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Ost und West · 1917-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1917) · p. Seite 23 - 24

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1917)
Article
Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern?
Date
1917-01-01
Page
Seite 23 - 24 (sequence 3)
Language
German
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23 Gibt es Unterschiede der Begabung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern? 24 Ergebnis die maßgebende Rolle spielen, zeigt u. a. eine Vergleichung der sog. allgemeinen Prädikate (Führung, Fleiß und Aufmerksamkeit): Ueberall schneiden die jüdischen Schülerinnen schlechter ab, namentlich nimmt ihre Aufmerksamkeit und ihr Fleiß in den mittleren und oberen Klassen von -Jahr zu Jahr ab. Zu wesentlich anderen Ergebnissen ist der Handelsschullehrer O. Nemecek in Wien gelangt, der bei seinen in den „Beiträgen zur Kinderforschung und Heilerziehung" Heft 128, Hermann Beyer & Söhne, Langensalza) erschienenen Untersuchungen „Zur Psychologie christlicher und jüdischer Schüler" außer den von Ruppin herangezogenen Schulzeugnissen noch besondere pädagogisch-psychologische Versuche vorgenommen hat, um zu bestimmten Ergebnissen zu gelangen. Aber auch die von ihm versuchte Lösung der Frage muß als verfehlt bezeichnet werden. Zwar stand ihm ein beträchtlich größeres Material als Ruppin zur Verfügung — er konnte sich auf die Leistungen von 1656 Schülern und Schülerinnen stützen, die in drei Wiener Anstalten Unterricht empfingen — indes war schon die Zusammensetzung seines Materials nach Alter und Schulart zu verschieden, um eine Vergleichung möglich zu machen. Fast die Hälfte aller Zöglinge (753 45o/0) bestand aus Schülern der Neuen Wiener Handelsakademie, einer Handelsfachschule, in der Knaben nach vierjährigem Besuch einer höheren Lehranstalt oder nach Absolvierung einer Bürgerschule in weiteren 4 Jahren bis zum Anstaltsziel geführt werden; bei der Aufnahme stehen sie gewöhnlich1 im Alter von 15 Jahren. Der andere Teil des Materials setzte sich aus gleichaltrigen Zöglingen einer zweiklassigen Handelsschule für Knaben und Mädchen zusammen, die an die Kenntnisse der obersten Klassen der Bürgerschulen anknüpft und vornehmlich Fachbildung vermittelt (187 Knaben und 252 Mädchen 27o/0) und aus 464 Schülern im Alter von 11—18 Jahren (= 28o/o) einer siebenklassigen Realschule, also einer Anstalt, die lediglich der Uebermittlung allgemeiner Bildung dient. Zu diesen Verschiedenheiten in den Schularten trat als weiter erschwerender Umstand, daß das umfangreichste Schülermaterial, das aus der Handelsakademie gewonnene, nicht einheitlich war; 56% der christlichen Schüler dieser Anstalt waren nämlich mit zumeist guten Noten von der Bürgerschule in die Akademie gekommen, während die gleiche Prozentzahl der jüdischen Schüler sich aus verunglückten Gymnasiasten und Realschülern zusammensetzte. Dieser Qualitätsunterschied beider Schülergruppen macht sich vor allem schon in den allgemeinen Noten geltend, die doch nebeln der natürlichen Veranlagung von maßgebender Bedeutung für den Fortgang in den Leistungen sind, in der Führung, der Aufmerksamkeit und dem Fleiß. Das Betragen der jüdischen Schüler der Handelsakademie ist, wie die aufgestellten Tabellen erweisen, weit schlechter als das ihrer christlichen Mitschüler: Die Note 3 ist bei ihnen um 6%, die1-schlechteste (4) um 0,8o/0 häufiger! Die gleiche, wenn auch weniger hervortretende Beobachtung läßt sich auch aus den , Prädikaten in der Handelsschule herleiten — immerhin ist hier das Verhältnis insofern günstiger, als in der zweitbesten Note die jüdischen Knaben mit mehr als 4o/o, die jüdischen Mädchen mit fast 7o/o die christlichen Schülergruppen übertreffen, während sie freilich in der besten Note mit 10 bzw. 6°/o zurückstehen. In der Realschule, die, wie erwähnt, eine allgemein bildende Lehranstalt ist, läßt sich ein wesentlicher Unterschied in der Führung beider Schülergruppen nicht feststellen; wenn auch die beste Note bei den jüdischen Schülern um 10o/o seltener ist, stehen sie in der 2. Note ebensoviel voran, die schlechte Note 3 komme bei beiden Teilen in gleichem Ausmaß vor, und die schlechteste hat hier kein einziger jüdischer, wohl aber 0,4o/o der christlichen Knaben aufzuweisen. Ohne weiteres leitet nun aus solche« Ergebnissen der Verfasser einen „allgemeinein Mangel an Zucht bei jüdischen Kindern" her, während er doch höchstens für die jüdischen Kinder lediglich dieser drei Wiener Schulen insbesondere aus der Verteilung der beiden besten Noten auf größere Lebhaftigkeit und geringere Fähigkeit des Verhaltens angesichts äußerer Eindrücke hätte schließen dürfen! Ueber das Maß der Aufmerksamkeit erhalten wir von dem Verfasser keinen Nachweis, weil die Zeugnisse der drei Schulen wohl keine Noten in diesem allgemeinen Prädikat zeigen; auch Fleißnoten sind nur aus den Zeugnissen der beiden Handelsanstalten ersichtlich. Nach den oben angeführten Gründen ist es verständlich, wie die christlichen Handelsakademiker und die Handelsschülerinnen ernsteres Streben als ihre jüdischen Mitschüler zeigen; doch sind bei den Knaben der Handelsschule die Unterschiede nicht so wesentlich, um hieraus schlüssige Folgerungen ziehen zu können; den geringeren Fleiß der jüdischen Handelsschülerinnen erklärt auch Nemecek wie schon Ruppin daraus, daß sie weniger als die christlichen Mitschülerinnen auf Erringung einer Berufsstellung bedacht zu sein brauchen und von den Eltern zuimeist nur in die Handelsschule gesandt werden, um noch bis zum 16. Lebensjahr außerhalb des Flauses beschäftigt zu sein. Die gerügten Mängel des Materials machen auch jede Folgerung* aus den Leistungen in den einzelnen Unterrichtsfächern von vornherein recht

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