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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 67 - 68

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Der Weltprügeljunge
Date
1915-01-01
Page
Seite 67 - 68 (sequence 1)
Language
German
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67 Der Weltprügeljunge. 68 DER WELTPR Von einem in Berlin studierenden Russen, jetzt Professor an der Warschauer Universität, hörte ich gelegentlich einer Auseinandersetzung über die Judenverfolgungen folgendes Diktum: „Wer anders,, als die Juden, ist nach dem rus.- sisch-türkischen Kriege Rußland in den Arm' gefallen und hat es gehindert, seinen Sieg voll auszunützen?" Ich war nicht wenig verblüfft. „Die Juden? Was für Juden?" — „Na, Lord Beaconsfield, der hieß doch eigentlich Benjamin Disraeli." Nun wußte ich es. Der englische Premierminister, das waren also „die Juden"; nicht die englische Kriegsflotte ist es gewesen, die Rußland vor San Stefano Halt gebot. Schön. Ich erfuhr nachher, daß dies ein feststehendes Dogma in Rußland ist und sogar in Schulbüchern vorkommt. Das ist indessen nicht eine vereinzelte Tatsache, sondern die Erscheinungsform eines historischen Gesetzes. Die deutschen Antisemiten beschuldigten Jahre, Jahrzehnte hindurch die Juden — „die Juden" schlechthin — der Sympathien f ür Frankreich; eine ganze Literatur entstand, welche nachwies, daß „die Juden" — gemeint war ein jüdischer Waffenfäbrikant — schlechte Kugeln für das deutsche Heer fabrizierten, um dieses im Kampfe mit Prankreich dem Verderben auszuliefern. Derweil beschuldigte man in Frankreich „die Juden" — siehe Dreyfusprozeß — Frankreich an Deutschland zu verraten, eine Beschuldigung, der merkwürdiger- Aveise auch gewisse deutsche Antisemiten, in erster Reihe solche jüdischer Abstammung, beistimmten. In den slawischen Ländern, besonders in Polen, klagte man über die Sympathien der Juden für Deutschland, und in Deutschland beschuldigte man die Juden der Sympathien für Polen. In Polen grollte man den Juden ob ihrer angeblichen Förderung der Rnssifikation, und die Russen forderten eine besondere Bestrafung der Juden für ihre Teilnahme an den Unabhängigkeitskämpfen Polens. Die Tschechen haßten die Juden Böhmens und veranstalteten von Zeit zu Zeit sogar, ein Progrörnchen gegen sie zur Strafe für ihre deutsche Gesinnung*, während unter den Deutschen in Böhmen der £ilmmigs,te Antisemitismus blühte. In Ungarn galten die Juden den Kernrnagyaren als Deutschfreunde, während die Deutschen dieses Landes, am meisten die Siebenbürger Sachsen, den unversöhnlichen Judenhaß wie in der alten Heimat getreulich pflegten und die Juden beschuldigten, daß sie sich mit den Magyaren verbänden, um sie zu „unterdrücken". Jetzt kann man abermals dasselbe Spiel beobachten. In Deutschland freilich, das muß rühmend hervorgehoben werden, ist der Judenhetze energisch und vorläufig mit Erfolg Schweigen geboten worden, nur ein paar kleine Kläffer knurren in den Winkeln, um nicht aus der Uebung zu kommen und halten sich bereit, in kommenden besseren Zeiten die Zähne ordentlich zu fletschen. In England dagegen hat eine förmliche antisemitische Hetze begonnen. Und,, merkwürdig, die Times, der sonst alles Deutsche ein Greuel ist, empfindet nicht den geringsten Widerwillen gegen alle antisemitischen Schlagwörter made in Germany. Neulich versicherte sie,. DDeutschland hätte „Juden und Gottesleugner" gedungen, um gegen England zu hetzen. Im allgemeinen macht man in England den Juden der ganzen Welt den Vorwurf, Sympathien für (Deutschland zu hegen, und das ist jetzt ein Kapitalverbrechen. Es ist wahr, daß die Juden auch außerhalb Deutschlands sehr lebhafte Sym-, pathien für Deutschland hegen. Und es ist schwer zu verlangen, daß sie pünktlich am 4. August- 1914, 4 Uhr nachmittags, diese Sympathien alle aus ihren Herzen hätten reißen sollen, weil Sir- Edward £rrey in diesem Moment Deutschland den. Krieg erklärt hat. Auch unverfälschte echtblütige Engländer haben Sympathien für Deutschland gehegt, Carlyle zum Beispiel; Lord Haidane, der Üebersetzer Schopenhauers, sprach in den. Tönen tiefster Sympathie von den „wunderbaren Deutschen". Aber nur den Juden wird das als- Todsünde angerechnet. Sie dürfen keine Sympathien hegen, die irgend jemandem unbequem, sind. Und doch muß dieselbe Times zugeben,, daß die englischen Juden ihre Pflicht ihrem Vaterlande gegenüber trotz dessen wahnsinniger Politik vollauf erfüllen. Etwa 10000 'Juden dienen in der britischen Armee, von denen ungefähr 1000 Offiziere zur See und zu Land sind. Die Söhne der ersten jüdischen Familien, z. B. der Rothschilds, stehen im Felde. In den Listen der Gefallenen und Verwundeten findet sich eine auffallende Anzahl von Cohens und Levys. Fast, jeden Tag liest man in den englischen Zeitungen, von glänzenden Waffentaten jüdischer Mannschaften und Offiziere. Jeder Bürger muß sic;h. sagen: in dem Moment, da mein Land mobilisiert, höre ich auf zu politisieren und stelle meine privaten Sjanpathien zurück; aber wenn ich am Feldkampf teilnehme, auf dem Schlachtfeld mein. Blut vergieße, brauche ich mich deswegen nicht an der Beschimpfung und Verleumdung, des Gegners zu beteiligen, zumal das ja die Timesallein zur Genüge besorgt .... In England hat der Krieg ein unersättliches Haßbedürfnis geweckt, imd dies sacht seine Befriedigung und Betätigung, wo es am ungefährlichsten ist: bei den Juden. In allen Schichten der englischen Gesellschaft macht sich dies geltend, und manche Organe haben sieh die Aufgabe gestellt,- alle Symptome gewissenhaft zu verzeichnen. Es war vormals in England nicht alltäglich, daß der Vorsitzende eines Kirchenratesan seine Gemeinde eine Strafrede hält, die in dem Satz gipfelt: „Ihr werdet alle Tagejüdischer." Wenn aber derzeit in England mit- Vorliebe ein Geschichtlein erzählt wird, von einem Juden Ickey Moses, der seinem Sohn mit ins Leben die Lehre gab: „Mach! Geld, ehrlich, wenn dtt

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