Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Morija und Golgatha
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Binjamin Segel: Morija und Golgatha. 60 küßte er ihn . . . Und es starb dort Mose, der Knecht Gottes, im Lande Moabs, nach dem Geheiß Gottes . . . Ganz* wie die Sonne drüben in das purpurstrahlende, unendliche Meer still niedertauchte.....Und er begrub ihn im Tal, im Lande Moabs gegen Beth Peor, und kein Mensch kennt sein Grab bis auf den heutigen Tag ... Er wollte nicht, daß sein Leichnam und sein Grab je angebetet würden. Er brauchte auch nicht aufzuerstehen, denn sein Leben war das große Wunder, nicht sein Tod. JEHUDA LÖB PEREZ. Am Sabbat, den 10. April, ist in Warschau der rühmlich bekannte jüdische Novellist Jehuda Löb Perez eines plötzlichen Todes gestorben. Er stand in der zweiten Hälfte des sechsten Jahr* zehnts, war aber noch so voll Schaffensfreude und Lebenslust, wie vor ungefähr fünfunddreißig Tahren, als er seine literarische Laufbahn begann. In einer schier unüber* sehbaren Reihe von kleinen Skizzen hat er das jüdische Volksleben dargestellt. Einzelne von diesen Skizzen zeichnen sich durch sehr hohen künst* lerischen Wert aus. Etwa ein Dutzend von ihnen wird man zu den aller* schönsten Novellen der Weltliteratur zu zählen haben und ihnen einen Rang dicht neben den Novellen von Gottfried Keller, Maupassant und Tschechow einräumen müssen. Eine feine Me* lancholie und ein leiser mit Bitterkeitgepaarter Humor waren ihm eigen, und das gab seinen Schöpfungen einen Strich ins Pessimisti* sehe. Auch mit seiner psychologischen Analyse verweilte er gern bei den Nachtseiten der mensch* liehen Natur und malte Schrecken, Reue und der* gleichen mit großer Virtuosität. Das war allerdings nichts weiter als Virtuosität, die der Mode folgte, welche solche Kunststücklein als „zeitgemäßen" Ausdruck der „Kunst" vorschrieb. Seine wahre Kraft lag in dem Schildern der schlichten Menschen aus dem Volke in ihrem alltäglichenKampfe ums Dasein, in ihren Uebergängen von den primitiven zu den verwickeiteren Verhältnissen, welche durch die Veränderungen in den Erwerbszuständen her* beigeführt wurden. Er verstand es wie kein zweiter unter seinen Zeitgenossen, in die Seelen der schlichten Menschen zu blicken und das Gesehene mit Meister* hand zu lebendigen, künstlerischen Gebilden zu formen. Die Volkssprache hat er veredelt und aus ihr ein Instrument von großer Feinheit geschaffen. — Unsere Zeitschrift hat als erste seine Novellen J. L. Pere: der deutschen Leserwelt zugängig gemacht. Die vorzüglichsten von ihnen sind in „Ost & West" erschienen und haben dann in der Sammlung „Aus einer stillen Welt" Aufnahme gefunden. Diese Uebersetzungen haben dem Dichter in den weitesten Kreisen den wohlverdienten Ruhm verschafft Perez handhabte das Hebräische fast mit noch größerer Meisterschaft als das Jüdische, und da er überzeugt war, daß der Volkssprache keine lange Dauer beschieden sei, schrieb er nahezu alle seine besten Skizzen auch he* bräisch, um sie auch für die ferneren Generationen zu retten. In den letzten Mo* naten seines Lebens war ihm die Aufgabe zuge* fallen, seinem Volke auch mit der Tat zu dienen. Die Kriegsereignisse haben viele Tausende jüdischer Flüchtlinge nach Warschau getrieben. Es galt, ihnen hier Obdach und Hilfe in der äußersten Not zu schaffen. Perez stand an der Spitze der Aktion, war Tag und Nacht unermüd* lieh tätig. Seine Beliebt* heit bei den Massen und sein großes Ansehen bei den Mitgliedern der Oberschicht kamen ihm bei dieser schwierigen und opfervollen Aufgabe sehr zustatten. Der Kummer über das furchtbare Un* glück, das über sein Volk hereingebrochen ist, und die Anstrengungen seiner Hilfstätigkeit haben un* zweifelhaft seinen Tod beschleunigt. Unter der jetzigen Generation der jüdischen Schriftsteller war er einer der kultiviertesten und durch* gebildetsten. Als künstlerische Denkmäler seiner Zeit werden viele seiner Schöpfungen ewigeDauer behalten. Persönlich war er ein liebenswürdiger, anspruchsloser, heiterer, gütiger und hilfsbereiter Mensch, ein warmer Liebhaber und geschmackvoller Genießer der Natur. So wie die Lesewelt ihm als Schriftsteller, so wird sein weiter Freundeskreis ihm als Mensch herzlich und lange nachtrauern. Und in den breiten Massen wird sein Andenken als Vorkämpfer und Helfer fortleben.