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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 25 - 26

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Der Krieg als Lehrmeister
Date
1915-01-01
Page
Seite 25 - 26 (sequence 2)
Language
German
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25 Der Krieg als Lehrmeister. 26 TQnd das Wichtigste ist: es sind nicht winzig kleine, schwache Völker, denen Uebermächte mit Zermalmung und Vernichtung* drohen; auch im Falle einer Niederlage steht ihnen nicht der Untergang bevor, keines von ihnen bekennt sich etwa als besiegt, sondern umgekehrt, sie behaupten, fortwährend zu siegen und sind sicher, am Ende den Gegner aufs Haupt zu schlagen. Und dennoch . Die Juden der Vorzeit verband mit ihren Gegnern kein einziges jener Bande, die heutzutage die Kulturvölker einen. Die Religion der Heiden war ihnen ein Greuel, deren Sitten und Lebensweise mußten ihnen als Gemisch von perverser Genußsucht und grausamer Wollust, deren Gesetze als auf Raub und Gewalttat begründet erscheinen. Der tiefere, edle Kern lag so verborgen, daß er nur das Eigentum erlesener Geister war, der Menge aber ganz unzugänglich' blieb. Die Heiden kamen zu ihnen nicht als Friedensbringer oder Kulturträger, sondern als herrschsüchtige Eroberer, die das Volk unterdrücken, mit Feuer und Schwert ausrotten, in die Sklaverei verkaufen, von seiner Scholle verjagen wollten. Vor allem wollten sie ihnen das Teuerste, was sie hatten, das Einzige, was ihrem Leben Wert und Bedeutung gab, was ihnen damals der einzige Inbegriff aller höheren Güter der Welt, der einzige Zweck des Daseins war: die Religion — vernichten, auslöschen ans den Tafeln der Welt. Ein verschwindend kleines Volk, eine Handvoll Menschen, ein Häuflein hatte sich eines tausendfach zahlreicheren, kriegsgeübten, schonungslosen Eeindes zu erwehren, lag hundertmal zermalmt am Boden. Und es gab kein Aufhören, kein Ausruhen, keine Versöhnung, es wurde mit jeder neuen Zeitepoche nur schlimmer. . . . . Fürwahr, wir müssen den Geistern unserer Vorfahren Abbitte tun, wenn wir ihnen ^{e gezürnt haben, weil sie gegen die f remden Völker manches harte, unfreundliche Wort gesagt, ohne den hohen Wert ihrer Kultur voll zu würdigen, deren ganzer Gehalt -erst der fernen Nachwelt sich erschloß. Zumal, wenn wir bedenken, daß alle ihre harten Worte zusammengenommen noch nicht den tausendsten Teil dessen aufwiegen, was in unseren Tagen nach' dieser Richtung hin geleistet wird. Wir wollen ihnen lieber dankbar sein für die vielen schönen Worte echter lund tiefer Menschlichkeit, die sie uns vermacht, für die Aeuße'rungen feinen_ Verständnisses! fremder Eigenart, die sie uns überliefert haben und vor allem für die weise Lehre, die sie uns gaben: lernt alles Gute, das ihr bei den Fremden findet und meidet ihr Böses und trachtet, euch von den andern durch folgende Merkmale auszuzeichnen: Barmherzigkeit, Keuschheit und Hilfsbereitschaft. * * Im Grunde darf man alle diese bösen Worte gar nicht so tragisch nehmen. Sie werden in momentanen Wallungen gesprochen und geschrieben. Vielleicht binnen kurzem schon werden sich ihrer die Urheber tief in der Seele schämen und über ihren eigenen Mangel an Besonnenheit und innerem Gleichgewicht erstaunen. Die Daheimgebliebenen entschädigen sich durch diese Tapferkeit vor dem Tintenfaß oder vor dem Rednerpult dafür, daß sie den Feind nicht unmittelbar vor sich haben, um auf ihn loszuschlagen. Die Zunge und die Feder ist es leichter zu schwingen als das1 Schwert. Jene, die draußien seit Monaten jede Stunde dem Tod ins1 Auge blicken, sind von dem Ernst und der Heiligkeit ihrer Aufgabe so erfüllt, daß ihnen keine Anwandlung zum Schmähen kommt. Auch denen, die die Schlachten erdenken und lenken, kommt sie nicht. Moses hatte den Schlachtenplan gegen Amalek ausgedacht. Und während dasi Volk unten im Tal kämpfte, stand er am Berg und betete. Er schimpfte nicht. DIE AUSERWAHLTEN VOLKER. Neben dem Schmähen auf den Gegner widerhallt die Welt von einem Eigenlob, und es gibt eine Selbstbeweihräucherung, wie man sie vielleicht noch nie erlebt hat. Daß die Engländer das „auserwählte Volk" sind, stand für sie seit langem ja schon felsenfest. Für die Russen nahmen das die Panslawisten in Anspruch. Jetzt sind von dieser Ueberzeugung auch die anderen „friedlichen" Parteien, sogar die sogenannten Demokraten und „Westler" tief durchdrungen. Bei uns Juden fand man seit der Aufklärungs-, periode die ,,Erwählung Israels" höchst anstößig und bemühte sich, ihre Spuren aus dem) Gebetbuch auszumerzen. Dieser Glaube war seit jeher Gegenstand der Anfeindung und des Hohns unserer Gegner. Und doch dünkten sich die Juden stets nur auserwählt, um „die Bürde der Lehre und der Gebote" durch die Welt zu tragen. Es heißt nirgends „du hast uns auserwählt", ohne daß dabeistünde „du hast uns geheiligt durch deine Gebote". England dagegen ist auserwählt, die Meere zu beiherrschen, die Rohprodukte aller Zonen in sein Nebelheim zu bringen, und sie von dort ,als Fabrikate in ihr Ursprungsland zurückzuscthicken. „The bürden of the white man", die der Engländer durch die Welt trägt, repräsentiert sich als Scihiffsladungi Gold oder als eine große, große Brieftasche, voll-, gespickt mit Schecks. Rußland ist auserwählt, um alle von Slawen bewohnten Gegenden Europas zu unterjochen, dann den ganzen Balkan, die Meerengen, dann Indien, dann das übrige Asien bis zum Stillen Ozean, dann Aegypten und Syrien und Palästina. Den groß-russischen

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