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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 5 - 6

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Narcisse Leven
Date
1915-01-01
Page
Seite 5 - 6 (sequence 3)
Language
German
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5 Narcisse Leven. 6 Leben geopfert, und ihre Ergebenheit für das Vaterland ließ die Ungerechtigkeit ihres gesetzlichen Zustandes um so schärfer hervortreten." Dieses Bewußtsein spornte die edlen Geister an, den Kampf für das Recht ihrer Glaubens- und Volksgemeinschaft mit aller Kraft aufzunehmen. Die Juden hatten immer gekämpft, sie kämpften hauptsächlich seit einem halben Jahrhundert, und nicht ohne Erfolg, gegen die Ausnahmegesetze in ihren Heimatländern. Ohne Zweifel erweckte jeder Sieg über die Intoleranz einen Widerhall draußen in der weiten Welt, aber es blieb noch viel zu tun übrig: es galt, alle Juden zu einigen und zu gruppieren, um das gemeinsame Erbe der Väter, das Judentum, zu verteidigen, ihre gemeinsame Kraft anzuwenden, um sich gegenseitig zu unterstützen, die Ungerechtigkeit, die Vergewaltigung und die Unterdrückung, welche auf der Masse lastete, zu bekämpfen und den sozialen Zustand der letzteren zu ändern." Die tapferen jungen Männer, die dazumal mit tausend Masten auszogen, um in edler Uneigennützigkeit ihren fernen Brüdern Freiheit und Gleichheit zu er kämpfen, hatten von den Schwierigkeiten ihrer Aufgabe durchaus keine geringe Vorstellung. ,,Die Aufgabe war groß, man übersah ihreSchwierigkeiten keineswegs; aber man ahnte, daß, um sie zu erfüllen, man nicht auf die eigenen Kräfte allein angewiesen war." Der geistige Zustand des damaligen Europas, die Gesinnungen und die Denkweise der führenden intellektuellen Kreise ließen hoffen, daß das Zeitalter der Gerechtigkeit endgültig angebrochen sei, daß der Fortschritt zur Freiheit und Humanität wohl nimmermehr unterbrochen oder in eine rückschreitende Strömung verwandelt werden könnte. „Die freien Länder beglückwünschten sich, daß sie die Gleichheit aller Bürger vor dem Recht zu ihrem Grundsatz gemacht hatten: ihr Beispiel wirkte belehrend und ist nicht ohne Nutzen geblieben. Von ihnen also durfte man noch mehr erwarten. Ihre Sache war es — entsprechend dem Gedanken der französischen Revolution — die Achtung vor dem Recht unter den Völkern zu verbreiten, besonders unter jenen, auf welche sie Einfluß hatten. Dazumal kannte man noch nicht jenen engherzigen Nationalismus, hinter dem sich so viel Ungerechtigkeit verbirgt. Man war damals noch nicht der Meinung, daß die Unabhängigkeit der Nationen verbiete, von ihnen einen Akt der Gerechtigkeit zu verlangen, oder ihnen zu danken, wenn sie einen solchen vollbracht hatten." Den großherzigen, freien Sinn jener Generation kennzeichnet am besten die Tatsache, daß die Alliance im Jahre 1860, als eine Verfolgung der Christen im Libanon ausbrach, eine Sammlung für diese eröffnete und bedeutende Summen zu ihrer Unterstützung aufbrachte. In derGeneralversammlung vom 31. Mai 1864 sagte Cremieux: „Alle unsere Brüder jeglichen Glaubens fordere ich auf, sich uns anzuschließen und mitzuwirken an dem großen Werke der Zivilisation und des Fortschrittes. Mögen sie doch zu uns kommen. Mit welcher Freude würden wir sie begrüßen. Als ich den glücklichen Gedanken hatte, die Juden (der ganzen Welt aufzurufen, um den Christen des Libanon zu helfen, wie lebhaft antworteten Arme und Reiche durch Gaben. Wohlan, mögen sich alle Bekenntnisse um das gleiche Banner scharen. Einigkeit und Fortschritt sind die Losung der Menschheit." Ein Jahr darauf: „Sind wir nicht alle desselben Ursprungs, Juden, Katholiken, Protestanten und Mohammedaner, ist nicht derselbe Gott unser aller Vater?. Laßt uns allen unseren Brüdern ohne Unterschied des Glaubens die Hand reichen." „Ihr seid Juden," hieß es elf Jahre später an derselben Stelle, „und es handelt sich darum, die Juden zu beschützen. Wenn eine Christenverfolgung ausbräche, würde ich euch zurufen: eilen wir den Christen zu Hilfe." Also dachte und fühlte man dazumal, als Narcisse Leven in der Blüte seiner Kraft und seiner Tätigkeit stand. Man war der Ansicht, Narcisse Leven

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