganz wach . . . Dieb, Dieb, Räuber! Nein: Dieb! ... Ein Dieb ist ärger als ein Räuber. Schlimmer noch ist, wer ein Versehen des Anderen benutzt, um ihn zu übervorteilen . . . Einen Betrunkenen dazu . . . Das ist, wie wenn man einen Schlafenden, oder einen Kranken, oder ein hilfloses Kind beraubt. Gosalnu, wir haben geraubt! . . . Nein, Simon Berg, gestohlen hast du, nicht geraubt. Einen Betrunkenen hast du bestohlen, er gab dir vertrauensvoll'das GeTd, ohne zu zählen, er verließ sich auf deinen ehrlichen Namen . . . Dieb, Gauner . . . Ein fürchterlicher Ekel würgte ihn, er suchte alle Schimpfnamen ' heraus, um sie sich ins Gesicht zu schleudern . . . Bist du derselbe Simon Berg, der siebenunddreißig Jahre in Ehren verlebt hat, mit Hunger, Not und Dürftigkeit kämpfend, ohne daß ein Fleck auf dein Gewissen gekommen war? Wie konntest du dich so beschmutzen? Um Geld! Um elendes Geld! Dieb! Und was für Geld! Kartenspielgeld, unsauberes Geld! Die Finger hättest du dir verbrennen müssen beim Anrühren! . . . Die Brieftasche dort in der modrigen Schublade erfüllte ihn jetzt mit Grauen. Die Haare standen ihm zu Berge, als er bedachte, daß er mit diesem Unflat drei Monate unter einem1 Dache gehaust, daß jetzt seine Schwester und seine reinen Kinder dicht daneben schliefen . . . Auf der Stelle müßte das weggeschafft werden . . . 'Simon Berg war nicht gewöhnt, zu zaudern; was er t>e-

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