Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 53 - 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1917-01-01
Page
Seite 53 - 54 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584071-2605630--16489-2605674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

53 Am Tage des Gerichtes. 54 AM TAGE DES GERICHTES. Novelle von B i, n j a m i n -S e g e 1. II Simon, komm, setz dich zu uns", tönte es ihm aus einer Gruppe von Männern entgegen, als er in vorgerückter Stunde an ahnen Vbrüberkam. Sie saßen' in der Ecke, wo die großen Bücherschränke standen, im Kreis um die Kerze der Gräfin" herum. Man hatte bereits die sieben Gesänge des Schir Hajjichud vorgetragen und ruhte aus, bevor man an die Psalmen ging. Aus dem breiten blitzenden Kupferfaß, das mit frischem Sand gefüllt war, ragte bis zu Manneshöhe die mächtige goldgelbe Wachskerze hervor, einer flammengekrönten Säule vergleichbar, unbekümmert um die Zwerge von Kerzen, die sie dort unten im Sande in dreifachem Kreise umgaben. Das war die Kerze der Gräfin. Gräfin Helenas Morska, zu deren Besitz das Städtchen gehörte, hatte auf ihren Ländereien in der Nähe ein Schloß, wo sie im Herbst einige Wochen verbrachte. Als vor fünfzig oder sechszig Jahren das Städtchen in Brand geriet, pokulirte Ihr Großvater, „der wilde Graf", gerade auf dem Schloß mit einer feuchtfröhlichen Jagdgesellschaft. Sie eilten herbei, um bei der Löscharbeit zu helfen und (der Grat war Zeuge, wie einige Juden aus dem brennenden Bethammidrasch mit Lebensgefahr die Thorarollen retteten. Zum Wiederaufbau des Lehrhauses spendete ier das Material und ein Dach aus Ziegeln,, und bedang sich aus, daß man nach seinem Tode an jedem Jörn Kippur ein Gebet für seine Seele verrichtete. Da er das Exzentrische liebte, ließ er zur Einweihung des Hauses eine riesige Wachskerze anfertigen, die ein volles Jahr brennen konnte und brachte sie zum Jörn Kippur auf einem iblumengeschmückten Wagen in das Bethammidrasch. Seither blieb diese Jahreskerze im gräflichen .Hause Tradition. Auch die Enkelin hielt getreulich daran fest. Im Winter versorgte sie das jüdische Krankenhaus und die jüdischen Armen mit Brennholz aus ihren Wäldern und mit Kartoffeln und Getreide aus ihren Aeckern. Im Monate Ellul aber ließ sie aus ihren Bienenzüchtereien den schönsten, duftigsten Wachs zusammentragen und schmelzen. Alte jüdische Frauen wurden herbeigeholt, die ,,legten" unter reichlichen Tränen und Gebeten den Docht aus Fäden, die mehreremale um den „heiligen Ort" herum gezogen waren. Kurz vor Kol Nidre war die Kerze herabgebranrit, der Stumpf wurde behutsam, damit er nicht verlösche, aus dem Sand gezogen. Die neue Kerze wurde aus (dem Blumengewinde geschält, in das mit frischem Sand gefüllte, blitzblank gescheuerte kupferne Faß gesteckt und an der alten Flamme entzündet. Aus dem Stumpf flocht man nachher mit großer Kunst die Fackei, die beim Scheidesegen am Ausgang des Sabbat leuchtete. So brannte die ,,Kerze" der Gräfin" jahraus, jahrein ununterbrochen, gleichwie das ewige Licht. Sie leuchtete manchem fleißigen Jünger der Thora in stiller Nacht beim Studium der'heih'gen Lehre und die Sage ging, daß dermaleinst, wenn Messias kommt, beim Schein" dieser Kerze, die in siebenfachem Glanz erstrahlen wird, die Gebeine der „Frommen unter den Völkern der Welt" aus den Grüften zusammengelesen werden, um aufzuerstehen und ihres Anteils am ewigen Leben froh zu werden. Simon Berg setzte sich zu dem Kreis. Da saßen sie nebeneinander, steinreiche Männer und blutarme Leute, Großgrundbesitzer und Handwerker, Großkaufleute und Melammdim, Krämer oder Angestellte, die schwer ums tägliche Brot kämpften. Aber in diesem Hause hatten sie alle ehemals schöne Jugendjahre verlebt und das einte sie. Man sprach von der reinigenden Kraft des Jörn Kippur. Esra Stretyner erzählte: In Stanislau saß ein Mann in Untersuchungshaft; er war verdächtigt, einen Brand gestiftet zu haben, um sich an einem verhaßten Nachbar zu rächen, mit dem er seit Jahren bitter verfeindet war. Alle Welt war von seiner Unschuld überzeugt. Andere wurden beschuldigt und in Haft genommen. Aber der _ Untersuchungsrichter war ein schlauer Mann. 'Zum Jörn Kippur gibt er ihn frei und faßt ihn in die Synagoge gehen. Die Gemeinde, die ihn für unschuldig hält, läßt ihn natürlich zur Thora aufrufen. Aber wie er die Beracha sprechen will, fängt er an, zu ächzen und zu stöhnen und kann kein Wort hervorbringen. "Endlich bricht er in ein lautes Schluchzen aus, daß alle Anwesenden ein Schauder überläuft. Und er bekannte, das Verbrechen begangen zu haben, die Unschuldigen wurden freigelassen. „Eine ähnliche Geschichte hat sich' vor Jahren in Bruzow zugetragen", sagte Kaiman Bergner, der Holzhändler. Ein reicher Mann führte einen Prozeß gegen einen Grafen. Es handelte sich um dreißigtausend Gulden. Der Jude sollte schwören, ein roher Mensch, ein gieriger Patron. "Der Termin war auf den Tag nach Jörn Kippur anberaumt. "Der Jude wollte den Schwur leisten, obgleich er falsch geschworen hätte. Aber am Jörn Kippur, beim Ein heben der Thora, stand er auf seinem Platz, während der 24. Psalm vorgetragen wurde. Der Chor sang: „Wer dart hinansteigen den Berg Gottes, wer an seiner heiligen Stätte weilen? Wer reine Hände hat und ein lauteres Herz, wer seine Seele nicht zu Trugbildern erhebt und nicht falsch schwört". Den 'Mann aber erfaßte eine Reue und eine Angst, daß er von der Synagoge weg zähneklappernd zum Richter lief und alles gestand." \ . \ ''■ \ '■ ' " '. „Das war ein Kiddusch Haschern"! riefen mehrere Stimmen. „Wir kennen aber viele, die sich von keinem Jörn Kippur haben abschrecken lassen, zum Beispiel ...; „Redet kein Laschon hora!"1) gebot Samuel Schenker energisch und schüttelte seinen Kopf, daß die langen Schläfenlocken nur so flogen. Jetzt tauchte eine gelehrte Diskussion auf. Im Sündenbekenntnis werden die Sünden nur in allgemeinen Worten umschrieben; wir haben gefrevelt, gelästert, treulos gehandelt, Spott getrieben. Es gilt als unstatthaft, die einzelne Sünde im lauten Bekenntnis genau zu präzisiren; nur eine Sünde macht eine Ausnahme: gosalnu, wir haben geraubt, das ist ja so deutlich wie nur möglich. Wie kommt das? 1) Böse Nachrede.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.