Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Article
- Narcisse Leven
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584057-2584059-2605514--15907-2605569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 Narcisse Leven. 8 daß jeder an der Stelle, wo Geburt und Abkunft ihn hingestellt, arbeiten müsse, zum Wohl des Ganzen, daß jeder Fortschritt und Aufstieg eines Bruchteils der Menschheit, der Gesamtmenschheit zugute komme. Und wenn Narcisse Leven für seine Glaubens- und Stammesgenossen arbeitete, so war er sich bewußt, mittelbar für den Aufstieg des Humanitätsgedankens in der Welt zu arbeiten, und daß die Früchte dieser Arbeit nicht allein den Juden, sondern auch ihren Mitbürgern in allen Ländern, wo die Juden wohnten, zugute kommen wird. Und es war ein ungeheures Maß von Arbeit, die er in seinem langen Leben vollbracht. In der „Geschichte der fünfzig Jahre", welche er geschrieben, kommt sie nicht einmal andeutungsweise zur Geltung. Er erzählt von allen seinen Gefährten, schweigt aber geflissentlich von sich selber. Es war ihm nur gegönnt, die erste Hälfte des Werkes zu vollenden. Und so dürfen wir hoffen, daß die zweite Hälfte, die von anderer Hand herausgegeben werden wird, uns im einzelnen ein Bild seines arbeits- und erfolgreichen Lebens entrollen wird. Aber schon jetzt möge wenigstens an seine Arbeit für die Juden unter Rußlands Knute gedacht werden. Als die grauenerregenden Nachrichten von dem Unglück, das die Juden in Polen heimgesucht hat, an sein Krankenlager drangen, erinnerte er sich wohl der Reise, die er vor sechsundvierzig Jahren nach denselben Gegenden unternahm. Damals hatte eine Hungersnot zwei Jahre lang in Polen und Litauen geherrscht, und unter den Juden die meisten Opfer gefordert. Das Land war noch ärmer als heute und nur die Bauernbevölkerung erhielt sich, wenn auch mit größter Not, am Leben. Die Massen der jüdischen Bevölkerung aber befanden sich im tiefsten Elend. Aus dem Hunger entstand Pest, und es gab eine große Anzahl von Witwen und Waisen, denen Hilfe zu bringen die lokale und regionale Wohltätigkeit außerstande war. Narcisse Leven, kaum siebenunddreißig Jahre alt, organisierte eine großartige Hilfstätigkeit, die ihren Mittelpunkt in Berlin, Königsberg und Kowno hatte und die Gemeinden der betroffenen Gegenden zur Selbsttätigkeit aufmunterte und erzog. Damals gewann er einen tiefen Einblick in die trostlosen Zustände der dortigen Juden, und oft noch bot sich ihm Gelegenheit, seine Erfahrungen zu betätigen. Jedesmal war er an Ort und Stelle zugegen; er liebte es nicht, mit dem Fernrohr zu regieren, sondern hielt darauf, unmittelbar die Wunden in Augenschein zu nehmen, die er heilen sollte. Die J. 'C. A. verdankt diesen seinen Erfahrungen und Plänen, zusammen mit den Bemühungen von Salomon Reinach, ihre Entstehung. Der persönliche Einfluß Levens auf den Stifter Baron Moriz von Hirsch, der seit langem zu den eifrigsten Förderern der Alliance gehörte, war groß, und er war es, der ihn bewog, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die von den wechselnden Zeitströmungen und der schwankenden Gunst des Publikums unabhängig, besonders den von steten Gefahren und Not heimgesuchten osteuropäischen Juden dauernde Hilfe bringen sollte. Er ist uns in einem Augenblick genommen worden, da wir eines Mannes von seinem Wuchs und seiner Art dringender als je bedürfen. Hoffen wir, daß die große Not dieser Zeit eine Persönlichkeit erstehen lassen wird, mit der Kraft begabt, in die durch sein Hinscheiden gewordene Bresche zu treten. i * Schwerer, als alle seine Vorgänger, ist der Schicksalsschlag, von dem der größte Teil des jüdischen Volkes jetzt betroffen ist, und mehr als je zuvor wird man sich auf das Prinzip der Gemeinbürgschaft besinnen müssen, welches die Devise der Gesellschaft ist, an deren Spitze Narcisse Leven ein halbes Jahrhundert stand. Die Aufgaben, die unser jetzt harren, sind außerordentlich groß. Das Judenelend wird ein viel drohenderes und furchtbareres Antlitz zeigen als bisher. Wir werden sehr eng zusammenrücken und uns fest die Hände reichen müssen, um den Forderungen dieser Zeit, unserem Gewissen und der Kulturwelt gegenüber, gerecht zu werden. ' Nie zuvor hat sich in gleichem Maße wie jetzt die Notwendigkeit gezeigt, daß eine Organisation vorhanden sei, welche fern von allen ephemeren, einseitigen politischen Bestrebungen, ausschließlich dem Gedanken der brüderlichen gegenseitigen Hilfe dient, eine universelle, gänzlich parteilose Organisation, die, über den wechselnden Strömungen der Zeit stehend, nur der sozialen und kulturellen Hilfsarbeit, gewidmet und den Einigungspunkt für alle Tätigkeit in dieser Richtung zu bilden geeignet ist. Danken wir dem Himmel, daß wir nicht vor die Aufgabe gestellt sind, eine derartige Organisation erst schaffen zu müssen. Um sie werden sich in der nächsten Zeit alle scharen, die ein Herz für die Not ihres Volkes haben und in treuer Liebe für dessen Zukunft arbeiten wollen.