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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 57 - 58

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Morija und Golgatha
Date
1915-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 7)
Language
German
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57 Binjamin Segel: Morija und Golgalha. 58 Die Bibel kennt noch einen Berg, auf clern einer starb — wirklich starb. Den Berg Nebo. Es ist seltsam, daß Artur Brausewetter nicht an ihn anstatt des' Morija dachte. Das könnte eher zu vergleichendem Nachsinnen anregen. Ungefähr drei Wochen vor ihrem Osterfeste, am 7. Aclar, gedenken die Juden in weihevoller und festlicher Stimmung des Todes Mosis, ihres Lehrers, auf dem Berge Nebö. Der Text aber, das Schlußkapitel des Fünfbuches, wird am Freudenfeste der Thora vorgelesen. Diese zehn oder zwölf Verse bilden einen der machtvollsten und ergreifendsten Texte der Weltliteratur. Alle „anziehenden germanischen Züge" finden sich hier noch schärfer ausgeprägt: „die knappe, fast epigrammatische Darstellung, die Kargheit im Ausdruck der Empfindungen, die nur angedeutet werden". Es ist, als ob der Text sich scheute, die erhabene Größe dieser Stunde durch ein überflüssiges oder gar vorlautes Wort zu stören. .....An einem Sabbat Nachmittag war es, zur Minchazeit, so weiß es die spätere jüdische Volkssage zu künden. Still und friedlich neigte sich der heilige Tag seinem Ende zu. Da verließ Mose das Lagerzelt und schritt seinen einsamen Weg den lichtgekrönten Berg hinan, während das Volk weit unten im Tal noch der behaglichen Sabbatruhe pflegte . . . Und Mose stieg von den Ebenen Moabs den Berg Nebo. hinan, bis zum höchsten Gipfel, gen Jericho, und Gott zeigte ihm das ganze Land, den Gilead bis' Dan . . . Und als wollte der Erzähler seine Ergriffenheit beschwichtigen, um sich von ihr nicht übermannen zu lassen, fängt er an, einen ganzen trockenen Katalog von Städtenamen und Grenzen aufzuzählen ... Und Gott sprach zu ihm, siehe, dies ist das Land, welches ich geschworen habe, den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs zu geben; ich zeige es dir, sieh es mit eigenen Augen an, aber dorthin kommst du nicht... Wozu auch? Es liegt eine tiefe und schmerzliche Erkenntnis vom Leid der Welt undi vom Schicksal des Menschen darin, daß Mose das Land seiner Sehnsucht nur von der Ferne sehen, aber nicht betreten darf. So soll der Held sterben: mit der großen, reinen Vision seines Ideals vor der Seele und dem schmerzlich beglückenden Heimweh nach dem Eeich seiner Hoffnungen im Herzen. Aber die Verwirklichung seines' Ideals begehre er nimmer zu schauen. Nichts Trübseligeres, nichts Kümmerlicheres in der Welt gibt es, als den Anblick eines verwirklichten, eines fleischgewordenen Ideals. Und zum einzigen Lohn für sein Leben und seine Mühsal legt dem Helden Gott in letzter Stunde, als das Ideal reif geworden, um in die Niederungen herabzusteigen, und irdische, tönerne Gestalt anzunehmen, die Hand über die Augen und läßt ihn sterben... Und Mose war hundertundzwanzig Jahre, als er starb . . . Die Götter Griechenlands ließen ihre Lieblinge in prangender Jugendblüte sterben. Die Lieblinge des' Judengottes sterben alt und satt an Tagen, nachdem sie die ganze Schaffenskraft aus sich herausgeholt und hergegeben haben, nachdem sie des Lebens' alle Schrecknisse und des Leidens alle Wonnen durchgekostet haben . . . Und Mose war hundertzwanzig Jahre, als er starb, nicht war sein Auge trübe, noch waren seine Säfte geflohen... Stolz und kraftvoll, wie er einst, ein Jüngling noch, die Wüste durchmaß', schreitet er jetzt den Berg hinan, und sein strahlendes Auge blickt in die untergehende Sonne. Hinter ihm lag ein langes Leben voller Kämpfe und Siege. Mit seinem Ich hatte er gekämpft, mit $Lem' König des mächtigsten Keiches, mit Gott selbst, und mit den Menschen und ihrer Feigheit und Leidenschaft und Dummheit und Eitelkeit und Faulheit; er hatte den Haufen mit starker Hand zu einem Volke gehämmert, und hatte dieses Volk zum ewigen Erbteil seines ewigen, einzigen Gottes gemacht und liebte es in Demut und grenzenloser Hingabe und trotziger Hoffnung und unendlicher Sanftheit und mit Kraft und Zorn und Haß. Und er führte es wie ein treuer Hirte und wie ein großer Feldherr, wie ein strenger, freundlicher Lehrer und wie eine sorgende Mutter, und er hegte es, wie ein Gärtner seinen Garten hegt, und er trug es, wie ein Adler seine Küchlein trägt, und er s'chützte es vor dern Zorn seines Herrn, und wollte lieber aus dem Buche, das Gott geschrieben, ausgelöscht sein, als daß er dieses Volk seinem Schicksal überließ, um selber zum Stammvater eines großen Volkes zu werden. Und jetzt hatte er ihm den letzten Segen gespendet und sich still abgewandt und schritt nun seinen einsamen Weg, um auf lichtumflossenem Berge zu sterben. Nicht kummervoll und schmerzverzerrt war sein Antlitz., sondern strahlend und leuchtend, wie ehedem; nicht blutunterlaufen und irr waren seine Augen; sondern klar, stark und liebevoll grüßten sie zum letztenmal die schöne Erde. Nicht begleiteten ihn untröstlich klagende Frauen mit siebenfach durchbohrtem Herzen, noch aufgeregtes, verzücktes, verzweifeltes Volk. Er machte kein Aufsehen beim Sterben. Still und einsam ging er seinen letzten Gang. Sein Tod hinterließ keine ungesühnte Blutschuld und keine fluchbeladenen Henker. Er machte kein Aufhebens davon. Gott zeigte ihm weit und breit das Land seiner Sehnsucht, wie es1 zu seinen Füßen dalag im Lichte des sinkenden Tages. Dann

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