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Ost und West · 1913-12-01 · Heft 12 (Dezember 1913) · p. Seite 941 - 942

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 12 (Dezember 1913)
Article
Die Juden im öfftentlichen Leben Deutschlands
Date
1913-12-01
Page
Seite 941 - 942 (sequence 7)
Language
German
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941 Stadtrat Dr. Ludwin- Haas: Die Juden im üffriitlichcn Leben Deutschlands. 942 wenn sie sich politisch überhaupt betätigen. Wenn sie sich aber politisch nicht betätigen, dann klagt man sie erst recht wieder an und sagt, gleichgültig stünden sie beiseite, wo über die grossen Fragen des deutschen Volkes und über des deutschen Volkes Zukunft gestritten und entschieden wird. Ich bin der Meinung, dass man ein gut Teil vaterländischer Gesinnung dadurch betätigt, dass man den grossen Fragen des politischen Lebens Interesse entgegenbringt. Nun macht man aber den Juden einen ganz besonderen Vorwurf daraus, dass sie in ihrer Mehrheit in den Reihen des Liberalismus und der Demokratie zu finden sind, und manchmal wird die Frage aufgeworfen: ja warum betätigen sie sich denn nicht auf dem Boden konservativer Politik? Meine Damen und Herren! Mit der jüdischen Art hat das garnichts zu tun. Bei den deutschen Juden sind ganz gewiss ebensoviele konservative Tendenzen vorhanden wie liberale und demokratische. Wir werden durchaus nicht gleich geboren mit einer Meinung. Ich meine, die Geschichte unserer Gemeinschaft beweist es, dass genug konservative Art in uns vorhanden ist, und ich habe schon manchen Juden gekannt, der politisch gleichgültig bei Seite stand, weil er eigentlich seinem ganzen Wesen nach, seiner ganzen inneren Art nach mehr nach der konservativen Seite hinneigte als nach der liberalen oder der demokratischen. Aber uns kann man deswegen nicht anklagen. Kann denn heute in Deutschland ein deutscher Jude politisch konservativ sein? Sollen wir eintreten und sollen wir kämpfen für das Tivoli-Programm? In dem Augenblick, in dem die konservative Partei gerecht wäre den deutschen Juden gegenüber, indem sie sich entschliessen könnte, mit gutem, starkem, ehrlichem Bewusstsein einzutreten für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, da würde es Juden in Deutschland genug geben, die gemäss ihrer Grundstimmung und ihrer Anschauung die Empfindung hätten, dass sie mehr in die konservativen Reihen hineingehören. Allerdings wird eins nie bestritten werden können: Eine Volksschicht, die durch die Jahrhunderte hindurch unterdrückt war, eine Volksschicht, in deren Bewusstsein es noch lebt, dass sie befreit wurde von schweren Fesseln, die wird immer eine starke Hinneigung haben zum Liberalismus und zur Demokratie, weil sie weiss, dass ihre Freiheit geschaffen wurde auf der Basis liberaler und auf der Basis demokratischer Gedanken. In anderem Zusammenhang habe ich gesagt: wir sind nicht einheitlich in unserer politischen Meinung und ganz gewiss nicht einheitlich in unserer politischen Grundstimmung; aber eines wird allerdings immer zu beobachten sein: dass in jüdischen Kreisen ein weitgehendes soziales Verständnis vorhanden ist Da wirkt nach, wie immer wir uns religiös stellen, die jüdische Religion und, wir wollen es in dem Zusammenhang noch einmal sagen, das mosaische Recht. Dieses war sozial so wunderbar durchdacht, dass es auch dem modernen Sozialpolitiker Bewunderung abringen muss. Das war seine Tendenz: Ein Staat sollte geschaffen werden, in dem es keine Reichen und keine Armen geben soll. Wie wunderbar war die Agrargesetzgung dieses Staates, der bodenreformerische Gedanke, dass keiner auf ewige Zeiten losgelöst werden darf von seinem Grund und Boden; das alles wirkt nach. Wo ein Jude im politischen Kampfe steht, wird er es allerdings nie begreifen können, wenn etwa Gesetze gemacht werden sollen zugunsten der Starken gegen die Schwachen. Und noch etwas haben viele von uns in den politischen Kampf mitgebracht: ein starkes Gefühl für die Notwendigkeit politischer und religiöser Duldsamkeit. Bei den deutschen Juden war immer die Ueberzeugung vorhanden, dass der moderne Staat zuverlässig nur beruhen kann auf den guten Grundlagen der Denk- und Gewissensfreiheit Wir haben immer die Meinung vertreten, dass es nichts Schlimmeres geben kann, als wenn ein Staatsbürger den anderen in seinen religiösen Empfindungen verletzt und kränkt Ich spreche den Gedanken mit Absicht aus. Denn wenn irgendwo einmal irgendeiner von uns eine Taktlosigkeit begangen hat, wenn irgendwo, sagen wir ein Journalist, dessen Namen wir vielleicht nicht einmal kennen, bei der Besprechung kirchenpolitischer Fragen einen Missgriff gemacht hat, dann werden wir alle miteinander dafür verantwortlich gemacht. Nirgends aber wird es schärfer als bei uns missbilligt, wenn einer das religiöse Empfinden der anderen verletzt oder kränkt Die überwiegende Mehrheit von uns steht auf dem Standpunkte, dass es unanständig ist, wenn man eine derartige Handlung begeht, und eine überwältigende Mehrheit von uns ist der Meinung, dass es heilige Pflicht eines jeden Staatsbürgers ist, dem religiösen Empfinden seiner anders denkenden Mitmenschen Achtung und Wertschätzung entgegenzubringen. Aber unseren eigenen Glaubensgenossen, die im öffentlichen Leben stehen, sagen wir, sie sollen sich daran erinnern, dass wir alle miteinander für derartige Missgriffe angeklagt werden. Wer den Frieden unter den Konfessionen stört, der begeht eine Sünde gegen den Staat Der Jude, der das tut, begeht eine doppelte Sünde — gegen den Staat und gegen die jüdische Gemeinschaft. In mancher Beziehung ist es geblieben wie im Mittelalter. Es war damals so: Steuerpolitisch waren wir alle miteinander Gesamtschuldner für die Zahlung der Steuern. Das hat aufgehört; aber auf moralischem Gebiete sind wir Gesamtschuldner geblieben. Das ist ein grosses Unrecht; aber es ist nun einmal so. Wenn irgend ein Jude einen Fehler begangen hat, dann hat nicht der Mann den Fehler begangen, sondern die Juden; die sind nun einmal so, dass bei ihnen diese Fehler begangen werden! Und wenn wir hunderttausendmal den Fehler missbilligen, wenn er bei uns schärfer missbilligt wird als anderwärts, so werden trotzdem dadurch

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