Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Morija und Golgatha
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 49 - 50 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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49 Binjamin Segel: Morija und Golgatha. 50 der Menschen ausgeschaltet sehen. Jede auf dem Weg zur höchsten KulturentWicklung begriffene Menschengruppe fühlt den unüberwindlichen Drang in sich, zu schenken, zu opfern, hinzugeben, Dinge von sich zu werfen, die ihr lieb und teuer sind, für Dinge, die noch lieber und noch teuerer sind. Und sie muß ein Ding haben, das ihr am höchsten steht, für das der Einzelne alles, was er auf Erden hat, sogar das Leben, hingeben kann, um sich erst recht selig zu fühlen. Hat sie solch ein Ding nicht, so hört die Welt auf, für sie einen Wert zu haben und sie fängt an, hinzusiechen; sie muß im platten, gemeinen Alltagsleben langsam dahinsterben. Darin liegt die höchste Bejahung des Lebens, daß der Einzelne, daß tausende und tausende Einzelner freudig ihr empirisches Leben hingeben, um das, was ihnen als der innerste Kern, als der höchste Wert des Lebens erscheint, zu retten oder zu fördern. Dieser Drang zur Hingabe des materiellen Ich und dessen, was es auf Erden umspannt, kann aber nur bei den seltenen, großen Anlässen der Geschichte befriedigt werden. Für das! alltägliche Leben bedarf es zu dem Zweck verkleinerter, symbolischer Handlungen, die mit den gewöhnlichen Vorgängen des gemeinen Daseins' in unablässiger Berührung stehen. Diese werden dadurch in eine höhere Sphäre gehoben, mit einer Weihe umgeben. Solche Funktion erfüllte in Israel das Tieropfer bis zur Zerstörimg des zweiten Tempels. (Sehr fein ist die alte Bemerkung des Talmud, daß zum Opfer nicht gefangenes Wild, sondern nur Haustiere gebraucht werden dürfen, die dem Landmann — die Juden waren ja ein Bauernvolk — besonders' teuer sind.) Und in stetem Kampf mit dieser Institution lagen zahlreiche Bewußtseinselemente, die aus still in. der Volksseele von Anbeginn schlummernden Keimen sich allmählich zur Vollreife entwickelt hatten: das verfeinerte Mitleid, welches auch die Tiere in den Kreis des menschlichen Erbarmens einbezog, der wachsende Abscheu vor dem Blutvergießen, die beunruhigende Empfindung, daß die Opfeiliandlung und alle sie begleitenden Umstände viel zu viel Handlung, Getue enthielt, unter dem schließlich das' rein geistige Element ersticken konnte. Neben dem Tieropfer spielte das Opfer blühender, duftender Vegetabilien eine große Eolle. Mit dem Opferwesen hatte sich so viel vom lebendigen, fröhlichen und wehmütigen' Volksbrauch verschlungen, so viel heilige und erhebende Erinnerungen waren damit verknüpft, daß es erst der materiellen Notwendigkeit wich. Sein Verschwinden hinterließ aber keine unausfüllbare Lücke, erforderte keine Umgestaltung des Eeligionswesens. Es blieb nur auf Generationen hinaus eine glanzumschimmerte, wehmütige Erinnerung zurück. — Dann kam die Askese. Es ist ein Irrtum,wenn man in der Askese eine Verneinung des Willens zum Leben, eine Abtötung des' Ich erblickt. Im Gegenteil. Sie ist, gleich dem Opfer, der Ausdruck des Willens, die Welt zu beherrschen. Der Mensch wird mit steigendem Bewußtsein inne, daß nicht seine Hand oder sein Fuß, nicht seine Knochen und Muskeln sein wahres Wesen ausmachen, sondern etwas' ganz anderes, das er stammelnd sein Ich oder seine Seele nennt. Hand und Fuß und Muskeln und Knochen sind ihm höchstens Werkzeuge dieses Ich, Werkzeuge, deren Widerspenstigkeit und Unzulänglichkeit er nur zu häufig und gerade, wenn er seine höchsten Ziele verfolgt, schmerzlich genug zu verspüren bekommt. Nun kasteit er diese Werkzeuge unter Schmerzen und 0}>fern, um sie völlig in seine Gewalt zu bekommen, sich von ihrer Trägheit, ihren Begierden, ihren Schwächen unabhängig zu machen und ihrer Herr zu werden. So ist die Askese, die nur in der Entartung zur „Abtötung des Fleisches" führt, der Ausdruck des Menschen willens, ,,die Welt zu bezwingen und sie zu erfüllen" mit seinem Ich und dessen Idealen. Die Askese ist das sublimierte Opfer. Sie ist nicht eine Absage an die Welt, sondern eine Besitznahme von ihr. Schön und naiv drückt dies ein Vers in einem Hymnus' für den Versöhnungstag aus: „Der heilige Gott hat Wohlgefallen daran, daß seine Erwählte sich kasteit." Dadurch bewährt sie ihre Herrschaft über die Materie. Von der Opferung Isaaks bis zu diesem Verse führt eine. gerade Entwicklungslinie. Die Linie, welche von Morija zu Golgatha, führt, verläuft in der gerade entgegengesetzten Eichtling. Und hier stoßen wir auf den Punkt in der christlichen Lehre, der dem Juden ewig unfaßbar und unzugänglich bleibt. Ein heutiger Christ von der geistigen Höhe Brausewetters bekennt: gegen einen Gott, der von einem Vater verlangt, daß er ihm seinen einzigen Sohn opfern soll, lehnen sich seine sittlichen Begriffe, sein ganzes menschliches Empfinden auf; obwohl er weiß, daß Gott dies gar nicht verlangt, sondern nur den Glaubensgehorsam und die Liebe Abrahams auf die Probe stellen will, obgleich die ganze Begebenheit gar nicht als Glaubenstatsache, sondern als poetische Einkleidung zweier hoher Ideen auftritt. Und nun stelle man sich einen Juden der evangelischen Zeit vor. Er wußte genau, daß die Begebenheit von Morija bereits in