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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 29 - 30

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Der Krieg als Lehrmeister
Date
1915-01-01
Page
Seite 29 - 30 (sequence 4)
Language
German
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29 Der Krieg als Lehrmeister. 30 lebens und der humanen Kultur nicht ganz Unerhebliches geleistet haben. * * * Mittlerweile leiden zahllose Menschen unsagbare Seelenqualen, und zwar sind es die edelsten, am feinsten und empfänglichsten konstruierten Naturen, die leiden. Daheim, und stärker noch, in der Fremde, wo sie von allen Seiten nur kalter, höhnischer Haß angrinst. Ein in der Kölnischen Zeitung veröffentlichter Brief eines Deutsch-Amerikaners bildet in dieser Hinsicht ein merkwürdiges Dokument der Zeit .... „Es ist ein so grimmiger Haß gegen alles deutsche Wesen, daßi man staunen muß, daß er nicht schon längst hervorgebrochen ist. Ja, man kann sagen, was man will, niemand glaubt einem. Alle Argumente, die sonst bei einem denkenden Menschen Anklangfinden, helfen nichts. Es heißt immer wieder, Deutschlands Militarismus; muß vernichtet werden. England kämpfe sogar im Interesse Deutschlands selber." .....„Pastoren predigen Sonntags in der Kirche gegen die gefährlichen Lehren, die in Deutschland anstelle der Religion treten. Es wird den Leuten hier aufgetischt, die Deutschen seien wieder zu den alten germanischen Göttern zurückgekehrt, oder daß es das Endziel der Deutschen sei, die christliche Religion auszurotten und eine teutonische Religion im Stile Nietzsches der Welt aufzuzwingen. Man wird sogar noch1 verhöhnt, daß man es überhaupt noch wagvt, ein so verdammtes, gottloses Volk wie das deutsche in Schutz1 zu nehmen .und ihm eine Existenzberechtigung zuzusprechen. Deutsche Barbaren und Hunnen sind die Schlagwörter, die jeder idiotische Zeitungsschreiber seinen Lesern täglich auftischt." ... „Es ist dalier kein Wunder, daß Deutsche hier aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben. Wahrlich, wir haben keinen leichten Stand. Wir kämpfen nicht mit Waffen, und man bekämpft uns nicht mit Säbeln, aber mit etwas viel Schlimmeren, mit Verleumdung und Haß." . . . Man kann das alles nicht ohne tiefe Rührung und Mitgefühl lesen. Wie schmerzlich haben Wir Juden in den letzten dreißig' Jahren ganz dieselben Empfindungen durchgekostet!Gleich dichten Hagelschloßen regneten auf uns von allen Seiten Schmähungen und Verleumdungen nieder gegen unsere Basse, unsere Ahnen, unsere Lehre, unsere Heiligtütoer, unseren Charakter, unsere Vergangenheit, unser intimes Seelenleben. Der Mensch fühlt sich in solcher- Lage, tief vereinsamt, hilflos einer feindlichen Gewalt preisgegeben. Ein vornehmer amerikanischer Senator deutscher Abstammung sah sich kürzlich gezwungen, in einer großen Rede im Senat seine Volksgenossen gegen den Verdacht zu verteidigen, daß sie beim Ablegen des Bürgereides in Amerika durch eine Reservatio mentalis insgeheim den abgelegten Eid annullieren, um ihrem alten Vaterlande gegen die Interessen Amerikas' dienen zu können. Ganz so wurde erst vor kurzem die Heiligkeit des1 Judeneides von den Antisemiten auf Grund des „Kol Nidre" verdächtigt. Ueber die deutsche Nationalhymne „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt" ist eine ganze Reihe dicker Broschüren erschienen, welche beweisen wollen, daß die Deutschen die Herrschaft über alle Völker der Welt erstreben. Einige Kenntnis der deutschen Sprache und ein Eünkchen Wahrheitsliebe würden genügen, um einzusehen, daß der Sinn dieses Liedes ist: Dem Deutschen gilt sein Vaterland, ganz wie dem1 Sohn jedes anderen Volk'es das seinige, als das Höchste und Liebste in der Welt. Wir besitzen eine zahlreiche Literatur von dünnen und dicken Büchern, welche hebräische Bibel- und Gebetverse von analogem1 Sinn wie das deutsche Nationallied mißbrauchen, um' uns zu beschuldigen, daß wir die „Völker der Welt" hassen und verachten und deren Unterjochung anstreben. -*• * Und der Schmerz jenes D'eutsch-Amerikaners muß sich noch steigern, wenn er sieht, daß viele seiner gröber und ,, klüger" gearteten Stammesgenossen ihn mit seinem edlen Kummer allein lassen und ins feindliche Lager flüchten,; sogar noch Gewinn aus der Lage ziehen, indem sie unter dem Deckmantel der Neutralität dem] Eeincle Waffen und Munition liefern, mit denen ihre eigenen Volksgenossen, vielleicht Blutsverwandte, daheim totgeschossen werden. Am1 Sonntag salvieren sie ihr Gewissen, indem' sie in den Kirchen heiße Gebete um1 Erieden zum1 Himmel emporsenden. Um durch ihre deutschen Namen dabei nicht geniert zu werden, ändern sie diese flink in rein englisch klingende um'.; Wie oft haben wir Juden ganz das gleiche erlebt und mußten dazu schweigen! Wras für einen Sinn kann das Leiden desj Menschen haben, als daß er daraus lernt, es andern nicht zuzufügen, zu verhindern, daß es andern; zugefügt werde? Daß er es überall in der "Welt bekämpfe.und im Keime zu töten trachte? Nur dadurch wird das Leiden fruchtbar und segenbringend. Und noch eins: In solcher Zeit besinnt sich der .Mensch auf seine inneren Hilfsquellen, auf! seine seelische Unabhängigkeit. Unser Gewissen ruht in uns, und nicht in den andern. Von Individuen wie von Völkern gilt: letzten Endes kommt es nur darauf an, wie wir selber in den besten Stunden von uns zu denken berechtigt sind, nicht darauf, was andere von uns denken.

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