Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Am Tage des Gerichtes. 60 war, erhielt einmal von einer heidnischen Prinzessin kostbares Linnen zum Reinigen und fand daran Juwelen in Fülle. Er bringt sie der Prinzessin' hin, diese aber spricht: „Ich wußte nicht, daß sie dabei waren, du kannst sie aber behalten; ich habe genug davon, und diese machen mir nichts aus." Doch er weist sie zurück, er will kein fremdes Gut berühren, das auf irrtümliche Weise in seine Hände geraten ist. Und die Prinzessin spricht: „Gelobt sei der Gott Israels." Samuel bar Sosarti kam nach Rom und fand den verloren gegangenen Schmuck der Kaiserin. Man hatte ausrufen lassen: Wer den Schmuck findet und ihn innerhalb dreißig Tagen zurückstellt, erhält eine gute Belohnung; wer ihn aber länger als dreißig Tage zurückbehält, wird hart bestraft. Samuel stellt den Fund am einunddreißigsten Tage zurück. „Hast du von der Bekanntmachung der Kaiserin gehört?" fragt man ihn. — „Ich wollte nicht, daß ihr glaubet, ich gebe ihn zurück, um einen Lohn zu verdienen. Ich tue es bloß, weil mir mein Gott befiehlt, gefundenes Gut zurückzugeben/' So waren unsere Alten. Die Thora sagt: Der Rest Israels wird kein Unrecht tun und keine Lüge reden, und aus seinem Munde wird keine trügerische Rede kommen. Jeder muß trachten, zu diesem Rest Israels zu gehören, von diesem Rest geht die Gesundung des ganzen Körpers aus. Und das ist der größte Lohn, den Gott uns geben kann. Vielleicht der einzige Lohn auf dieser Welt. Was in der anderen Welt geschient, hat kein Auge gesehen außer Gottes allein. Aber einen Lohn für die gute Tat gibt es auf dieser Welt nicht, sagen die Weisen. Der Lohn für die Mizwah ist die Mizwah, und der Lohn für die Sünde ist die Sünde. Kann man einen schöneren Lohn begehren, als zu wissen, daß man den Willen Gottes tut, der ganz Heiligkeit, Güte und Gerechtigkeit ist? Und ein Mitarbeiter Gottes am Werke der Schöpfung zu sein, seine Welt immer schöner, heiliger und reiner zu machen? Man kann das auch so deuten: Der Lohn der guten Tat ist eine andere gute Tat, und der Lohn der bösen Tat ist eine andere böse Tat. Gleiches zieht das Gleiche nach sich. Wenn der Mensch ein Wort spricht oder den Finger rührt, kann er nie wissen, was für Folgen das nach sich zieht. Wenn wir wenigstens wüßten, daß wir selber und wir allein die Folgen unserer bösen Taten tragen werden, so wäre das noch zu erdulden. Aber wir ariein, gehen meist ungestraft aus, oder haben gar noch Vorteil davon, und andere, ferne und fremde Menschen, die uns nichts getan, die von unserem Dasein keine Ahnung* haben, müssen für uns leiden und wir können für sie nichts tun und nicht einmal ihre Vergebung erbitten. Das ist das Schreckliche an der bösen Tat. Dafür ist aber das Schöne an der guten Tat, daß wir selber selten oder nie ihre Früchte genießen, sondern Andere, Fremde, die uns nicht sehen können und nichts von uns wissen. Es ist wie in jenem Wald von ehernen Bäumen, der sich um die ganze Welt schlingt, von dem der Midrasch erzählt, wenn du an einem Ende einen Ton hineinsingst, hallt er fünfhundert Jahre lang, bis er am anderen Ende ankommt. Gott hat es gut eingerichtet, daß wir das Gute um des Guten willen allein tun können und das Böse meiden müssen, obgleich es uns selber keinen Schaden bringt. Was wäre das für ein Leben, wenn Gott uns behandeln würde, wie ein großer Herr seinen Kammerdiener, dem er eine Münze oder eine Zigarre schenkt, wenn er ihm die Stiefel schön geputzt hat, und dem er eine Ohrfeige gibt, wenn er es schlecht macht? Ihr sollt nicht sein wie die Diener, die ihrem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen, sondern ihr sollt sein wie die Diener, die ihrem Herrn dienen, ohne auf Lohn auszuschauen. Aber nun geh nach Hause, Simon, und schlaf dich aus. Morgen ist ein schwerer Tag; das Durchwachen dieser Nacht kannst du mir überlassen. Du mußt dich schonen, du bist ein Vater von Kindern und stehst in fremdem Dienst." Simon Berg fand sich einsam in den dunklen Straßen herum irrend und bemühte sich, seiner Gedanken Herr zu werden. Abgerissene Sätze schwirrten ihm durch den Sinn: Buße tun, . .1 . das Geraubte herausgeben . . . Simon ben Schetach und der Maharam Schiff .... zurückerstatten und Buße tun . . . neuntausend . . . Gulden . . . Chillul Haschern . . . neuntausend Gulden ... er hatte das Böse in der Welt vermehrt . . . Vergebens strengte er sich an, einen dieser Sätze festzuhalten, sie entschlüpften ihm und stoben auseinander wie ein Häuflein welker Blätter, vom Sturm aufgewirbelt. Gut, dachte er, ich werde das Geld zurückgeben, du sollst kein unrechtes Gut bei dir übernachten lassen . . . Eine große Fabrik, viele, vjeje. Arbeiter, oder ein Pachtgut mit weiten KornfeldernT . . Wer darf den Berg Gottes hinansteigen? ... Na gut . . . ich gebe es zurück ... ich will nicht ausgestoßen sein . . . Ach was, keiner hats gesehen, keiner weiß etwas. Ich geh ins Bethammidrasch, setze mich hin, stimme mit ein, wenn sie die Psalmen singen . . . und wenn die Reihe an mich kommt, steige ich auf die Bima und singe vor. Warum nicht? . . . Wer weiß etwas? . . . Dort liegen die neuntausend Gulden tief versteckt . . . Abgerissene Psalmenverse kamen ihm in den Sinn . . . ,,Sende dein Licht und deine Wahrheit, damit sie mich leiten, mich führen auf den heiligen Berg und in deine Wohnstätten." „Gütig ist Gott zu allen, sein Erbarmen ist mit allen seinen Geschöpfen" . . . „Gerecht ist Gott in allen seinen Wegen, und fromm in allen seinen Taten." „Er behütet alle seine Freunde, aber die Bösewichter vertilgt er" . . . „Gerechtigkeit übt Gott und Recht gewährt er allen seinen Geschöpfen". . . „Der Mensch — wie ein Grashalm sind seine Tage, wie die Blüte des Feldes sprießt er und welkt". . . Hier steht er, Simon Berg, und trägt Vers um Vers vor, und dort liegen die neuntausend Gujden. Wir haben unsere (Seelen verunreinigt . , . Ex, Simon Berg, errichtet eine Fabrik ... dreihundert Arbeiter... Nach Jahren stellt sich heraus, daß der Direktor neunzigtausend Gulden veruntreut hat... Ins Zuchthaus mit dir, du Schuft! . . . Mich^so zu hintergehen! . . . Der'Dieb ist schlimmer afs der Räuber, denn dieser trotzt auch den Menschen, jener aber nur Gott allein . . Je heimlicher, desto schlimmer. Solch schändlicher Verrat muß exemplarisch bestraft werden; wohin soll es denn mit uns Fabrikherren kommen, wenn wir uns auf unsere Direktoren nicht mehr sollten verlassen können? . . . „■Neuntausend "Gulden Tiast du gestohlen. Dieb, der du bist!" Er sah isich lauf der Bima stehen, man beginnt den Psalmvers: „Dann werden die Bösewichter im Gericht nicht bestehen und nicht die Sünder in der Gemeinde der Gerechten". . . „Neuntausend Gulden hast du gestohlen, es steht