Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Morija und Golgatha
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 47 - 48 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Binjamin Segel: Morija und Golgatha. 48 ist geeigneter, diese Idee nachdrücklicher und stolzer zu vergegenwärtigen, als die Opferung Isaaks, in der sich die absolute Hingehung, der vertrauensvolle, fraglose, kindliche Glaube Abrahams an den Willen und das Walten Gottes symbolisiert. Zu Ostern dagegen ist der Sinn des Juden nach Freiheit und Frühling und Leben und erwachender Blüte und Hoffnung auf die Zukunft gerichtet. Aber die christliche Stimmung ist um diese Zeit beherrscht von dem Kreuzestod Jesu auf Golgatha, besonders jetzt, da in der Welt so viel unschuldiges Blut fließt. Ein feinsinniger, gelehrter und künstlerisch hochbegabter christlicher Theologe, der eine seinem geistigen Hang entsprechende hohe Würde bekleidet, Artur Brausewetter, hat vor kurzem in einem hübschen Essay diese Stimmung festhalten wollen und glaubte dabei, nach altem guten Theologenbrauch, ein alttestamentliches Gegenstück heraussuchen und es herabsetzen zu müssen. Wäre ich ein Christ, ich würde es als kränkend empfinden, daß die Theologen sich der Segensfülle des Christentums nicht erfreuen zu können glauben, ohne das Judentum ein bißchen zu zausen, daß sie vermeinen, ihre Religion könne im Vollglanz nur erstrahlen, wenn die jüdische recht schwarz angestrichen wird. Von dem Kreuzestod Jesu — über den Grad seiner historischen Tatsächlichkeit sind die christlichen Theologen selber noch lange nicht einig — ah er von ihm bis zurück zur Opferung Isaak ist-ein weiter, weiter Weg. Doch Artur Brausewetter fühlt sich bemüßigt, von Golgatha einen Seitenblick auf Morija zu werfen und das unglaubliche Bekenntnis abzulegen: „Die Geschichte der Opferung Isaaks auf Morija widerstrebt unserem natürlichen Empfinden gerade so wie unserer Gottesvorstellung." Schon auf der Schule war sie ihm unbegreiflich und unverständlich. Das wäre nun reine Privatsache; man müßte bloß staunen, daß so viele große Maler aller Zeiten gerade diese Geschichte so anziehend fanden, daß sie nicht müde wurden, sie immer wieder und wieder zu verherrlichen. Aber Brausewetter motiviert seinen Widerwillen gegen den Text aus religiösem Empfinden heraus: „Ein Gott, der von einem Vater verlangt, daß er seinen einzigen Sohn ihm opfern soll, ein Vater, der hingeht, diesen Einzigen auf abgelegener, einsamer Bergeshöhe wie ein Opferlamm zu schlachten, der ohne jede Frage ihm das Messer ins Herz gestoßen hätte, wenn nicht im allerletzten Augenblick das befreiende Wort Gottes an sein Ohr gedrungen wäre. Einer jener Texte des Alten Testamentes, gegen die sich unser ganzes menschliches Empfinden, unsere sittlichen Begriffe auflehnen, unter ihnen-allen vielleicht der abstoßendste." Einigermaßen mildernd wirkt auf sein Urteil die Erwägung, daß die Isaaks-Geschichte nur „symbolisch" ist. „Gleichnisartig voraussagend weist sie auf ein anderes Opfer, ein größeres und bleibenderes", „auf die größte Opfertat der Weltgeschichte", nämlich „die von Gott gewollte Opferung Jesu Christi am Kreuze Golgathas." Das ist nun leider eine durchaus falsche Auffassung, und sie nimmt wunder bei einem modernen, historisch und psychologisch so tief durchgebildeten Denker wie Brausewetter. Die Opferung Isaaks und der Kreuzestod Jesu haben gar keinerlei Zusammenhang miteinander, sie bilden, im Gegenteil, die denkbar schroffsten Gegensätze. Erstere tritt als anspruchslose Episode der Patriarch engeschichte auf, man kann sie sich ganz hinwegdenken, ohne daß die Grundlehren der jüdischen Keligion irgendwie dadurch berührt würden. Der Kreuzestod Jesu ist der Fels, auf dem sich das ganze Glaubensgebäude des Christentums erhebt. Nur durch seinen Kreuzestod ist"Jesus 2um „Christos", zum gesalbten Erlöser geworden. Sogar das Wunder der Auferstehung tritt zurück angesichts des Todes am Kreuze. Bräusewetter hat recht, wenn er von der Opferung Isaaks sagt: „Wie alles Große ist sie symbolisch"; allein, sie symbolisiert nichts anderes, als „diese einfache strikte Forderung", „die imbedingte Befolgung, ohne zu fragen und ohne zu murren, die selbstverständliche Hingabe des Besten, Einzigen", „den schlichten Glaubensgehorsam, den Abraham von Anfang bis zu Ende zeigt". Entwicklungsgeschichtlich kennzeichnet aber diese Erzählung einen gewaltigen Einschnitt, den Beginn einer neuen Epoche im Werden des Gottesbegriffes : fortab will Gott keine Kinderopfer, keine Menschenopfer mehr. Und sie weist hin auf eine weitere, noch höhere Stufe, auf der der Mensch inne wurde, daß Gott überhairpt keine blutigen Opfer mehr will, keine anderen Opfer, als Liebeswerke zu üben, Eecht und Gerechtigkeit walten zu lassen. Das Opferwesen war in Israel Jahrhunderte lang, bevor es verschwand, seeHsch überwunden. Als es mitten im Zusammenbruch der Nation unterging, brachte es kaum eine merkliche Erschütterung im religiösen Leben hervor. Die Opfertat als solche ist eine psychologische Notwendigkeit für jedes höhere Kulturleben. Wehe der Religion, die von ihren Bekennern kein Opfer fordert, die wohlfeil und bequem sein will, sie wird sich alsbald aus dem Seelenleben