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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 27 - 28

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern?
Date
1917-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 5)
Language
German
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27 Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nicht jüdischen Schüleru? 28 Neben den bisherigen Wegen, die — wie wir gesehen — eine Lösung der Frage nicht gebracht haben, ging ein dritter her, aus Erfahrungen von möglichst vielen berufsmäßigen Erziehern etwaige Begabungsunterschiede zwischen Juden und Christen festzustellen. Aber auch dieser Weg genügt, da diese Erfahrungen immer subjektiver Natur sein werden, ebensowenig wie die früheren, wissenschaftlichen Anforderungein. Man braucht nur, um einen Begriff von der stark ausgeprägten Subjektivität so mancher Erzieher zu erhalten, in der erwähnten Abhandlung die Werturteile zu lesen, die z. B. ein Professor der Wiener Realschule über die Quelle des Fleißes bei christlichen und jüdischen Schülern abgibt — nach ihm entspringt sie bei christlichen Schülern dem Interesse am Gegenstand, bei jüdischen dem Streben nach einer guten Note—, oder man lese die absonderliche „Beobachtung" des Prof. Jelinek, daß die jüdischen Mädchen eine verhältnismäßig größere Neigung zum Putz verraten und mehr als die christlichen an die Ehe als ihre eigentliche Bestimmung denken — eine Ansicht, die übrigens Nemecek selbst zu teilen scheint, wenn er das angeblich exzeptionelle Interesse der zumeist dem Kleinbürgertum entstammenden jüdischen Schülerinnen der Handelsschule am französischen und englischen Unterricht ihrem Ehrgeiz zuschreibt, durch die fremden Sprachen auf ein höheres gesellschaftliches Niveau zu kommen „und hierdurch die ihnen immer vorschwebenden Heiratsinteressen günstiger zu gestalten!" Wenn ich bei diesen Bedenken meine eigenen Erfahrungen zum Ausdruck bringe, so bin ich mir in gleicher Weise bewußt, daß auch sie trotz allen Bemühens nach Objektivität schon durch die Art meines Wirkens eine persönliche Färbung tragen, da sich meine fast 40jährige Schultätigkeit zum größten Teil in jüdischen Anstalten, die ausschließlich oder wenigstens zum größten Teil von jüdischen Zöglingen besucht worden sind, abgespielt hat — nur 8 Jahre meines Wirkens fallen auf die Tätigkeit an simultanen Lehranstalten, einem Gymnasium und einem Lyzeum. Nach meinen Erfarungen kann bei der J u - gend der deutschen Juden von Begabungsverschiedenheitengegenüber den gleichaltrigen christlichen M i t - schülernauf Grund von Stammeseigentümlichkeiten nicht die Rede sein, mag man auch, weit über Stern hinausgehend, von einer rein empirischen Gesetzmäßigkeit reden, wonach das Entstehen und die Eigenschaften der Individualität 1 e d i g Ii c h de m Stamm zu verdanken sind, dem diese entsprießt. Aber selbst Andreae, der diese Meinung vertritt, muß bekennen, wie soziale und psychische Faktoren, Leben und Schicksal, Unterricht und Uebung, Gewohnheit und Leiden hierbei eine konkurrierende Wirkung üben; ebenso wie Wissenschaft und Lebensführung sich gegen körperliche Erbschaft zur Wehr setzen, suchen Erziehung und Unterricht die psychische zu ergänzen, zu mehren, zu berichtigen, bald fördernd, bald hemmend. Eine „bessernde" Tätigkeit haben freilich Erziehung und Unterricht niemals bei Angehörigen eines Stammes zu üben, in welchem die tiefsten sittlich-religiösen Begriffe, die erhabensten religiösen Gedanken zum Ausdruck gelangt sind. Die ganze Rassenf rage bleibt indes, wie schon Nemecek mit Recht betont, auf die Juden Mitteleuropas — und besonders auf die deutschen Juden — bezogen, „ein recht problematischer Begriff": Ganz abgesehen von den Einwänden, die die bedeutendsten Forscher auf anthropologischem Gebiet gegen eine Eingliederung der deutschen Juden in eine bestimmte Rassengruppe erhoben haben, hat sich vor allem das geistige Leben der deutschen Juden, wie die kulturgeschichtliche Forschung über das deutsche Mittelalter dargetan hat, auch in der Zeit, die sie in engen Ghettoschranken hielt, in dauernder Verbindung mit dem ihrer christlichen Nachbarn erhalten und sich mit ihm, seitdem die Tore der Judenviertel geöffnet wurden, in vollen Strömen vereinigt; von Geschlecht zu Geschlecht ist diese Verschmelzung inniger geworden und hat, wie bereits früher erwähnt, alle noch vorhandenen Besonderheiten überraschend schnell verschwinden lassen. Man kann heute höchstens von Resten solcher Besonderheiten reden, so z. B. bei der Wahrnehmung einer gewissen -Frühreife jüdischer Kinder; sie hat ihren Ursprung* noch von den Zeiten her, wo es die jüdischen Eltern für ihre religiöse Pflicht hielten, ihre Kinder, kaum daß sie der wichtigsten sprachlichen Begriffe mächtig waren, in das umfassende Glaubensritual und Zeremonial einzuführen und ihnen schon in frühester Kindheit eine bisweilen nicht geringe Kenntnis der hebräischen Gebetsprache zu verschaffen. Die oft allzu intensive Einwirkung der Eltern, namentlich der Mütter, ist auch bestehen geblieben, als der religiöse Einführungsstoff seine hervorragende Stellung eingebüßt hat und durch allgemeine} Bildungsstoffe ersetzt worden ist — erst in der neueren Zeit sind die Gefahren einer allzu frühen geistigen Belastung des kindlichen Gehirns auch in diese Kreise gedrungen und haben hier Wert und Nutzen einer gleichmäßigen Förderung von Körper und Geist erkennen lassen. So wird denn auch diese noch bisweilen in Erscheinung tretende Frühreife der jüdischen Jugend, die die Rassefanatiker als „sichtbare Zeichen der Herrsch-

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