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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 55 - 56

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Morija und Golgatha
Date
1915-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 6)
Language
German
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55 Binjamin Segel: Morija und Golgatha. 56 Auch in Indien und Hellas finden sich Analogien zu der Isaakserzählung, nur ist keine von solcher Höhe und Reinheit, wie die jüdische. Hier sind zwei Motive zu einer Einheit verschmolzen: das individualps}^chologische der vertrauensvollen Ergebenheit Abrahams und das entwicklungsgeschichtliche der Läuterung des Gottesbegriffes. Es wäre interessant, zu erfahren, ob Brausewetter die indische und die hellenische Erzählung auch so „abstoßend und unsympathisch" findet, wie die unsere. Dieser gegenüber ist er immerhin nicht ganz ungnädig, aber nur insofern sie „germanische Züge" aufweist. Solche sind: „diese einfache strikte Forderung, diese unbedingte Befolgung, ohne zu fragen oder zu murren, diese selbstverständliche Hingabe des Besten, Einzigen". Dann: „die knappe, fast epigrammatische Darstellung, die Kargheit im Ausdruck der Empfindungen, die nur angedeutet werden. Das alles ist germanisch, wie der schlichte Glaubensgehorsam, den Abraham von Anfang bis zu Ende zeigt". Nun sind alle diese Züge echt biblisch, sind in allen biblischen Erzählungen ebenso wie in vielen aggadischen anzutreffen. Ungefähr zwölfhundert Jahre, bevor die Deutschen mit Homer bekannt wurden, waren sie mit der Bibel vertraut, und diese hat wohl auf sie gerade in den Jahrhunderten ihres Werdens den stärksten Einfluß unter allen großen Büchern der Welt gehabt. Wenn nun diese Züge germanisch sind, so sind sie es erst ziemlich spät geworden; Jahrtausende vorher waren sie rein semitisch. Ein großes Stück des besten Germanentums wäre also semitischen Ursprunges. Es ist eine sehr bequeme Methode, alles, was einem in der Bibel gefällt, als „germanisch" auszugeben. Das ist der Standpunkt des Klosterbruders in Lessings Nathan: ihm gilt der edeldenkende Jude schlechthin als echter Christ. Oder des mittelalterlichen Talmudjüngers, der in Aristoteles, Plato und Sokrates echte Juden sah. Nur fehlt dort die fromme, herzige Naivität des Klosterbruders und des Talmuclj üngers; dagegen ist darin viel Selbstgefälligkeit, Einseitigkeit und Ueberheblichkeit. Aber Brausewetter gesteht, in der letzten Zeit gegen die Morija-Erzählung etwas gnädiger gestimmt worden zu sein. „Da geschah es', daß ich in einer stillen Abendstunde in diesen Tagen wieder einmal auf die alte Geschichte stieß. Und wunderbar, ich sah sie mit anderen Augen, ja, mir war, als läse ich manches in ihr zum allerersten Male . . . Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe in das Land Morija und opfere ihn daselbst... An wieviele Väter und Mütter ist in den acht ereignisschweren Monaten, die wir jetzt durchrangen haben, dieselbe Forderung ergangen." Es hat also erst dieses grauenhaften Krieges bedurft, um in Artur Brausewetters Seele eine Ahnung von dem tiefen Sinn der Morija-Geschichte aufgehen zu lassen. Welch eine beneidenswerte, frische Jugendlichkeit dieser frommen Herzen! Als ob die Weltgeschichte jetzt erst begonnen hätte, in dem Moment, als sie mit ihren Schrecknissen an die werten Zeitgenossen herangetreten ist. Merkwürdig. Sie schreiben die besten Geschichtswerke, erforschen die Ereignisse der Vergangenheit bis ins Kleinste, haben aber nichts davon mit der Seele erlebt, nichts davon ist in ihrer lebendigen Erinnerung haften geblieben. Wie oft ist im Verlaufe der Geschichte an uns die Eorderung ergangen, die Väter und Mütter sollen ihre Kinder, ihre einzigen, die sie lieb haben, hingeben, und immer antwortete darauf „diese unbedingte Bef olgung, ohne zu fragen oder zu murren, diese selbstverständliche Hingabe des Besten, Einzigen". Man denke an die Mutter der sieben Söhne, die von der Kirche irrtümlich als Makkabäer verehrt werden. Dann an die Zeit von den Kreuzzügen bis ins 16. oder 17., ja, 18. Jahrhundert. Und sie wurden hingegeben, nicht um zu kämpfen und zu töten, sondern nur um sich kampflos töten, sich lebendigen Leibes verbrennen, rädern, martern zu lassen. Die Opfertat ihres Ahnherrn auf Morija haben sie tausend- und tausendfach wiederholt. Psychologische Unerfahrenheit meint, die größte Tragik des Lebens sei das Sterben, und ahnt nicht, daß eine Stunde Lebens mehr Tragik enthalten kann, als ein zehnfacher Tod. Brausewetter hat einen gewaltigen fundamentalen. Unterschied zwischen Morija und Golgatha nicht bemerkt. Nicht an Isaak ergeht der Befehl: „Stirb für mich!", sondern zum Vater spricht Gott: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und bring ihn mir zum Opfer dar". Das Beste, Einzige, Liebste, das du hast, gib es hin und bleib am Leben. Das ist eine Opfertat. Wer die vollbringt, hat Heroismus bewiesen, hat die Probe bestanden. Aber sterben! Was ist das? Das! taten und tun ja vor unseren Augen ihrer Tausende und Hunderttausende, die keine Strahlenkrone erwartet, deren Name kein Mensch außer ihren Vätern zu nennen weiß. Der Tod kann ein großes Opfer sein, aber das Leben ist das größte. * *

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