Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Der Krieg als Lehrmeister
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 3)
- Language
- German
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27 Der Krieg als Lehrmeister. 23 Stamm hat Gott auserwählt, hundert Millionen anderer Völker und Stämme, darunter solcher, die an kulturellem und moralischem Wert und Leistungen himmelhoch über ihm stehen, zu knebeln, auszusaugen, seinen Zwecken dienstbar zu machen,, sie für ihn in den Krieg zu schicken. Das ist ihre Aiiserwähltheit. * * "Wie oft fragten wir uns bei manchem Erlebnis: „Wie ist das nur möglich?" Wie ist es möglich geworden, daß die ganze Welt glaubt, die Pharisäer wären die Verkörperung der Heuchelei, der Selbstsucht, der Scheinheiligkeit, der Hartherzigkeit gewesen? Man denke: Simeon der Gerechte, Hillel, Scha'mmai, Ismäel der Hohepriester, Jochanan ben Zakkai, Akiba ben Josef,, Tarphon und ihre Genossen Heuchler und Hartherzige und Scheinheilige! Hie ihr Leben lang in Reinheit und Heiligkeit gewandelt und in lauterer Hingebung ihren Idealen gedient und in Liebe und Treue den Märtyrertod gestorben sind! Wie ist es möglich geworden, daß die ganze Welt glaubt, Mose habe uns gelehrt: „Hassen sollst du deinen Feind!" Wie ist das alles nur möglich?! Wie ist es möglich, daß die ganze Welt seit acht Jahrhunderten glaubt, wir schlachten; am Osterfeste christliche Kinder und trinken ihr Blut zum1 höheren Ruhme unseres Gottes!? Aber sagt 'einmal, wie ist es möglich geworden, daß jetzt alle Welt die Deutschen Barbaren und Hunnen nennt? In der ganzen Welt, soweit anglosächsischer Einfluß reicht und die englische Sprache klingt, überall, soweit man Französisch liest und spricht, soweit Rußlands Bärentatze sich streckt,, also vom Stillen Ozean Ms zur blauen Adria. Eine weltumspannende Legende hat sich gebildet, ist in kurzer Zeit gesponnen worden .und hat ihre dichten Maschen »über vier Kontinente geworfen. Man begreift den tiefen Schmerz, dem jüngst ein hervorragender Gelehrter (Kuhn) .in folgenden Worten Ausdruck gab: „Ich' denke an den Schlachtruf unserer Feinde: g^egen die Barbaren! Wenn ich dieses Wort tagtäglich ,in den Zeitungen lese, überkommt mich immer ein Gefühl der Wut, das aber bald in rat- und hilfloses Staunen abebbt. Wie ist es möglich, ja, wie ist es möglich, daß dieser Schlachtruf gegen Deutschland ausgegeben werden konnte, ohne daß die ganze Erde vom Gelächter widerdröhnte und die Sterne zitterten, ohne daß dieser grausame Scherz dem Rufer sofort insi Gesicht springt? Du Deutschland, du Volk, bei dem der Geist am tiefsten und am liebsten Einkehr hält in sich, du Wiege Gottes, du Schoß: heiliger Künste, du Hort holder Worte und goldener Töne, du kühler Brunnen der Wissenschaft und Weisheit, du Former der Dinge, Beschwörer der Naturgewalten, du süßes — Barbarenland!... „Raffinierte Barbaren", spricht der eine, ,,nach wissenschaftlichen Methoden systematisch ausgearbeitete und von Gelehrten gepredigte Barbareien", drückt sich der andere aus. Ja, wenn wir Deutschen diesen Zuruf mit einer großen Gebärde der Verachtung hätten abwerfen können! Aber es ging nicht an, weil dieses Kampfwort schon Gesinnung und Stimmung der neutralen Welt zu vergiften und überall Echos zu wecken begann. So kam die deutsche Presse in den widersinnigen Zwang der Verteidigung. Sö lesen wir täglich Berichte von den Schlachtfeldern, von unseren Truppen, Versicherungen von unbestocliener neutraler Seite, die beweisen sollen und wollen, daß wir Deutsche keine Barbaren sind. 0 lächerliches, trauriges Schauspiel! Der Diamant soll beweisen, daßi er glänzt .... Ich spreche nicht von dem großen Ignorautenhaufen unserer Gegner .... das eigentliche psychologische Problem steckt in der Tatsache, daßi auch die geistige tElite unserer Gegner in diesen Schlachtruf einstimmt, ja, ihn zuerst aufgenommen hat." Das iUnmögliche ward (doch [möglich. Es jging auch gar nicht mit übernatürlichen Dingen zu. Wer über ein tausendstimmiges Echo verfügt und die Macht besitzt, dem andern die Möglichkeit abzuschneiden, ihn zu widerlegen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, der kann, wenn es ihm nützt, nicht nur einen kleinen, ohnmächtigen, wehrlosen Stamm, sondern ein großes, starkes, altes Kulturvolk vor der ganzen Welt in Verruf bringen, ihm einen bösen Namen machen. Die angeborene Schmäh'sucht und die Denkfaulheit der Menschen kommt ihm dabei zu Hilfe. Man redet und glaubt von seinem Nächsten gern das Schlimmste, um die eigenen Laster zu beschönigen oder in milderem Lichte erscheinen zu lassen, und um sich bei sich selber besser und vonehmer dünken zu können. Die Legende verdichtet sich immer mehr und verhärtet sich zur Gesinnung und zum Glauben, sie vererbt sich' von. Geschlecht zu Geschlecht als feststehende, unantastbare Wahrheit. Bis einmal ein kühner Forscher ersteht und den Mut hat, der geheiligten Ueberlicferung zu trotzen. Dann schreibt er ein dickes Buch', um nachzuweisen, daß der Glaube langer Zeiten eine schmähliche Dummheit und ein bitteres Unrecht war. Die Menschen überzeugen sich, daßi 2><2 wirklich 4 und nicht 5 ist, daß der Tag hell und nicht schwarz ist. Sie haben wieder einmal eine Wahrheit gefunden und sind glücklich. Gleichwie jetzt christliche Theologen dicke Bücher schreiben, um nachzuweisen, daß die Pharisäer keine Heuchler, keine Scheinheilige und keine Bösewichter waren, sowie daß es Unsinn ist, an das Blutmärchen zu glauben, — so werden einst englische und französischfe Gelehrte 'tiefsinnige Forschungen anstellen und dicke Bücher schreiben, um nachzuweisen, was bis August 1914 kein Mensch bezweifelte, daß die Deutschen keine Hunnen und keine Barbaren waren, daß sie auf allen Gebieten des Geistes-