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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 55 - 56

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 2)
Language
German
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55 Am Tage des Gerichtes. 56 Man wandte sich mit der Frage an Rabbi Meir Melammed, der mit wachsbleichem Gesicht und erloschenen Augen in einem bequemen Stuhl dasaß, die Hand auf einen dicken Stab gestützt. Rabbi Meir Melammed war sechsundachtzig Jahre alt und seit zwölf Jahren gänzlich erblindet. Aber er hatte ein wunderbares Gedächtnis und wußte die ganze Thora auswendig. Ihm entging keine Stelle in den beiden Talmuden, in allen Rischon im und Acharonim2). Noch heute trug er jeden Tag seinen Schiur3) einer kleinen Schar erlesener Hörer vor, wie er es in eben diesem Bethammidrasch seit sechzig Jahren, ehemals vor einer zahlreichen Hörerschaft, getan. Er bekleidete keine Würde und war nichts als ein einfacher, armer Melammed, Sohn eines kleinen Handwerkers. Aber die bedeutendsten Gelehrten im Lande waren durch seine Schule gegangen und sogar der Rabbiner von Lemberg rief in schwierigen Fällen seine Entscheidung ian. In früheren Jahren fungirte er sehr oft als Schiedsrichter in verwickelten Zivilprozessen, die die Rabbinen und die weltlichen Richter nicht zu entscheiden vermochten. 'Das brachte ihn mit den verschiedensten Leuten in Berührung und ließ ihn einen Einblick gewinnen in das Treiben der Welt und die Natur des menschlichen Handelns. Sein strenger Gerechtigkeitssinn, die Schärfe seines Verstandes und die Unerschrockenheit seines Urteils erwarben ihm allenthalben eine an Ehrfurcht grenzende Hochachtung. Für seine Person war er ein strenger Faster vor dem Herrn, und abgesehen von den Sabbaten und Feiertagen, verbrachte er den größten Teil des Jahres, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen, war aber stets fröhlich und aufgeräumt und hatte für jeden ein munteres und freundliches Wort. Das einfache Volk liebte ihn wegen seiner Milde und Frömmigkeit, die Höher-, stellenden bewunderten seine unergründliche Gelehrsamkeit. Er war berühmt durch die Klarheit seiner Methode, die ein Thema, von den ältesten Quellen ausgehend bis auf die spätesten Dezisoren, überall aus den umfangreichsten Büchern Blatt, Seite oder Kapitel genau bezeichnend, mit eiserner Logik schart entwickelte. Er war beherzt und scheute sich nie, die ältesten und angesehensten Autoritäten zu widerlegen, wenn er rechtskräftige Beweise hatte, daß sie sich geirrt. „Sie wollen uns doch jetzt keine Halacha vortragen", bemerkte David, der Chasan. „Am heutigen Tag sind alle Genüsse verboten, und Ihnen ist ja das Lernen der größte Genuß". „Dann müßte dir aber aus dem gleichen Grunde das Singen verboten sein, mein Freund," lachte Rabbi Meir und hub an: „Ihr irrt euch, liebe Kinder, wenn ihr glaubt, daß Gosalnu eine Ausnahme macht. Das ist nämlich nur die allgemeine Bezeichnung für jegliche Art von unrechtmäßiger Aneignung fremden 'Guts, wie Diebstahl, Betrug, Uebervorteiiung durch Wag und Maß, Zurückhaltung eines Fundes, oder wenn der Andere sich verzählt oder verrechnet hat. Insofern die Thora diese Fälle in die Hand des irdischen Richters legte, mußte sie die Einzelheiten genau unterscheiden, wonach die Pflicht der Rückerstattung und die Strafe zu bemessen wären. Aber insofern das Sünden sind, über die Gott allein zu urteilen hat, ist das alles Gesel, Raub, und fällt 2) Aeltesto und jüngere Autoren. 3) Lektion. unter das Bekenntnis Gosalnu. Was, glaubt ihr, ist das Wesen dieser Sünde? Doch nicht allein, daß dem Nebenmenschen Schaden und Schmerz zugefügt wird. Sonst müßte sich ja die Sünde abstufen, je nach dem Vermögensstand des Beschädigten. Was ein Armer als schweren Schaden empfindet, merkt ein Reicher überhaupt nicht. Wir finden aber, daß die Thora in allen Fällen, wo vor Gesel gewarnt wird, die Person des Beschädigten garnicht in Betracht zieht, während sie doch sonst überall den Armen, den Fremdling und die Waise unter besonderen Schutz stellt. Darum' ist auch festgesetzt, daß, wer sich nur den Wert einer Peruta, also der denkbar kleinsten Scheidemünze aneignet, die Sünde des Gesel begeht. Das Wesen dieser Sünde besteht eben darin, Maß 'der Täter seine Seele befleckt, die Weltordnung Gottes fälscht, vom geraden Wege abweicht und das Unrecht in der Welt mehrt. Und da bleibt es sich doch gleich, ob der Beschädigte den Schaden schmerzlich empfindet, oder nicht. Umgekehrt, wir sehen, daß die Thora den Diebstahl viel strenger behandelt als den mit Gewalt verbundenen offenen Raub, obwohl dieser den Beschädigten viel schwerer trifft, als jener, von dem er vielleicht garnicht erfährt. Daraus müssen wir schließen, daß, je heimlicher die Aneignung fremden Gutes geschieht, umso schwerer die Sünde ins Gewicht fällt. Am schwersten ist sie, wenn der Beschädigte von ihr garnichts weiß und nicht dazu kommt, sein Recht zu fordern. Alles was damit nur entfernt zusammenhängt, hat die Thora streng verboten und unsere Weisen haben Hecke auf Hecke um den Zaun herum aufgeführt. Sie gehen so weit, daß sie lehren, wer seinem Nebenmenschen den Wert einer Peruta entwendet, der ist, wie wenn er ihm nach dem Leben trachtete. Man beginnt mit kleinen Uebervorteilungen und die Gier wächst, der Gerechtigkeitssinn stumpft sich ab und am Ende schont man auch das Dasein und Lebensrecht des Anderen nicht mehr. Das Geschlecht der Sintflut hatte alle Sünden begangen, sagen unsere Weisen, aber der Untergang wurde über die damaligen Menschen erst verhängt, als der' Raub in allen Formen unter ihnen überhand nahm. Darum haben die Weisen auch bestimmt, daß Gesel, an einem Goi begangen, eine viel schwerere Sünde ist, als an einem Juden, weil damit auch ein Chillul Haschern verbunden ist. Wie? Die Juden, die Gott aus der Knechtschaft herausgeführt und denen er am Berg Sinai die Thora gegeben, damit sie ihm ein Reich von Priestern und ein heilig Volk sein sollen, diese Juden eignen sich unrechtmäßig das Gut des Fremden an? Was soll man da von ihrem Gott und seiner Lehre halten? Wenn du es aber heimlich getan hast und bei dir denkst, keiner erfährt es ja, der Name Gottes wird also nicht entweiht, so hast du eine sehr falsche Auffassung von dem Begriff Chillul Haschern. Unser Gott braucht natürlich nicht bei den Menschen in gutem {Ruf zu stehen, sondern er will nicht, daß die Heiligkeit seines Namens durch Missetaten der Menschen entweiht wird. Darum lehren die Weisen: wer den Namen Gottes im Geheimen entweiht, den züchtigt Gott in großer Oeffentlichkeit, vor aller Welt, und wenn ihm das Glück lacht, und er der Strafe entgeht, sucht man die Sünde heim an seinen Kindern. Wenn einer einen Goi beraubt hat und dem irdischen Richter entgangen ist, ,und der Beschädigte stirbt, bevor jener das Geraubte zurückerstattet,

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