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Ost und West · 1915-01-01 · Heft 1-5 (Januar-Mai 1915) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
15 (1915)
Issue
Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
Article
Narcisse Leven
Date
1915-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 Narcisse Leven. 4 land machen und sie in seinem eigenen Interesse zu unterdrücken; daß es ihm obliege, eine Untersuchung einzuleiten, die die wahren Schuldigen herausfinden könnte, die Unschuldigen zu schützen und ihnen Genugtuung zu verschaffen." Als die jüdischen Abgesandten Montefiore, Münk und Cremieux nach dem Orient reisten, nahmen sie die Versicherung von Seiten der leitenden Staatsmänner der damaligen Großmächte mit, daß sie in jeder Beziehung ihrer Unterstützung sicher sein könnten. Sogar Fürst Metternich, das Haupt der Reaktion, förderte ihre Bemühungen eifrig. Es war vielleicht zum erstenmal in der neueren Zeit, daß die Elite der Judenschaft Europas sich zusammenfand und gemeinsam auftrat, um ihren bedrückten Glaubensgenossen im fernen .Orient Hilfe in der Not zu bringen. Sie traten nicht bettelnd auf, sondern als Vorkämpfer eines guten Menschenrechtes, als Verteidiger der unschuldig Verfolgten, für die sie im Namen der Gerechtigkeit Abhilfe gegen Vergewaltigung und Beugung der Justiz forderten. Sie taten es unter dem Beifall der erlesensten Geister von ganz Europa. An der Spitze der Aktion stand Adolphe Cremieux, den seine jüdischen Landsleute mit der herzlichsten Sympathie und mit tatkräftiger Hilfe begleiteten. Aber keinem im damaligen Frankreich ist es eingefallen, den französischen Juden ihre Stellungnahme und ihre Aktion als antipatriotische Handlungsweise anzurechnen, und Adolphe Cremieux hat sein prononziert jüdisches Auftreten und seine mutige Haltung nicht gehindert, eine glänzende politische Laufbahn zu durchmessen und eine hohe Stellung einzunehmen. Es war in den Augen aller normal empfindenden, anständigen Menschen selbstverständlich, daß ein Jude seinen Glaubensgenossen im fernsten Lande der Welt zu Hilfe eilen müsse, wenn sie um ihres Judentums willen bedrängt werden, und ihnen beizustehen, sich aus materiellem und geistigem Elend emporzuarbeiten. „Die Lehre, welche man aus dieser schmerzlichen (Damaskus-) Affäre zu ziehen hatte, war, daß die Juden, wenn sie sich verteidigten, nicht mehr sich selbst überlassen waren. Die öffentliche Meinung der Völker Europas war mit ihnen. Sie nahm Anteil an dem Schicksal der Opfer der Intoleranz und der Verfolgungssucht und übte einen Druck auf die Regierungen aus." Diese Worte, mit denen Leven in seiner Geschichte der Alliance die damals herrschende Ueberzeugung ausdrückt, nehmen sich in unseren Tagen wie ein zerronnener Traum aus einer besseren, verschollenen Zeit aus. Aber auch ein anderes Wort des Verstorbenen, welches ihm und seinen Zeitgenossen als das Selbstverständlichste von der Welt erschien, muß heutzutage von neuem eingeschärft werden: „Die Juden der freien Länder, die des Besitzes aller bürgerlichen und politischen Rechte sich erfreuten, waren die natürlichen Verteidiger jener ihrer Brüder, die selber nichts für sich zu unternehmen vermochten." So einfach das Wort klingt, so viel Noblesse enthält es. Doch in unserer unruhigen Zeit, die so viel edles Kulturgut vernichtet hat, scheint auch diese natürliche Wahrheit in Vergessenheit geraten zu sollen. Neunzehn Jahre nach der Damaskus-Affäre geriet die europäische Welt in Bewegung durch die Mortara-Affäre —, und auch dies mutet uns heute wie ein Märchen an. In Bologna, das damals im Kirchenstaat lag, wurde ein jüdisches Kind heimlich von der christlichen Dienstmagd der Familie getauft, die päpstlichen Behörden entrissen das dreijährige Kind seinen Eltern und übergaben es einem Kloster zur Erziehung. Das erregte in der ganzen Welt einen unbeschreiblichen Sturm der Entrüstung, die gesamte Presse — und eine sogenannte „Judenpresse" gab es damals noch nicht —, alle liberalen Regierungen, sogar die damals so starr reaktionäre österreichische Regierung, protestierten. „Wenn man sieht, bis zu welchem Grade die Entführung des Kindes Mortara die Gemüter erregte, fühlt man, daß das Rechtsbewußtsein im Erwachen begriffen ist. Ist dieses noch nicht stark genug, um die Abschaffung der schlechten Gesetze herbeizuführen und die zahllosen Ungerechtigkeiten gut zu machen, so bereitet es diese Tätigkeit mindestens vor." Die Gruppe von jungen Männern, die sich um das Jahr 1860 zusammengefunden hatte, war von dem Gedanken beseelt, aus diesem erwachenden Rechtsgefühl „eine tätige Kraft zu formen, zum Nutzen aller, wo immer in der Welt verfolgten Juden". Der in der jüdischen Seele unausrottbare Glaube an die Macht der Gerechtigkeit, der man getrost vertrauen dürfe, weil sie am Ende doch den Sieg davontragen würde, trat hier mit voller Kraft hervor; aber es war nicht ein quietistischer Glaube, man möge nluden Dingen freien Lauf lassen, es würde schon alles von selber gut werden; es war ein Glaube, der zur Tat anfeuerte. „Der Fortschritt der Emanzipation der Juden hatte seine wesentliche Ursache in der politischen Umgestaltung Europas, aber die Arbeit der Juden selber hatte hieran einen großen Anteil. Sie hatten ihre Rechte durch das Wort, in der Presse, in Büchern gefordert, trotz der sie niederhaltenden Gesetze hatten sie in allen Zweigen menschlicher Arbeit Bedeutendes geleistet; sie hatten den Ländern, denen sie angehörten, gedient und ihnen Ehre gemacht, als Soldaten hatten sie ihnen ihr

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