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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 45 - 46

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 7)
Language
German
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45 Die Juden in Rumänien. 46 Prediger gewirkt hatte, verlangte dagegen eine besondere Rücksichtnahme auf Rußland, indem er bezeichnenderweise hervorhob, daß der russische Generalkonsul in Bukarest den Juden gegenüber sich immer besonders gnädig gezeigt hätte. Zwar konnte er keinen Fall nennen, in dem der Vertreten: des Zaren ein antijüdisches Gesetz gemildert oder gar aufgehoben, eine Vertreibung oder Verfolgung verhindert hätte, aber — er geruhte u. a. gnädigst einmal die Einweihung einer Synagoge mit seiner Gegenwart zu beehren. Damit hatte dieser hohe Funktionär es dem französischen Prediger von Jassy angetan, der nicht voraussehen konnte, daß Rußlands Einfluß in Rumänien, nach wenigen Jahren, auf den Nullpunkt herabsinken, der Zar als der Erbfeind betrachtet werden würde. Dagegen hatte dieser Redner kein Verständnis dafür, daß das bleibende Element im Lande doch nur die Rumänen allein waren, und daß es Aufgabe der Juden war, in erster Reihe mit dieser heimischen Bevölkerung eine Verständigung zu suchen, nicht aber, wie der Redner empfahl, ohne jede Rücksicht auf die Rumänen und ihre Aspirationen aufzutreten. Alle diese Gesichtspunkte wurden von mehreren Rednern gründlich und allseitig erörtert. Schließlich faßte der Vorsitzende Cremieux das Wesentliche der Debatte in einer meisterhaften Rede zusammen, die zur Grundlage der an die Konferenz der Mächte zu überreichenden Denkschrift gemacht wurde. In dieser Denkschrift wenden sich die Unterzeichner, als „Delegierte der Juden Deutschlands1, Amerikas, Englands, Oesterreichs, Belgiens, Frankreichs, Hollands, Italiens und der Schweiz" an die Mitglieder der Konferenz: ,,Sie sind versammelt, um die bürgerlichen und politischen Verhältnisse der verschiedenen Völkerschaften des Orients zu ordnen. Wir Israeliten, Bürger freier Staaten, kommen, um Sie zu bitten, keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Bekenntnissen gelten zu lassen und unseren Glaubensgenossen dieselben Rechte zu sichern, wie den anderen nichtmuselmanischen Bewohnern dieser Gegenden." Es folgt ein kurzer geschichtlicher Rückblick auf die Lage der Juden seit dem Pariser Vertrag von 1858. Freimütig, aber ohne Groll, und in ruhigem, sachlichem Tone werden die Maßregeln gegen die Juden in Rumänien aufgezählt, es wird geschildert, wie man dazu gegriffen hat, Gesetze gegen sie zu schmieden, ohne sie dabei ausdrücklich zu bezeichnen; die vergeblichen Schritte der Mächte zu ihren Gunsten werden erwähnt. Der Ton ist durchaus warm, vornehm, würdig, verfällt nirgends in eine Anklage, sondern beruft sich nur auf das Recht und die Billigkeit, vermeidet jeden Eingriff in die politischen Fragen und Interessen der einzelnen Provinzen, insbesondere Rumäniens. „Indem sie die Juden, gleichwie die anderen Nichtmuselmanen in der Türkei, beschützt, würde die Konferenz bekunden, daß sie die Religionsfreiheit verteidigt, welche in gleicher Weise über allen Glaubensformen und allen Religionen schwebt." Es wurden die folgenden zwei Forderungen aufgestellt: 1. Allen Nichtmuselmanen in jenen Provinzen der Türkei, deren Lage Gegenstand der Beratung der Konferenz ist, ferner in den Fürstentümern (Moldau und Walachei), sowie in Serbien, wird vollständige bürgerliche, politische und Religionsfreiheit zuerkannt. 2. Die Pariser Konvention von 1858 wird durchgesehen und ergänzt in jenen Punkten, die sich auf die Juden Rumäniens beziehen, in dem Sinne, daß den Bekennern der jüdischen Religion der vollständige Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte zugesichert wird. Das Dokument war in Form und Inhalt maßvoll und tadellos. * # * Am 14. Dezember gab das Zentral-Komitee der Alliance in den Sälen des Grand-Hotel den Delegierten ein Bankett, bei dem mehrere Toaste ausgebracht wurden. Es ist lehrreich, an diesen Tischreden den Geist und die Stimmung zu studieren, die die Männer jener Zeit beseelten. Sie waren aus aller Herren Ländern gekommen, jeder von ihnen war Vollbürger seines Staates, jeder fühlte sich unlöslich der Nation, unter der er lebte und wirkte, zugehörig und ihr mit herzlicher, ländlicher Liebe und Treue ergeben. Das, was man heute „jüdischen Nationalismus" nennt, war jenen Männern völlig unbekannt; sie hätten es nicht verstanden, wenn man ihnen die Frage vorgelegt hätte, ob sie Glaubensgenossen oder Volksgenossen seien; indem sie Juden waren, fühlten sie sich als Söhne desselben Volkes, als Brüder, und noch unverständlicher wäre es ihnen gewesen, wenn man ihnen hätte weismachen wollen, daß dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit. auf irgendeine Weise im Widerspruch stehen könnte mit ihrer Vaterlandsliebe. Jeder von ihnen sprach in seiner Muttersprache, Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch; es gab auch einen hebräischen Toast (in einem Stil, der einem Pajtan aus dem! achten Jahrhundert alle Ehre gemacht hätte), aber alle Reden waren von dem Geist echter, tiefer* Zusammengehörigkeit durchweht. Der Rabbiner Dr. Landsberg sagte u. a.: „Wir sind Fremde bei Ihnen (in Paris), da wir kein Heimatsrecht hier haben, da wir sehr weit entfernt wohnen, manche selbst jenseits des Ozeans; wir sind Ihnen fremd durch unsere Sprache, durch unser Vaterland, durch unsere staatlichen Verhältnisse, die uns trennen, aber wir sind dennoch zugleich Bürger bei Ihnen, Bürger durch unseren Glauben, unseren Gott, durch unsere religiösen Ueberzeugungen, Bürger durch das Heimatrecht des Herzens, das wir bei Ihnen besitzen, Bürger durch die Alliance Israelite Universelle. Ja, es ist das unsterbliche Verdienst der Alliance, daß sie das tiefe Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches wir als Israeliten allerorten für einander haben, zum Bewußtsein gebracht und uns auf die Pflicht hingewiesen hat, dieses Gefühl zu bewahren und zu bewähren. Wir sind über die ganze Erde zerstreut und gehören, der eine diesem, der andere jenem Vaterlande an. denn wir lieben jeder sein Vaterland und dienen ihm mit Gut und Blut, mit Leib und Seele, aber unbeschadet dieses Patriotismus, in bezug auf welchen wir nirgends hinter unseren andersgläubigen Mitbürgernzurückstehen, haben Avir in unseren Herzen noch ein Plätzchen frei für das Heiligtum des Lebens, das;uns mit allen unseren Glaubensgenossen auf der Erde gemeinsam ist, an das sich für uns gemeinsame, große Erinnerungen und Hoffnungen knüpfen, das wir uns gerettet haben, wie es uns gerettet hat aus allen den wunderbaren Schicksalen, die uns betroffen,

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