Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 6)
- Language
- German
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43 Die Juden in Rumänien. 44 den nicht den kleinsten Türspalt öffnen. Wir können sie freilich nicht in die Donau werfen, aber wir sind verpflichtet, ihnen jedes Recht zu verweigern, welches an das Recht eines Rumänen grenzt..." Ein gewesener Kriegsminister namens Mano sagte dagegen: „Wir wissen alle, daß unter uns seit unvordenklichen Zeiten eine Menschen - klasse lebt, die zwar unter keinem ausländischen Schutz steht, den Rumänen aber nicht gleichgestellt ist und es unter gewissen Umständen auch nicht sein kann. Ich bin der Meinung, daß diesen Menschen die Blutsteuer nicht erlassen werden darf, gleichwie den wahren Söhnen des Vaterlandes." In bezug auf die Pflichten sind sie also Rumänen, in bezug auf die Rechte sind sie keine Rumänen. — Der Artikel 15 des Gesetzes vom 14. April 1874 blieb in Kraft bestehen, der lautet: „Zum Unteroffizier kann keiner ernannt werden, der nicht Rumäne durch Geburt oder Naturalisation ist." Dieses Gesetz wurde später verschärft, so daß der Jude im allgemeinen auch nicht Unteroffizier werden kann. DIE VORBOTEN DES RUSSISCH-TUERKISCHEN KRIEGES. „REUNION VON PARIS" 1876. DIE Die große Abrechnung Rußlands mit der Türkei wurde 1876 durch einen Aufstand in Bosnien und der Herzegowina eingeleitet, Serbien und Montenegro erklärten ihrerseits dem Souzerain den Krieg, auch die Bulgaren erhoben sich. Nachdem das türkische Heer gegen die Aufständischen auf der ganzen Linie siegreich war, beschlossen die Großmächte, vorwiegend auf Veranlassung Rußlands und Englands, in Konstantinopel eine Konferenz der Botschafter zusammentreten zu lassen, die mit der Türkei über Reformen in der Verwaltung und Sicherung der christlichen Untertanen verhandeln sollte. Die führenden jüdischen Kreise betrachteten es als ihre Pflicht, diese Gelegenheit, für die Juden des Orients Fürsprache zu halten, nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen. Auf Anregung der Anglo Jewish Association berief die Alliance Israelite Universelle eine Versammlung von Delegierten der Juden aller Länder Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika nach Paris, „um über die passendsten Maßnahmen zu beraten, die man ergreifen könnte, um den Juden der vom Krieg betroffenen Provinzen (des Orients) alle jene Rechte zu sichern, die den Christen erteilt würden". Die „Reunion" wurde in den Tagen vom 11. bis 15. Dezember 1876 im Saal des Konsistoriums der Synagoge in der Rue de la Victoire abgehalten. Die dreiundsechzig Teilnehmer repräsentierten alle großen jüdischen Gemeinden und 6 Organisationen in Europa und Amerika. Es waren darunter Männer von sehr großem Ansehen, bedeutendem Einfluß und mächtigen Beziehungen in der politischen Welt. Es waren einige Gelehrte von Weltruf, Philanthropen, Rabbiner und Prediger, Juristen und aktive Politiker von hohem Rang, Finanzmänner, die im Rate der Könige saßen, ,.königliche Kaufleute", schließlich Männer, die von europäischen Monarchen mit dem Adelstitel ausgezeichnet waren, darunter sogar ein Graf, der einzige jüdische Graf übrigens, der je existiert hat, nämlich Graf Abraham de Camondo aus Konstantinopel, einer sehr alten, vornehmen sephardischen Familie angehörig, die im Venetianischen und in der Tjürkei ansässig, von König Victor Emanuel in den Grafenstand erhoben worden war. Es waren, wie gesagt, die Juden aller europäischen Länder vertreten, nur nicht die des Balkans. Man beriet über sie, aber ohne sie. Einen drückt der Schuh, Philanthropen erbarmen sich' seiner, und fertigen ihm neues Schuhwerk an, aber sie tun es in seiner Abwesenheit, er ist dabei überflüssig. Die Juden des Balkans vertrat ein Herr Antoine Levy, ein Franzose, der in Jassy etwa zwölf Jahre als Prediger fungiert hatte und die Rumänen gut zu kennen behauptete. Die Namen der deutschen Vertreter haben noch heute einen guten Klang, und obwohl sie fast alle schon lange tot sind, lebt ihr Gedächtnis bei der Nachwelt fort. Berlin war vertreten durch Dr. Kris t e 11 e r und Hermann Goldschmidt , Frankfurt a. M. durch Dr. Baerwald, dessen Mitarbeit bei keinem gemeinnützigen Werke fehlte, die kleine Gemeinde von Liegnitz durch ihren Rabbiner Dr. Lands berg, der zu den eifrigsten und unermüdlichsten Verfechtern des Gedankens der Alliance in Deutschland gehörte. Von zahlreichen Gemeinden, Vereinen und Privatmännern kamen Entsohuldigungs- und Zustimmungsbriefe, so daß man sagen muß, daß die ganze Judenheit im Geiste vereint auf dieser Reunion vertreten war. Obgleich über das Schicksal der Juden des ganzen. Orients verhandelt werden sollte, stellte es sich alsbald heraus, daß der eigentliche Gegenstand der Beratungen die Judenfrage in Rumänien war. In der eigentlichen Türkei hatten die Juden keinerlei Bedrückungen erfahren, in Serbien hatte sich ihre Lage seit der Thronbesteigung desi Fürsten Milan Obernowitsch beträchtlich gebessert, und es stand zu erwarten, daß mit der Ge« Währung der vollen Unabhängigkeit an dieses Land, ihre Lage in staatsrechtlicher Beziehung vollends . nichts zu wünschen würde übrig lassen. In Rumä'; 1 gegen hatten die Unterdrückungen, wie übereinstimmend konstatiert wurde, seit dem Jahre 1866. also seit der Thronbesteigung des Fürsten Carol, geradezu barbarische Formen angenommen undi wurden mit Raffinement geübt. Es stand zu befürchten, daß ein weiterer Ausbau der rumänischen Unabhängigkeit die Lage der Juden nur noch mehr verschlimmern würde. Die Aufgabe der Versammlung war eine sehr heikle. Die rumänische Frage mußte man sehr vorsichtig anfassen und bei den Verhandlungen alles vermeiden, was den National - stolz der Rumänen verletzen und wie eine Propaganda gegen ihre berechtigten Forderungen aussehen könnte. Das hätte für die Juden schlimme Folgen haben können, da sie als Feinde ihresi Vaterlandes erschienen wären. Zudem würde Rußland, als „Beschützer" der Balkanchristen, jeden Appell an andere Mächte als einen verletzenden Eingriff in seine ,.geheiligten Rechte" angesehen haben. Andererseits mußte auf die Reizbarkeit der Türkei Rücksicht genommen werden, die nie eine Feindlichkeit gegen die Juden an den Tag gelegt hatte und in deren Herrschaftsbereich, auch wenn alle kleineren Provinzen von ihr losgelöst wurden, noch immer Hunderttausende von Glaubensgenossen verblieben wären. Der Delegierte Antoine Levy, der, wie erwähnt, lange in Jassy als!