Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 47 - 48 (sequence 8)
- Language
- German
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47 Die Juden in Rumänien. 4S und in welchem unser ganzes geistiges Sein, unsere weltgeschichtliche Bedeutung, unsere Fortdauer wurzelt und gipfelt; dieses Heiligtum ist unsere Religion. . . . Männer aus allen Weltgegenden, den verschiedensten Nationalitäten und Zungen angehörend, und doch nur eine Sprache redend, die Sprache der Brüderlichkeit, die Sprache der Treue und Anhänglichkeit iffür den Gott unserer Väter und für alle, die ihn bekennen! Wir sind einander nicht mehr fremd, wir sind Brüder und haben uns aus weiter Ferne hier zusammengefunden, um den europäischen Großmächten, die jetzt zur Lösung der orientalischen Frage zusammengetreten sind, zuzurufen: daß wir auch Interessen im Orient haben, die wir wahren wollen, obgleich wir hierzu von keiner Großmacht berufen worden sind und von keinem Souverän ein Mandat erhalten haben. Aber unser Mandat ist uns von unserem Herzen diktiert und unsere Großmacht ist die Alliance Israelite Universelle." Dieses letztere Wort in seiner harmlosen Emphase ist wiederholt worden und hat Anstoß zu der Verdächtigung gegeben, daß d'ie Alliance über eine ungeheure, geheimnisvolle, internationale Macht verfüge, die sie den europäischen Großmächten gefährlich werden lasse. . . Bemerkenswert ist neben dem Toast Cremieux' seine Schlußrede in der letzten Sitzung. Der Einundachtzigjahrige zog hier gewissermaßen das Fazit seines Lebens und legte gleichsam ein Bekenntnis ab, das zugleich ein Vermächtnis an die Jüngeren sein sollte: „Nach langen Jahren, wenn Ihre Kinder Männer geworden, die Ideen und Ueberzeugungen ihrer Väter hochhalten und betätigen, werden sie, gleich uns, der Wall sein, der die unterdrückten Juden, wenn es Unterdrückte unter den Juden noch geben sollte, schützen und zugleich der Strom, der alle Vorurteile, wenn es solche noch geben sollte, fortspült und die Juden emporträgt zu jenem'Rang, Iden sie jahrhundertelang eingenommen haben und der ihnen, des seien Sie sicher, auf die nobelste Weise wiedergegeben werden wird. . . . Wie kommt es, daß diese jüdische Nation seit fünfzehn Jahrhunderten der ewige Gegenstand heftigen Hasses werden konnte? Die christliche Welt hat unsere heiligen Bücher angenommen und sie als ihre Führer anerkannt, sind diese Bücher nicht ein stets lebendiger Protest gegen die Gewalttaten und die Verachtung, unter denen Bekenner unserer Religion jahrhundertelang zu leiden hatten, in gewissen Ländern noch immer leiden?. . . Aber, wer weiß, vielleicht ist darin ein anderer göttlicher Gedanke enthalten? Indem Gott uns über die ganze Welt zerstreut hat, wollte er uns damit nur sagen: Zeigt der Welt, was in euch an Tugend, Kraft und Größe steckt, die ihr aus eurer angestammten Religion schöpft, die ihr nie vergeßt; damit die Völker sich sagen: Diese Nation ist unsterblich." Wie viele Nationalitäten sind dahingegangen! Die Juden aber sind überall lebendig, und keine Katastrophe kann sie vernichten. Mit ihnen hat die Welt begonnen, und mit ihnen wird sie aufhören. Jawohl, wir haben die Weltgeschichte eröffnet und wir wollen in ihr unsere Mission fortsetzen. solange es Gott gefällt. Gott, der gesprochen hat: Wir wollen einen Menschen machen nach unserem Ebenbilde . . . Ich bekenne hier vor Ihnen, daß in allem, was ich an patriotischem Eifer und Standhaftigkeit an den Tag gelegt habe, das Bewußtsein, daß ich Jude bin, ein starkes Motiv gewesen ist. Der einzige Jude in der republikanischen Regierung von 1848, der einzige Jude in der republikanischen Regierung von 1870. der einzige Jude, der von der Nationalversammlung zum Senator gewählt wurde, fühlte ich in meiner Seele die unermeßliche Verantwortung, die mir dadurch auferlegt worden war." . . . Nicht minder bezeichnend für die Gesinnungen und die Gefiühlsweise dieses Begründers und langjährigen Präsidenten der Alliance Israelite Universelle sind die Worte, die er in dem Schlußtoast auf dem Bankett sprach. Er sagte u. a.: ,,Aus allen zivilisierten Nationen, aus allen Enden der Welt haben wir uns hier versammelt, mitten unter einer freundlich gesinnten Nation, und wir sprechen hier untereinander friedlich die Empfindungen unserer Herzen aus. die nichts in der Welt, weder die Entfernung, noch die menschlichen Ereignisse auslöschen oder zerstören könnte. Das kommt daher, weil das, was Gott geschaffen hat, nicht zerstört werden kann, und Gott hat uns geschaffen, damit wir mit denselben Gefühlen im' Herzen und im Geist vereint leben sollten. Es ist bestimmt, daß dies so und nicht anders sei. Mustern Sie die Geschichte der jüdischen Nation, Sie finden immer, sie stirbt nicht. Kein Volk besteht ewig, aber das jüdische Volk ist immer da. Ein Beschützer hoch oben über ihm hält gleichsam den Kopf dieses Volkes in seiner mächtigen Hand." Damit nimmt Cremieux Abschied von den Versammelten (er starb sieben Jahre darauf) und bekennt, daß in allen Umständen und Versuchungen des Lebens, die an ihn herantraten, nie eine Empfindung des Hasses in ihm aufgekommen sei. „Je! n'ai porte avec moi que des sentiments1 de moderation et de fraternelle indulgence." Und er wünscht, daß man ihm ins Grab nur das eine Wort nachrufe (welches auch der Talmud als das höchste schätzt): „Er hatte ein gütiges Herz." Noch etwas Bemerkenswertes ist an dieser Versammlung: Sephardim und Aschkenasim saßen einträchtig vereint beieinander, der Sephardi Cremieux, der Sephardi Graf Camonde zerbrach sich den Kopf, wie den aschkenasischen Juden in Rumänien zu helfen wäre. In den Reden aller dieser „Westjuden" kam nicht ein einziges Wrort der Mißachtung, der Geringschätzung oder Ueberhebung über die „Ostjuden" vor. Diese beiden Denominationen waren damals noch unbekannt. Nur Worte der Brüderlichkeit, der herzlichen Teilnahme und der tätigen Hilfsbereitschaft vernahm man. Wenn diese Männer heute aufständen, sie würden uns Heutigen schwer verstehen. Sie wußten wohl auch sehr gut, daß bei den Ostjuden nicht alles zum besten bestellt war und daß sehr viel zu tun übrig blieb, um sie auf ein höheres Niveau zu bringen. Aber da die Kritik von den Feinde n reichlich besorgt wurde, wählten sie für sich den anderen Teil, das Wohlwollen und die Hilfe.