Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Der Krieg als Lehrmeister
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 1)
- Language
- German
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23 Der Krieg als Lehrmeister. 24 DER KRIEG ALS LEHRMEISTER. (VITA HISTORIAE MAGISTRA. - DIE AUSERWÄHLTEN VÖLKER.) VITA HISTORIAE MAGISTRA Anders haben wir's in der Schule gelernt: die Geschichte sei die Lehrerin des Lebens, sie sei den Völkern ungefähr dasselbe, was die Erfahrung dem Einzelmenschen. Aber das einzige, was die Erfahrung lehrte, war, daß. die Völker nichts aus ihr lernten. Hegel hat es ausgesprochen, und seitdem ist das Wort so populär geworden, daß es sogar in den Gnomenschatz viel zitierender Staatsmänner übergegangen ist. Indessen könnte man, umgekehrt, aus der Gegenwart für die Vergangenheit lernen. Was vor unseren Augen geschieht, erlaubt einen Blick in den Zusammenhang der Dinge und lehrt manches Vorkommnis in vergangenen Zeiten begreifen und milder beurteilen. Wie oft haben wir uns über unsere Vorfahren geärgert, weil sie, von den ersten Kämpf en gegen Griechen und Börner bis spät nach der Zerstörung des Tempels, das Erlernen des Griechischen und die Nachahmung griechischer Art und Lebensweise verboten, überhaupt gegen alles Fremde und Ausländische eiferten. Und nun hat der Ausbruch ' dieses Krieges genügt, um die Völker Europas so zu entzweien, daß überall zu den bestehenden, naturgegebenen noch künstliche Schranken errichtet werden, die jede Verständigung unmöglich machen sollen. Hieß es bis zum 1. August 1914, daß der Mensch um so viel mal mehr Mensch sei, als er außer seiner Muttersprache die fremder Völker beherrscht, so wird seither gelehrt, daß schon die Kenntnis einer fremden Sprache den Charakter verderbe und den Intellekt verwirre. In Paris war es nach 1871 lange Jahre gefährlich, an öffentlichen Orten Deutsch zu sprechen, bis seit dem Burenkriege die Antipathie sich gegen das Englische wandte; das dauerte bis zum Beginn der Einkreisungspolitik König- Eduards, worauf dann wieder das Deutsche an die Reihe kam. Jetzt könnte einer, der es wagen sollte, in Paris öffentlich Deutsch zu sprechen oder ein deutsches Buch zu lesen, dieses Ver-' brechen mit dem Leben bezahlen. In Moskau, Kiew oder Petersburg wird jeder, der beim Deutschsprechen ertappt wird, mit Gefängnis bis zu drei Monaten oder einer Geldbuße bis zu 3000 Pubein und im Wiederholungsfall mit Verbannung nach Sibirien bestraft. In London wird man dafür ins Konzentrationslager verschickt. Alle, die deutsche oder deutschklingende Namen tragen, beeilen sich, sie mit „echt" englischen oder französischen zu vertauschen. Man hat auch die „ausländischen Wissenschaften" abgeschafft. Vor sehr, sehr langer Zeit — sind es hundert, sind es zweihundert Jahre her? — es war nämlich im Mai .1914, da hielt der Professor Emile Boutroux, Mitglied der Französischen Akademie, in Jena und Berlin, zum Teil in deutscher Sprache, einen Vortrag über den Zusammenhang des deutschen und des französischen Geistes, die sich gegenseitig ergänzten. Aber schon im November desselben Jahres war er in London zu der Ueberzeugung gekommen, daß es überhaupt gar keinen deutschen Geist gebe; es gebe bei den Deutschen nur ein nebelhaftes Brüten, oder ein grob materialistisches Haften an Einzeltatsachen. Die Academie des Sciences hat dekretiert, daß die mathematischen und die Naturwissenschaften ausschließlich das Werk von Anglosachsen und Eranzosen seien und die deutschen gar keinen Anteil daran haben. Andererseits hat ein deutscher Theaterdirektor es für nötig gehalten, sich mit einer Bundfrage an verschiedene Koryphäen zu wenden, ob der Patriotismus noch erlaube, Shakespeare aufzuführen. Die Koryphäen bejahten glücklicherweise. Man könnte einen ganzen Band mit Dokumenten dieser Gesinnung: füllen, die bis hinauf zu den höchsten Regionen geistiger Kultur reicht. Engelbert Pernerstorfer versichert, daß. kein Volk das andere je restlos verstehen kann, und Prof. Sombart „lehnt mit innerstem Widerwillen, mit Entrüstung und Empörung und tiefstem Ekel" alles ab, „was auch nur von ferne englischem oder insgesamt westeuropäischem Denken und Empfinden nahe kommt." Sogar durch Aeußerlichkeiten, wie Kleidertracht, Haar- und Bartschnitt, müssen sich die Völker voneinander unterscheiden; erst dann würden die innersten nationalen Tugenden zur Blüte gelangen; nur so kann der Forderung der nationalen Ehre Genüge geschehen. Dabei handelt es sich hier um Völker, die durch Abkunft und Rasse miteinander nahe verwandt, durch eine gemeinsame Religion ungefähr seit anderthalb Jahrtausenden untereinander verbunden sind, von denen jedes die Sprache, die Poesie, die Kunst, die Philosophie und die Geschichte des andern in- und auswendig kennt, lernt, erforscht und lehrt. Sie leben in fortwährendem Austausch' geistiger und materieller Güter, sie könnten ohne einander gar nicht gedeihen oder auch' nur existieren. Durch! Jahrtausende langes Zusammenarbeiten auf allen Gebieten des Schaffens und durch gegenseitige Beeinflussung sind sie zu einer höheren Kulturgemeüischaft zusammengewachsen, in der jedes, seinen Eigen ton voll bewahrend, zusammen mit dem anderen einen machtvoll schönen Klang gibt. Sie sind beieinander zu Gast, die besten und kräftigsten Geister unter ihnen lernen sich auf allerlei Kongressen und Versammlungen kennen und verstehen; ihre Herrscherhäuser und ihr Adel, in tausend Fällen auch Familien aus dem Volk, sind miteinander blutsverwandt.