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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 2)
Language
German
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35 Die Juden in Rumänien. 36 in seiner Mission, der er mit so vielem Eifer und1 Tatkraft oblag, keinen Erfolg", bemerkt Loeb. Die Pogrome ließen nicht nur nicht nach, sondern wurden immer häufiger und nahmen immer größere Dimensionen an. „Die Regierung brauchte sie nicht mehr zu organisieren", sagt Narcisse Leven mit Recht, „ihre Politik rief sie automatisch hervor." Aber Europa wachte. Schon im Februar und dann im Juli 1870 konnte Sir Goldsmid an Cremieux berichten, daß die englische Regierung nicht aufhörte, sich für die Israeliten zu verwenden, und unendlich betrübt war, hierin so wenig Erfolg zuhaben. Und als infolge eines unbedeutenden Anlasses in mehreren Städten der Walachei wüste Pogrome ausbrachen und das Gericht schließlich ein paar Juden zu schweren Gefängnisstrafen verurteilte, die Ruhestörer dagegen frei ausgehen ließ, „war man in ganz Europa empört über diesen neuen Ausbruch der Barbarei und die sonderbare Rechtsprechung", wie Narcisse Leven versichert, der alle diese Zeiten miterlebt hat. Die Vertreter der Mächte regten sich, der französische Minister des Aeußeren versprach, die von der Alliance eingeholten Nachrichten seinem Bukarester Vertreter zu senden, die englische Regierung verlangte energisch die Unterdrückung des Aufruhrs, die Generalkonsuln aller Mächte überreichten eine Kollektivnote nach der andern, in der auf das nahende Pessachfest hingewiesen wurde, da den Juden die meisten Gefahren zu drohen pflegten. Im englischen Parlament fand eine große Debatte statt, in der das denkwürdige Wort Lord Palmerstons zitiert wurde: die öffentliche Meinung, wenn sie sich auf Wahrheit und Gerechtigkeit stütze, müsse am Ende sogar Infanterie, Artillerie und Kavallerie zusammengenommen überwinden. Aber in England ging man noch weiter. In einem Brief vom 26. April an Lord Granville regte Sir Francis Goldsmid an, einen gemeinsamen Schritt der Garantiemächte beim Sultan zu unternehmen, dem auf Grund der Pariser Konvention von 1858 das Recht zustand, wenn er von allen Garantiemächten gemeinsam dazu aufgefordert wurde, von seiner Macht als Souverän der Fürstentümer Gebrauch zu machen und sie, wenn nötig, sogar mit Waffengewalt zur Raison zu zwingen. Das wäre für das neugebackene Rumänien eine schwere Demütigung und ein harter Schlag gewesen, schon die Drohung allein hätte genügen müssen, um die Regierung des halbbarbarischen Kleinstaates einzuschüchtern. Lord Granville nahm die Anregung Sir Goldsmids auf und lud durch seine Botschafter die Garantiemächte zu dem gemeinsamen Schritt ein. Im Deutschen Reichstag entspann sich eine Debatte, in der warme Worte für die Juden fielen. Italien schloß sich dem englischen Kabinett an, Oesterreich-Ungarn gab jedoch zu erwägen, ob die von dem rumänischen Kabinett abgegebene Versicherung, daß alle Maßregeln ergriffen seien, um die Gleichberechtigung der Juden, vorläufig wenigstens in der Theorie, durchzuführen und Vorkehrungen für das Pessachfest zu treffen, nicht genügen müßten. Rußland dagegen antwortete, zuerst müsse das! Bukarester Kabinett gehört werden. Darauf bemerkte der englische Botschafter Lord Lotfus, Rußlands Haltung sei begreiflich, da seine eigenen Juden nicht besser behandelt werden. Nun durfte der Sultan gegen Rumänien nur einschreiten, wenn sämtliche Garantiemächte in der Forderung einig waren. Der englische Vorschlag war also gescheitert. . Aber in Rumänien ließ die Aktion des Sir Francis Goldsmid einen starken, nachhaltigen Eindruck zurück. Daß er im Lande keine Sympathien für die Juden weckte, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Es hatte sich' aber in England die öffentliche Meinung geregt. Die Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums berief nach dem Mansion House eine Versammlung unter .dem Vorsitz des Lord Shaftesbury, der die hervorragendsten Persönlichkeiten beiwohnten, u. a. der Bischof von Gloucester. Es wurde eine geharnischte Resolution gegen die rumänische Regierung gefaßt. Im holländischen Parlament brachte der ehemalige Justizminister Godefroi, ein Jude, eine Interpellation ein, und in der Debatte hierüber drückte der Minister des Aeußeren sowie die hervorragendsten Deputierten den Abscheu über die Vorgänge in Rumänien aus. Der amerikanische Botschafter in Paris, obgleich kein Vertreter einer Garantiemacht, wollte nicht, daß sein Land außerhalb dieses schönen Konzertes der Humanität und der Gerechtigkeit bleibe und versicherte in einem Schreiben an den französischen Minister des Aeußeren, daß seine Regierung für die in den Donaufürstentümern jetzt so unmenschlich verfolgten Juden die tiefste Sympathie empfinde, und es mit der größten Genugtuung begrüßen würde, wenn Frankreich etwas unternähme, u,m diese unaufhörlicher*, [dije1 Christenheit mehr als die Juden schändenden Verfolgungen abzustellen. Der französische Minister des Aeußeren blieb hinter seinem amerikanischen Kollegen nicht zurück, drückte ebenfalls seine Sympathie aus und gab die beste Versicherung. Die Rumänen konnten nun wissen, wie man auif beiden Hemisphären über sie dachte und hatten allen Anlaß, sich tief in die Seele hinein zu schämen. Sie schämten sich auch und der Fürst begnadigte die Unrechtmäßig verurteilten Juden. Von einer Wiederaufnahme des Prozesses und einer Rehabilitation der Verurteilten war natürlich nicht die Rede. Allein die Alliance Israelite Universelle gab sich damit nicht zufrieden. Im Oktober 1872 berief der Präsident auf Anregung des Berliner Komitees eine große Versammlung der Juden aller europäischen Länder. Die bedeutendsten Männer folgten dem Ruf. Es war ein richtiger Kongreß, obgleich jene Männer, da sie keine großen Worte liebten, nur von einer „Reunion" sprachen. Das wichtigste jedoch war, daß jetzt zum erstenmal auch rumänische Juden zu den Beratungen zugezogen wurden, in denen ja ihr Schicksal gewogen wurde. Die rumänischen Delegierten stellten den Antrag, daß die rumänischen Juden an die beiden Kammern, die binnen kurzem in Bukarest zusammentreten sollten, eine Petition zu richten hätten, in der sie ,,als treue und ergebene Söhne ihres Vaterlandes bäten, daß ihnen die bürgerlichen und politischen Rechte wiedergegeben würden, die ihnen durch die neueren Verträge zugesichert wurden und die sie der Gerechtigkeit und dem Wohl4 wollen ihrer Mitbürger allein verdanken möchten". Dieser Antrag wurde mit großem Beifall angenommen, ,,als ein Akt der Klugheit und des Patriotismus, da die Petition sich an die Vertreter des Landes, an die Erwählten der Bürger ohne Dazwischenkunft des Auslandes wenden sollte".

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