Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 57 - 58 (sequence 3)
- Language
- German
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57 Am Tage des Gerichtes. 58 dann gibt es für 'ihn keine Sühne mehr, mag er auch die Erben entschädigen. So furchtbar streng sind die Gesetze über Qesel und was damit zusammenhängt. Ein Dieb, auch wenn er das Gestohlene freiwillig; zurückgibt, und dem Gesetze Genüge getan, hat'seine Glaubwürdigkeit als Zeuge eingebüßt, bis er Buße tut. Von Leuten, die verdächtig sind, von unrechtem Gut zu leben, wie Zöllner und Spieler, darf man keine Beiträge für die Wohltätigkeit annehmen. Die Gesetze sind ja nur Vorschriften für den Richter und bestimmen, wozu er einen mit Gewalt zwingen kann. Er darf sich nur an den Augenschein halten. Wehe aber dem Geschlecht, dessen Gerechtigkeit nur vom Gesetz begrenzt ist. Jerusalem ist zerstört und der Tempel verbrannt worden, nur weil die Menschen jener Zeit in ihren Händeln untereinander es allein beim strengen Gesetz bewenden ließen. Die Thora lehrt: du sollst tun, was wohlgefällig und rechtschaffen ist in den Augen Gottes, auch wenn es nicht deutlich im Gesetz befohlen ist. Darauf haben unsere Weisen eine Menge Gesetze begründet, die in der Thora nicht einmal angedeutet sind, z. B. die Gesetze über die Pflichten ider Grenznachbarschäft. Die Sünden gegen einen Menschen sühnt aber sogar der Jörn Kippur nicht eher, als bis der Geschädigte versöhnt ist und verzichtet hat." Rabbi Meir Melammed hatte seine Rede mit seiner alten, aber immer noch festen Stimme vorgetragen, in der zuweilen gebieterische Akzente erklangen. Aber den Hörern war das alles wohl bekannt, und da es schon spät war, nickten sie alle einer nach dem anderen ein. Nur Simon Berg saß da, mit vorgestrecktem Kopf, das Kinn auf die Hand gestützt und verwandte seine Augen nicht von dem Sprechenden. Als eine kleine Pause eintrat, sagte er mit leiser Stimme: „Was Tieißt das, er soll den Geschädigten versöhnen und seine Verzeihung erlangen?" ,'Du bist es, Simon", versetzte der Alte. „Ich wußte, du allein hörst nur noch zu, die anderen schlafen schon längst. Na. es ist ja auch schon spät genug, und viel Neues bekommen sie ja nicht zu hören, obgleich uns die Worte der Thora jeden Tag wie neu sein sollen . . . Und was du fragst, das ist sehr einfach. Er muß zu ihm hingehen, ihm alles zurückerstatten und ihn um' Verzeihung bitten. Er muß sich1 demütigen. Der irdische Richter kann ihn dazu nicht zwingen. T)er an-* dere darf freilich nicht hart sein und ihn nicht beschämen. Aber er muß seine Sünde bekennen und um Verzeihung bitten. Da hilft ihm nichts. Gott verstellt in diesen Dingen keinen Spaß. Was nützt ihm sonst das Fasten und Beten am Jörn Kippur? Und wer es gut mit sich selber meint und Mitleid mit seiner Seele hat, muß darin gegen sich viel strenger sein, als in allen anderen Geboten, zum Beispiel jenen, die sich auf die Pflichten gegen Gott beziehen. Du weißt ja, was unsere Weisen lehren: die Gebote sind nur gegeben, damit die Menschen durch sie geläutert werden. Was nützt es also, wenn einer alle Gebote erfüllt,; den Sabbat heiligt, Wohltätigkeit übt, sich der verbotenen Speisen enthält und seine Seele dabei verunreinigt, indem er fremdes Gut heimlich einsteckt, noch dazu fremdes Gut eines Goi, wobei ein Chillul Haschern mit unterläuft, was die schwerste Sünde von allen ist. In unserer Zeit muß man das hoch viel strenger nehmen, da die Versuchung größer ist: die Menschen jagen nach dem Reichtum mehr als in früheren, Zeiten, die Bedürfnisse sind gewachsen und die Verdienste sind schwerer. Wenn ich z. B. niemals unrechtes Gut begehrt habe, so ist das kein großes Verdienst. Was habe ich mein Leben lang gebraucht? So viel wie gar nichts. Auch du, Simon, brauchst dir nichts darauf einzubilden, daß du deine Hände rein gehalten hast. Du bist jung und tüchtig, gewandt in allen Geschäften, die Welt steht dir offen, alle haben Vertrauen zu dir, das Glück ist dir hold1, hast eine gute Stellung, kannst dir auf redliche Weise dein Brot für dich und deine Kinder verdienen und sogar einmal noch zu Reichtum gelangen und Anderen Brot geben. Was sollen aber die armen Menschen anfangen, die ungeschickt oder krank sind, oder einfach kein Glück haben, und sie haben Scharen von Kindern oder kranke Frauen und Eltern zu ernähren? Da ist oft der Jezer hara stärker als der beste Wille. Solch einer weiß, daß er eine schwere Sünde auf sich lädt, er wehrt sich, er widersteht, aber am Ende unterliegt er doch. Er denkt sich, wenn's mir besser geht, gebe ich es zurück und fange ein neues Leben an, aber es geht ihm nicht besser, und er tuts wieder und wieder, bis er ganz das Gefühl verliert, etwas Böses zu tun. Oder umgekehrt: wenn einer zu viel Glück hat und reich wird, und es erwacht die Habgier in ihm und er möchte noch mehr besitzen, Paläste und Brillanten, er möchte die Nachbarn in Schatten stellein und ihren Neid erregen, da vergißt mancher gar leicht den Unterschied zwischen Recht und Unrecht. Was ist da zu machen? Man muß Mitleid mit ihnen haben. Wir anderen, denen Gott die Kraft gegeben hat, müssen dafür nur noch strenger" gegen uns sein und jede Versuchung nur noch mehr von uns weisen. Auf der Erde gibt es Berge und Täler. Der Maharam Schiff4) sagt, daß die Guten auf dieser Welt gar nicht genug des Guten tun können; sie müssen alles gutmachen, was die Bösen oder die Schwachen verderben, da ja sonst Gottes Welt dem Bösen verfallen müßte und die Schechina sich von Israel zurückziehen würde. Freilich, unsere Altvorderen waren viel glücklicher; ihnen war das Rechte zu tun die zweite Natur. Du weißt ja, was der Jeruschalmi von Simeon ben Schetach erzählt. Es war nicht der große Simeon ben Schetach, Bruder der Königin Salome, sondern ein viel späterer. Er war ein berühmter Lehrer der Thora und ernährte sich von Flachsspinnerei. Er mußte selber den Flachs hin- und herschleppen. Da legten seine Jünger eine Summe zusammen und kauften ihm bei einem Araber einen Esel und eine Halfter dazu. Wie man (die Halfter öffnet, findet man einen kostbaren Edelstein daran. Die Jünger jubeln: „Nun bist du ein reicher Mann, Rabbi, und brauchst dich nicht rnehrtzu plagen." — „Hat der Heide gewußt, daß der Edelstein an der Halfter war?" — „Nein." — „So macht euch rasch auf den Weg und gebt ihm den Stein zurück." — „Aber das Gesetz spricht ja dir Iden Fund zu," rufen die Jünger. Simeon aber spricht: „Bin ich der Heide, daß ich nach fremdem Gut Gelüste tragen sollte? Mir ist es lieber, zu hören: gelobt sei der Gott Israels, als alle Schätze der Welt zu besitzen." Und Abba Oschaja, der ein Wäscher 4) Berühmter Talmiidkommentator ans dem IG. Jahrhundert, wirkte in Frankfurt a: M. und in Fulda.