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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 37 - 38

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-01-01
Page
Seite 37 - 38 (sequence 3)
Language
German
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37 Die Juden in Rumänien. 38 Indessen mochte die Versammlung den rumänischen Juden nicht die richtige Gewandtheitheit utnd Erfahrung zutrauen, um ihren Antrag mit gebührender Feierlichkeit auszuführen. Daher wurde eine Exekutivkommission eingesetzt, bestehend aus den Repräsentanten der einzeinen Komitees der Alliance sowie aller anderen Spezialkomitees, um den rumänischen Juden beizustehen. Natürlich wurden in die Kommission die hervorragendsten und angesehensten Männer gewählt, und diese nahmen die Sache in die Hand. Die Exekutivkommission schlug ihren Sitz im Wien auf, und der Präsident der Pariser Alliance übernahm den Vorsitz. Die Petition wurde ausgearbeitet und sollte an die beiden Kammern des Bukarester Parlaments überreicht werden. Da wünschte der Minister des Innern, daß die Ueberreichung bis zur nächsten Session verschoben werde, da das Parlament diesmal noch zu sehr mi|t anderen Arbeiten überhäuft war. Trotz heftiger Opposition der Alliance und der Exekutivkommission hielt man es1 für angemessen, den Wunsch des Ministers zu berücksichtigen, und man beschloß, die Ueberreichung der Petition auf den nächsten Sommer 1873 zu verschieben. Inzwischen wurde das oben erwähnte neue Spirituosengesetz eingebracht, welches einige tausend jüdische Familien brotlos machte, ohne die Juden ausdrücklich zu erwähnen. Der Verlauf der Beratungen und schließlich die einstimmige Annähme des Gesetzes trotz einer Petition der Juden an den Senat ließ die Ueberreichung der mit einem' so großen Aufwand von Klugheit, Diplomatie und Eifer vorbereiteten Petition an die Kammern zwecklos erscheinen. Alle die «bedeutenden und angesehenen Männer, deren Name einen so guten Klang in ganz Europa hatte, kehrten unverrichteter Dinge nach Haus. Der rumänische Minister hatte sie offenbar unter den Augen eben dieses ganzen; Europas zum besten gehabt. Allein das Spirituosengesetz brachte abermals, gleichwie die Pogrome von 1871, ganz Europa in Harnisch. Die Alliance protestierte beim französischen Minister des Aeußeren. Cremieux wurde vom Minister empfangen. Auf Veranlassung Sir Francis Goldsmids sandte die englische Regierung noch während der Beratung des Gesetzes eine Note, in der festgestellt wurde, daß die rumänischen Maßnahmen die Juden in mittelalterliche Zustände zurückversetzen, dazu könne England nicht schweigen und müsse feststellen, daß die Politik des Bukarester Kabinetts dem Geist und der Praxis der modernen Zivilisation gänzlich widerspreche. Francis Goldsmid war überzeugt, daß alle Kabinette der englischen Führung folgen würden. Der Herzog von Broglie, französischer Minister des Aeußeren, versicherte in der Tat, daß er nicht fern zu bleiben gedenke, wo es sich darum handlet der fürstlichen Regierung die Gefühle der Humanität und Toleranz zu empfehlen. Italien hätte von selber seinem Bukarester Vertreter die entsprechenden Informationen geschickt. Der Graf Julius Andrassy gab einer Deputation der Wiener Juden die wärmsten Versicherungen; nur Rußland verhielt sich ablehnend. Der Fürst Gortschakoff ging so weit, das Gesetz zu rechtfertigen, es zu loben, weil es die Juden traf, ohne sie direkt zu nennen. Uebrigens gab er, wie er dem englischen Minister schrieb, seinem Bukarester Vertreter dieselben Instruktionen wie im Jahre 1868, als er auf eine Eingabe der Alliance seinem Generalkonsul schrieb: ,,Wir wollen alle Pflichten der Humanität aufs weitherzigste erfüllen, aber nicht dazu die Hand bieten, daß das Ausland sich in die Lokalverwaltung der Fürstentümer einmenge." Der rumänische Minister des Innern Boeresco kam eigens nach London, und zu seiner Rechtfertigung häufte er auf die Juden alle möglichen Beschuldigungen, hatte aber wenig Glück damit, wurde als Lügner entlarvt und mußte beschämt abziehen. Der Fürst Carol kam im Juli nach Wien, empfing eine Deputation der Wiener Alliance mit viel Herzlichkeit und Wohlwollen und hörte mit großer Aufmerksamkeit die Einwürfe gegen das Spirituosen-Gesetz. Aber das Gesetz blieb Gesetz. Da es aber den Interessen der Großgrundbesitzer und der Gemeinde widersprach, dagegen niemandes Interesse förderte, so hatte es im Grunde nur die Bedeutung einer demütigenden Demonstration, eines Damokles-Schwertes, es sauste nicht allzu oft nieder, und die Juden gewöhnten sich daran. DER HANDELSVERTRAG MIT OESTERREICH - UNGARN UND DAS MILITAERGESETZ. Von viel größerer Bedeutung war der im Jahre 1875 zwischen Rumänien und Oesterreich-Ungarn zustande gekommene Handelsvertrag. Seit Jahren war es der größte Ehrgeiz Rumäniens, mit einer der Garantiemächte einen selbständigen Vertrag zu schließen, da ein solcher vor aller Welt demonstrieren konnte, daß die Oberhoheit der Pforte über die Fürstentümer, die sich seit Jahren mit Stolz Rumänien nannten, in Wirklichkeit nur ein Schatten war. In Oesterreich-Ungarn war seit 1871 Graf Julius Andrassy Minister des Aeußern. Der große Staatsmann erkannte mit scharfem' Blick die Bedeutung und die Zukunft Rumäniens. Seine Vorgänger hatten sich die Sympathien des jungen Staates verscherzt, indem sie der populären Strömung und dem Ehrgeiz der Nation stets entgegenarbeiteten. Zwischen der Donaumonarchie und Rußland bestand zwar ein Bündnis, aber das hinderte beide Staaten nicht, in Bukarest einander den Rang streitig zu machen. Diese Rivalität benutzten die Rumänen, um von beiden Seiten Vorteile herauszuschlagen. Das Verhalten Oesterreich-Ungarns hatte bis dahin nur den Einfluß Rußlands gestärkt. Graf Andrassy beschloß, den umgekehrten Weg einzuschlagen. Er wollte mit Rußland in Frieden leben, aber durch Entgegenkommen und Förderung Rumäniens Vertrauen und Freundschaft gewinnen. Ein starkes Rumänien, so hoffte Andrassy, wäre für Rußland ein unübersteigbares Hindernis auf seinem Wege nach dem Balkan und Konstantinopel, und Rumänien würde bald einsehen, daß Rußland sein einziger, wahrer Feind sei. Die leidige Juden - frage in Rumänien kam ihm sehr gelegen: sie ermöglichte ihm, dem Bukarester Kabinett gefällig zu sein, ohne Rußland zu verletzen. Schon allein, daß er es zweimal ablehnte, sich den anderen Mächten zwecks eines gemeinsamen Protestes an-

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