Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Morija und Golgatha
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 51 - 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Binjamin Segel: Morija und Golgatha. altersgrauer Zeit sich abgespielt hatte; die das Opfer betreffenden Lehren der Propheten waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen, seine. Kabbinen hatten ihm unablässig gepredigt, das von Gott einzig begehrte Opfer sei die Gesinnung des Herzens. Und einem solchen Juden wurde zugemutet, an die Begebenheit von Golgatha nicht nur zu glauben, sondern sie zur Grundlage des Neuen Bundes zu machen, den Gott mit ihm geschlossen haben sollte. Man vergegenwärtige sich doch den Inhalt dieser Lehre: Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, in der Heiligen Dreifaltigkeit mit Gott identisch, ist am Kreuz gestorben, um die Menschheit zu erlösen, ihre Sünden zu sühnen. Gott sah, daßdie Menschheit in den Pfuhl der Sünde versunken war und Satans Macht zu verfallen drohte, und er beschloß, sie zu erlösen. Aber wie sollte er das anfangen? In alten Zeiten — so erzählten uns Juden unserer Vorfahren —, sandte er in derartigen Fällen seine Propheten zu den Menschen — nicht nur zu den Juden, sondern auch, wie Jonah, zu den Heiden —, und die Propheten mahnten sie mit zornmütigen, drohenden Reden zur Umkehr und sprachen ,'zu ihnen in sanften, liebevollen Worten von Gottes unerschöpflicher Gnade und Langmut. Ehemals dachten die Menschen freilich, Gottes Zorn durch blutige Tieropfer beschwichtigen und seine Gunst erwerben zu können — gleich wie sie vordem, in barbarischen Jahrhunderten, ihren grausamen und blutdürstigen Götzen zu demselben Zweck Menschenopfer darbrachten. Allein, diesen letzteren Wahn hatte der Gott Abrahams schon auf dem Berge Morija vernichtet. Und dann hatten die Propheten Israels in jahrhundertelangem eisernen Kampf den Opferglauben in der Wurzel zerstört. Gott fand keinen Gefallen an geschlachteten Tieren und dampfendem Fleisch. Er duldete es, ans Nachsicht mit der Schwäche der Menschen, daß sie ihm Opfer darbrachten. Aber er will nur, daß die Menschen sich ihm anschließen und seine Wege wandeln. Was heißt das, sich Gott anschließen? lehrten die Rabbinen. Das heißt, sich seine Attribute aneignen. Gleich wie er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig, gleich wie er gütig und langmütig ist, so sei auch du gütig und langmütig. Gleich wie er gerecht ist, so sei auch du gerecht. Suchet Gott, denn er läßt sich finden, rufet ihn an, denn er ist nahe. Es' verlasse der Frevler s einen Weg und der Mann des' Unrechtes seine Pläne und kehre zurück zum Ewigen, und er erbarmt sich sein, zu unserem Gott, der unendlich viel vergibt. So wahr ich lebe, spricht Gott, will ich denn, daß der Frevler sterbe? Nur daß er von seinem Wege umkehre und am Leben bleibe. Dies war ja des alten Gottes alte Methode. Er war. ja unser alter Bekannter. Er war der gerechte, strenge König, er war der gütige, barmherzige Vater. Und alle Menschen, die ihn anriefen, waren seine Kinder. Doch urplötzlich soll sich der alte Gott die Sache überlegt haben: Es genügte ihm auf einmal nicht mehr, daß die Menschen ihren Missetaten entsagten und zu ihm zurückkehrten. Er wollte ein blutiges Opfer haben. Er fühlte sich außerstande, die Menschheit zu erlösen, solange nicht ein Mensch ihm zu Ehren am Kreuze starb. Aber um der Welt zu beweisen, wie sehr er sie liebte, sollte dieses Opfer sein eigener, sein eingeborener Sohn sein. Ehedem waren alle Renschen seine Kinder — nun hatte er einen eingeborenen Sohn. Und dieser Sohn mußte Menschengestalt auf sich nehmen, einen grauenvollen Tod erleiden, um als Opfer zu seinem Vater zurückzukehren. Dann erst war Gottes' Zorn besänftigt. Sonst war er kraftlos, die Menschheit zu erlösen. Doch dieser Sohn war mehr als das: er war Gott selber ... Es wäre natürlich vermessen, an alle diese hohen Probleme mit dem' armseligen Instrument des gesunden Menschenverstandes heranzutreten. Der gesunde Menschenverstand versagt schon vor Dingen, die das Alltägliche überschreiten, geschweige vor den letzten Fragen der Menschheit . . . Aber mittlerweile hatte sich eine furchtbare Tragödie abgespielt: ein schuldloser Mensch, ja, viel mehr als das, ein Gottmensch, hatte einen mar t er vollen Tod erduldet mit allen seinen Bitternissen und Demütigungen. Aber das mußte so sein. Es konnte nicht anders kommen. Das' lag im göttlichen Weltenplan. Gottes eingeborener Sohn, empfangen von Maria in unbefleckter Jungfräulichkeit, mußte unter unsäglichen Qualen am Kreuze sterben, sein heiliges Blut mußte die Richtstätte färben, damit sein Vater imstande war, die Menschheit zu erlösen. Sonst wäre die Menschheit in dem Pfuhl der Erbsünde geblieben, versunken, der Gewalt des Bösen in alle Ewigkeit verfallen, wäre nimmer der Seligkeit teilhaftig geworden. Er mußte also sterben. Und durch wessen Hände mußte er sterben? Durch die Hände seiner eigenen Brüder, die das Volk Gottes waren, von ihm selber so bezeichnet. Sie mußten ihn martern und töten — sonst wäre Gott um sein Opfer gekommen und das Menschengeschlecht in alle Ewigkeit verdammt; die Erbsünde würde noch heute die Kinder Adams'in ihrem Bann halten. Hätten sie ihn nicht getötet, sie hätten Gottes Erlösungsplan vereitelt. Sie müßten ihn töten, obgleich ihre Richter