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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 69 - 70

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Der Weltprügeljunge
Date
1915-01-01
Page
Seite 69 - 70 (sequence 2)
Language
German
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69 Der Weltprügel junge. 70 kannst, aber mach!' Geld auf jeden Fall" — so erinnert das an die Anekdote vom reichgewordenen Stiefelputzer, der im Zank mit seiner Frau seinen ganzen Vorrat an Schimpfwörtern erschöpfte, und als seine "Wut den höchsten Grad erreicht hatte, ihr noch das Schimpfwort „Stiefelputzer" an den Kopf warf. Jener angebliche Ickey Moses soll nämlich besser Tommy Atkins heißen. Das ganze Geschichtlein ist echt englisch und spiegelt in humoristisch! sein sollender Form die Quintr essenz englischer Lebensweisheit wieder (siehe Chesterfield). Im Englischen sagt man: Dieser oder jener ist tausend, fünftausend oder zehntausend Pfund jährlich „wert", wenn man ausdrücken will, wie hoch seine jährlichen arbeitslosen Einkünfte sind. Und wer keine „Einkünfte" hat, sondern arbeiten mußi, um zu leben, ist überhaupt nichts „wert". Viel bedenklicher als dieser vulgäre Antisemitismus des Bildungspöbels ist es, daßi ein Mann, wie Sir William Ramsay, einen ähnlichen Ton anschlägt. An allem, was die Deutschen gegen die Engländer gesündigt haben, behauptet der groß« Forscher, seien die Juden schuld: eine der Hauptsünden der Deutschen gegen England ist bekanntlich der mächtige Aufschwung der exakten Wissenschaften bei ihnen, und für alle diese wissenschaftlichen Taten, durch die Englands Technik überflügelt zu werden droht, seien die Juden verantwortlich. Leider ist das nicht ganz wahr. Freilich sind die deutschen Juden für ■einen ziemlich beträchtlichen Teil der'Wissenschaft-' liehen Errungenschaften Deutschlands in den letzten paar Jahrzehnten mit verantwortlich, aber es ist stark übertrieben, sie für alle zur Rechenschaft zu ziehen und an ihnen Rache zu nehmen. Die Juden sind unverbesserlich und es ist hoffentlich zu befürchten, daß die Juden in Deutschland sich durch Sir William Ramsays Zorn nicht abschrecken lassen und fortfahren werden, noch mehr als bisher durch intensive Arbeit im Dienste der Wissenschaft zu „sündigen", noch größere Verantwortung auf sich zu laden, auch' wenn Ramsay darüber g-anz in das Lager der Antisemiten übergehen müßte. Es ist bezeichnend, wie jeder Nationalismus die ganze "Welt von seinem engen Gesichtspunkt aus betrachtet, als wäre sie einzig und allein für ihn geschaffen. In der „National Review" nimmt Mr. Leo Maxse das Wort zur Judenfrage;und teilt die Juden in zwei Gruppen: die eine, „die Gerechten", bilden leider eine verschwindende Ausnahme und sind voller Sympathie für England und seine Verbündeten, die Mehrheit aber gehört, ach! zu den Ungerechten, den Verdammenswerten, die es England nicht verzeihen können, sich mit „dem Bären, der wie ein Mensch geht", verbündet zu haben. Diese Anschauung hat etwas Tröstliches: nähmlich, wenn die Zeiten sich erfüllen werden, und England gegen Rußland Krieg führt, dann wird die Mehrzahl „gerecht" sein und die Ungerechten dagegen in die Minderheit zurücksinken, insofern sie nicht rechtzeitig mit ihren Gefühlen eine Schwenkung vornehmen ..... In der Zeitschrift „The Nation" erscheint ein tiefsinniger Völkerpsychologe auf dem Plan und vergleicht den „jüdischen Realismus" mit dem slawischen Hang zu idealistischer Träumerei, wie er sich besonders in der russischen Politik verkörpere. Das ist nicht etwa ein Scherz, sondern spielt sich als wissenschaftlicher Ernst auf. Man braucht ja nur den unverwüstlichen jüdischen Messianismus und den ewigen Glauben an das Reich der Gerechtigkeit, welches am Ende doch kommen müsse, mit der unersättlichen russischen Expansionspolitik und der Wahllosigkeit ihrer Mittel zu vergleichen, man braucht nur an das grandiose Sysiem der Bestechung und der Verleitung zum Landesverrat zu denken, das die russische Regierung jahrelang unter den „Russophilen" in Ostgalizien trieb, wodurch die sogenannte „Eroberung" Ostgaliziens vorbereitet wurde, und man hat den „jüdischen Realismus" und die „idealistische russische Träumerei" klar auf der Hand. Auch die Times hat sich neuerdings auf den Pfad der Wissenschaft begeben und konstatiert, daß die Juden viel, zu viel nach bürgerlicher Freiheit streben, weswegen sie offenbar nicht imstande sind, den „nationalen Impuls", der beispielsweise Rußland in diesen Krieg trieb, nachzuempfinden. Das wird in dem Lande gesagt, dessen Ruhm es ist, den Grundsatz „My house is my Castle" auf seine Fahnen geschrieben zu haben. Ja, Jude, das ist ganz was anderes. Und hier verläßt die Times die strenge Wissenschaft und fängt an, prophetisch zu orakeln : „Der Jude, durch äußere Einflüsse zu vollem nationalen Bewußtsein getrieben, wird endlich versuchen, seine uralte Tradition zu erfüllen, indem er strebt, wie George Eliot es voraussagte, die Vereinigung seiner Nation zu vollziehen und diese in eine neue Verbrüderung mit den Völkern der Heiden zu bringen." Sehr dunkel ist der Rede Sinn, aber es hat den Anschein, daß das Londoner Organ der echtrussischen Leute hier einen eigenartigen, auf besondere Weise zugestutzten Zionismus predigt. Man ahnt, daß es gewissen Politikern an der Themse vorschwebt, in Palästina auf den Trümmern der Türkei eine Art jüdisches Belgien zu gründen, eine völkerrechtlich gesicherte Heimstätte auf neutraler Grundlage unter dem Schutze der Times und des Nowoje Wremja. Menschikow und Puryschkewitsch würden sich da als Schutzpatrone ganz besonders eignen. Das Zeitalter der Erlösung wäre hereingebrochen und der Zar besäße einen neuen Ansiedlungsrayon für seine lieben Juden ... Man könnte indessen meinen, daß' all diese Symptome eines wachsenden Antisemitismus in England in der privaten Sphäre bleiben und in die Kreise der Regierenden nicht eindringen. Dem ist aber nicht so. Nachdem der Sultan den Hei-

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