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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 53 - 54

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Morija und Golgatha
Date
1915-01-01
Page
Seite 53 - 54 (sequence 5)
Language
German
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53 Binjamin Segel: Morija und Golgatha. 54 grimmige Feinde der Todesstrafe waren. Es war 'Gottes Willen. Sie mußten sein Blut auf ihr Haupt laden, den ewigen Fluch der schrecklichen Tat auf die Häupter ihrer Nachkommen bis ans Ende der Tage. Gott wollte es so. Gott hatte sein Volk zum Henker seines Sohnes gemacht. Du tötest meinen Sohn und sein Blut erlöst die Welt, du aber bleibst in alle Ewigkeit verdammt — oder du tötest ihn nicht und ich kann die Welt nicht erlösen, und du bleibst erst recht in alle Ewigkeit verdammt. Das war der Dank Gottes, das war der Lohn Gottes an sein Yolk, dafür, daß es ihn zuerst erkannt und geliebt, in tausendjähriger Entsagung auf staatliche Macht und Herrlichkeit verzichtend, sich zu seiner Erkenntnis durchgerungen, den Haß und den Spott einer Welt auf sich geladen, um ihn zu verkünden, seine Schlachten geschlagen, ihn treu und mutig bekannt und tausend übermächtigen Feinden zum Trotz sein Gesetz zum Gesetz der Welt erhoben hatte. Er hätte seinen Sohn getrost anderwärts Menschengestalt annehmen lassen können, in den Urwäldern Germaniens, im ewigen Rom, im schönen und weisen Athen, die ja jetzt ohnehin auch sein menschlich Teil für sich in Anspruch nehmen. Aber er wollte just, daß sein Volk in das Blut seines Sohnes die Hände tauchte, um noch zweitausend Jahre nachher dafür als „gottesmörderisches Volk" blutig verhöhnt und verfolgt zu werden. Gott wollte es nicht anders. Fürwahr, milder und gerechter kann selbst ein Gott nicht sein____ Man schilt die Juden, weil sie die Annahme des Christentums ablehnen, verstockt, hartherzig, gottlos und wie sonst die lieblichen Koseworte lauten (von denen Brausewetter eine hübsche Blütenlese bietet), und man bedenkt nicht, Avas für schwere, psychologisch unlösbare Bätsei es ihnen aufgibt.; Ganz mit Brausewetters Worten müßten die Juden sich sagen: „gegen einen solchen Gott lehnt sich unser ganzes menschliches Empfinden, lehnt sich unser sittliches Bewußtsein auf." * * * Die Golgatha-Geschichte hatte für das Gewissen der Juden aber auch noch andere unüberwindliche Schwierigkeiten und imübersteigbare Höhen. Um nur eine zu nennen: die Kreuzigung Jesu erscheint im Grunde als ein einem verhängnisvollen Mißverständnis entsprungener, entsetzlicher Justizirrtum. Das jüdische Synhedrion wußte eigentlich nicht, wen es da vor sich hatte. Jesus1 verschmähte es, sich zu verteidigen. Das ist sicherlich groß und erhaben. Es ist tragisch und erschütternd. Aber der Schein sprach in allen Punkten gegen ihn. Man hat kein Recht, an die Verworfenheit der Richter zu glauben. Sie folgten nur der Stimme ihres Gewissens, indem sie ihn verurteilten. Und er sprach kein Wort, welches sie aufklären konnte. All die große Zaubergewalt seiner Persönlichkeit, all die Macht seines Wortes, welches ihm alle Herzen eroberte und die Massen hinriß, welches sogar hartgesottene Sünder von Grund aus verwandelte, ließ er unbenutzt, und ließ es zu, daß die Richter in ihrer Verblendung ins Verderben rannten und ihr ganzes Volk mit hineinzogen. Ein Wort von seinen Lippen hätte genügt, ihnen die verhängnisvolle Binde von den Augen zu nehmen. Aber seine Lippen blieben geschlossen. Nun hat, nach der schlichten Anschauung des einfachen Juden, der Gerichtete seinen Richtern gegenüber noch höhere Pflichten, als diese gegen ihn. Dem Gerichteten droht im schlimmsten Falle die Gefahr, den Tod zu erleiden, den Richtern aber — einen Mord 'zu begehen, ihre Hände mit unschuldigem Blut zu beflecken. 'Ist letzteres nicht millionenmal schlimmer, als' ersteres Darum gebietet schon die primitive Pflicht der Nächstenliebe, daß der Gerichtete, der sich unschuldig weiß, alle seine Kraft aufbiete, damit er von den Richtern die schauerliche Gefahr, Blutschuld auf sich zu laden, abwende. Er darf kein Mittel unversucht lassen, und sich erst ergeben, wenn er alles erschöpft hat, was seine Richter eines Besseren belehren könnte. Das ist in Jerusalem nicht geschehen. An diesem Stein des Anstoßes scheitern ewig alle Bemühungen, die Tragödie von Golgatha dem Gewissen faßbar zu machen. Andererseits regt sich ein Bedenken, daß manchem der Tod sehr erwünscht kommen kann, als die Krönung, als die Apotheose eines Lebens, dessen sämtliche Möglichkeiten erschöpft sind, das seinen Zweck hienieclen erfüllt hat und nur durch einen möglichst glanzvollen, aufsehenerregenden Abgang noch einmal blendend aufleuchten kann. Eine ' ewige Märtyrerkrone ist das bißchen Sterben schon wert. Es kann auch einen Rausch des Todes geben, eine unüberwindliche Sehnsucht, die Bürde des Irdischen von sich zu werfen, um als reiner Geist in lichten Höhen ein vollkommenes Dasein zu führen. Nur, daß arglose Menschen, einzig weil sie zufällig die Last des Richteramtes auf ihren Schultern tragen, dabei zu Mördern gemacht werden — wie ist das mit der Idee der göttlichen Gerechtigkeit vereinbar? * *

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