Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Article
- Die Juden im öfftentlichen Leben Deutschlands
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 943 - 944 (sequence 8)
- Language
- German
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943 Stadtrat Dr. Ludwig- Haas: Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands. 944 antisemitische Strömungen und Stimmungen ausgelöst. Noch ein Wort über die sogenannte jüdische Presse. Mit dem Wort von der jüdischen Presse wird unendlich viel Missbrauch getrieben. Wenn irgendeine Zeitung von einem Juden gegründet wurde, oder wenn nur einige Juden sich im Redaktionsstab befinden, oder wenn das gar nicht der Fall ist und sie nur ehrlich und redlich eintritt für die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Deutschen Staate, dann gehört sie zur jüdischen Presse. Die Zahl der jüdischen Journalisten ist nicht so gross, wie gemeinhin angenommen wird. Aber wir wollen sagen, dass die deutsche Presse in ihrer Gesamtheit eine mustergültige Presse ist; wir dürfen sie mit der Presse anderer Länder und anderer Staaten sehr wohl vergleichen, was ihre wissenschaftlichen Leistungen und was die journalistischen Fähigkeiten betrifft, die in ihr zutage treten, und auch was die Reinheit und Sauberkeit betrifft. Wenn es aber so aussieht in unserer deutschen Presse, und so sieht es aus, dann dürfen wir allerdings sagen, dass auch mancher Jude gut und treu im Dienste des deutschen Journalismus seine Pflicht erfüllt hat, und wir sind stolz auf diese Männer, die in der Presse Arbeit geleistet haben, nicht als Juden, sondern auch in diesem Zusammenhang sage ich es noch einmal — als Deutsche und als Menschen. Ich will nun zum Schlüsse kommen. Nur eine Klage müssen wir hier noch vortragen gegenüber dem Staat. Das ist die Tatsache, dass das Deutsche Reich es immer noch zulässt, dass deutsche Staatsangehörige von Russland im russischen Passwesen in einer ungeheuerlichen Weise belästigt und schikaniert werden. Wir sind der Meinung, dass es stolze Pflicht des Deutschen Reiches sein müsste, gegen diese Art der Behandlung deutscher Staatsangehöriger Front zu machen. Dem Auslande gegenüber gibt es keine deutschen Katholiken und gibt es keine deutschen Protestanten und gibt es keine deutschen Juden! Dem Auslande gegenüber darf es nur geben deutsche Staatsbürger, und wir meinen, es müsste, an den massgebenden Stellen, ein Gefühl dafür vorhanden sein, dass russische Rückständigkeit und russische Brutalität Halt zu machen hat vor jedem deutschen Staatsbürger. Meine Damen und Herren! Wie immer sich aber die Dinge in Deutschland entwickeln mögen, dem Vaterland verbleibt unsere Liebe. Das sage ich nicht im Tone einer patriotischen Phrase, sondern ich sage es in dem schlichten Bewusstsein, dass die Liebe zum Vaterland dem Menschen angeboren ist als etwas Natürliches. Ich habe mit russischen Juden gesprochen, und sie sprachen von all dem Elend und von all dem Druck und dem Jammer und von der Brutalität und von ihrer grossen Not, und was war das Ende? Sie lieben ihr Russland und sie lieben ihr russisches Volk. Und bei uns, meine Damen und Herren, darf wohl noch über diese angeborene Vaterlandsliebe hinaus hinzutreten ein Stück Staatsbürgerbewusstsein und ein Stück Freude am Staate. Nicht rein und ungetrübt ist diese Freude; aber arbeiten wollen wir, dass unsere Kinder einmal sich dieses Staates voll und ganz erfreuen können. Deutschland ist draussen in der Welt geachtet wegen seiner Macht, und es ist geachtet wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen, wegen seiner Leistungen auf künstlerischem und auf wirtschaftlichem Gebiet. Eine Zeit soll kommen, da wird die Durchführung der Menschenrechte und die Schaffung der völligen Gleichberechtigung aller Konfessionen der Ruhmestitel Deutschlands sein. Das glauben wir, weil wir an Deutschland glauben, weil Deutschland vorwärts schreitet und weil die Vorwärtsentwicklung stärker ist als alle alten Vorurteile. DIE PAPSTBULLE UND DIE KAISERURKUNDE GEGEN DIE BLUTBESCHULDIGUNG DER JUDEN. (Zu den nachstehend abgebildeten Faksimiles.) — Von Dr. Ludwig Rosenthal. Cüln. Die Bulle Innocenz IV (1241—1254), die jüngst aus Anlass 'des Beilisprozesses den Schriftwechsel des Lord Rothschild-London mit dem Vatikan veranlasst hat, befindet sich in ihrer, von Gregor X, dem Heiligen (1272—1276). veranlassten Erneuerung im Original, mit dem päpstlichen Plumbum versehen, im Stadtarchiv Coln: ebenso die Urkunde Rudolfs von Habsburg, die sie wiederum erneuert und bestätigt. Sehen vor 80 Jahren ist darauf durch die Presse hingewiesen worden, und zwar anlässlich des Knabenmordes in Grevenbroich am Niederrhein, der in der dortigen Gegend das Märchen vom jüdischen Ritnalmord aufkommen liess. Damals hat die ,, Kölnische Zeiti ng" in ihrem Beiblatt vom 3. August 1834 sich mit beiden Urkunden beschäftigt*). *) Der Hinweis auf die ..Kölnische Zeitung" ist Fmu Leopold Blühdorn-Ctiln zu verdanken, die auch dk- Photographien in liebenswürdiger Weiso zur Verfügung gestellt hat. I. Innocenz IVhat in Lyon (Lugdunum) am 5. Juli im 5. Jahre seines Pontifikats, also im Jahre 1245, seine Bulle an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands erlassen. Er hat die Klage der deutschen Juden vernommen, das s .,sowohl geistliehe wie weltliche Fürsten und sonstige Vornehme und Machthaber die Juden, um sich widerrechtlich ihr Vermögen, anzueignen, fälschlich bezichtigen, bei der Passahfeier das Herz eines gemordeten Kindes gemeinsam zu verzehren, und ihnen böswillig zur Last legen, wenn irgendwo der Leichnam eines toten Menschen gefunden wird. Sie bedenken nicht, dass ans der Juden Urkunden die Zeugnisse des christlichen Glaubens hervorgegangen sind (quod quasi ex archivis eorum christianae fidei testimonia prodierunt); dass die heilige Schrift ausdrücklich, sagt „Du sollst nicht töten", und bei der Passah-Feier die Berührung von Leichenteilen