Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
- Article
- Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern?
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 25 - 26 (sequence 4)
- Language
- German
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25 Gibf es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Sehülern? 26 zweifelhaft; zudem ist die Gesamtdurchschnitts - note in beiden Schülergruppen in allen drei Schulen fast die gleiche, in der Realschule völlig gleich, und Schwankungen sind nur hie und da in den Leistungen einzelner Fächer vorhanden. In den sprachlich-historischen Fächern sind diese Unterschiede recht geringe, sie lassen immerhin nachi der Ansicht des Verfassers einen Schluß auf bessere Leistungen der jüdischen Schüler erkennen; auch in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fädhern haben die jüdischen Schüler einen gewissen Vorsprung, in der Geographie und Naturgeschichte sind die Leistungen beider Schülergruppen gleichartig. In den kaufmännischen und besonders in den juristischen Fächern, die in der Hauptsache begriffliche Definitionen lehren, übertreffen nach der Wertung des Verfassers die jüdischen Schüler die christlichen, dagegen sind die Leistungen der christlichen Schülergruppen in den sog. Fertigkeiten, im Schönschreiben, Zeichnen und Turnen, besser — mit Ausnahme der Stenographie, wo wieder die jüdischen Kinder die christlichen überragen. Neben den Untersuchungen aus den Zeugnissen der Kinder hat der Verfasser noch, wie erwähnt, p ä - dagogisch - psychologische angestellt, um aus ihnen zu bestimmten Ergebnissen über die Art der Veranlagung beider Gruppen zu gelangen. Er ließ nach den Anweisungen Binets von den Schülern, leider nur der beiden untersten Klassen der Handelsakademie, ein vor ihren Augen befindliches Bild, das den Ausbruch des Aetna darstellte, in einem Zeitraum von 50 Minuten beschreiben und bestimmte aus den Arbeiten die verschiedenartigen Darstellungstypen Binets, nämlich die rein beschreibende, die eine gewisse Beschränktheit der Schüler erweisen soll, die beobachtende, die sich aus einem lebhafteren Vorstellungsleben ergeben, ferner die emotionelle, die die Dinge in ihren Gefühlswirkungen darstellen und die imaginative, die den Gegenstand phantasievoll ausführen soll. Nach dem Urteil des Verfassers zeigte sich aus den Arbeiten, daß die jüdische Schülergruppe neben großer Sprachbeherrschung und dem Streben nach Originalität zu emotioneller und beobachtender Darstellung1 neigte, während die andere Gruppe zu ungefähr je einem Drittel die beiden anderen Typen aufwies. Auch diese Folgerung wird indes bei dem verschiedenartigen und zudem recht dürftigen Material, das dem Beobachter zur Verfügung stand (nur 33 christliche und 36 jüdische Schüler) und bei seinem offenkundigen Streben, unbedingt ein Ergebnis aus den Arbeiten zu gewinnen, als eine recht zweifelhafte bezeichnet werden müssen. — Auf 4 verschiedene Stufen der Handelsakademie in 7 Abteilungen ließ weiterhin der Verfasser 152 christliche und 109 jüdische Schüler 2 Minuten lang die ihnen einfallenden Wörter niederschreiben und beobachtete alsdann nach der Vorschrift Aschaffenburgs die auf die christlichen und jüdischen Schüler entfallende Durchsduiittszahl der geschriebenen Worte, um das Tempo des Vorstellungsverlaufes beider Gruppen festzustellen; es ergab sich, daß fast ein Drittel der christlichen Kinder in diesem Zeitraum unter 20 Wörter schrieb, während in der jüdischen Gruppe ungefähr nur ein Fünftel diese Mindestzahl aufwies, in der mittleren Zahl von 20—24 Wörtern glichen indes die christlichen Schüler den Ausfall aus, und in den weiteren Zahlen standen sich beide Gruppen gleichwertig gegenüber. Aus dieser Sachlage kann der Verfasser selbst nur in recht bedingter Weise eine raschere Reproduktionsfähigkeit der jüdischen Schüler folgern, zumal hier auch die Schreibgeläufigkeit der Schüler eine Rolle spielt, die nach einem weiteren Versuche des Verfassers in der jüdischen Gruppe eine größere ist. Aus seinen Beobachtungen will der Verfasser nun eine „unleugbar stärkere intellektuelle Veranlagung der jüdischen Schüler, eine stärkere Begabung für das Abstrakte, Begriffliche" erkennen, wagt aber selbst nient zu entscheiden, ob diese Begabung nur ein Zeugnis einer gewissen Frühreife) oder,,eine im Wesen potentiell stärkere Funktion" darstellt; weiter sollen nach ihm Emotionalität und Spekulation „kennzeichnende Eigentümlichkeiten des jüdischen Schülers" sein. Er lehnt es hierbei ausdrücklich ab, die Ursache dieser besonderen psychischen Veranlagung aus der Rassetheorie zu erklären; für ihn ist lediglich die Tatsache unleugbar, daß die Judenheit innerhalb unserer Gesellschaft „eine besondere psychische) Persönlichkeit" darstellt. Gegen diese Schlußfolgerung können wir seine eigenen Ausführungen an anderer Stelle seiner Schrift heranziehen; in seiner Darlegung der Leistungen in den Sprachfächern weist er nämlich (S. 45) ausdrücklich darauf hin, daß es dahingestellt bleiben müsse, ob die besseren Leistungen der jüdischen Schüler in den Sprachfächern die Folge angeborener Veranlagung sind, „oder eine durch ein bestimmtes, in jüdischen Kreisen vorherrschendes Milieu und dessen Lebensgewohnheiten entwickelte Disposition!" Mit dieser Meinung hat sich der Verfasser der Ansicht aller derjenigen genähert, die aus den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen die deutschen Juden durch Jahrhunderte gelebt haben, die Bildung eines eigenartigen Milieus erklären, das mit der Aenderung dieser Verhältnisse mehr oder weniger rasch eine Umbildung erfahren und bei völliger Gleichstellung der Deutschen jüdischen Glaubens mit den anderen Bürgern überhaupt verschwinden muß.