Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Article
- Die Juden im öfftentlichen Leben Deutschlands
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 939 - 940 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584046-2605398--15086-2605461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
939 Stadtrat Dr. Ludwig- Haas: Die Juden im öffentlichen Lehen Deutschlands. 940 wechselt, werden wir seine Ueberzeugung achten und ehren; niemals darf Unduldsamkeit in unseren Reihen eine Stätte finden. Wenn aber einer Handel treibt mit Glauben, Religion und Ueberzeugung, wenn einer den Akt der Taufe, der unseren christlichen Mitbürgern heilig ist, dazu missbraucht, um Nutzen für sich einzuhandeln auf gesellschaftlichem Gebiet oder auf staatlichem Gebiet, um Karriere zu machen oder um seine Stellung angenehmer zu machen, ich meine, das ist eine Handlung, die von Juden und von Christen in gleicherweise misbilligt wird. Es gibt keinen vornehmen Menschen, der eine derartige Handlungsweise gutheissen könnte. Wenn wir unser Recht nur dadurch erringen könnten, dass wir unsere Ueberzeugung preisgeben, dass wir einen Schritt der Gesinnungslosigkeit unternehmen, dann sollen lieber unsere spätesten Urenkel noch in diesem Kampfe stehen. Man soll uns nicht nachsagen können, dass wir unser Recht uns erkauft haben durch eine Gesinnungslosigkeit! Ich habe die Ueberzeugung, wenn die breite deutsche Oeffentlichkeit sich einmal mehr als bisher mit diesem Teil der Judenfrage beschäftigt, dann wird es nur ein Urteil geben in deutschen Landen, und das geht dahin: Der deutsene Jude soll und muss behandelt werden nach Gesetz und Recht; aber der, der ohne Ueberzeugung seinen Glauben gewechselt hat, der eignet sich nicht mehr zur Stellung eines deutschen Beamten; denn die deutsche Beamtenschaft soll rein und sie soll moralisch intakt sein, und der Mann ist nicht mehr intakt, der um derartiger Vorteile willen seinen Glauben gewechselt hat. Einen weiteren Gedanken sprechen wir in dem Zusammenhange aus, einen Gedanken, den man besonders bei den Konservativen begreifen sollte. Wir bleiben unserer Gemeinschaft treu, weil wir ein Gefühl haben für die Notwendigkeit der Tradition. Wir werden traditionslos und wir werden wurzellos, wenn wir uns losreissen aus der Gemeinschaft, zu der wir durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende hindurch gehören. Ich weiss, es gibt gute Familien, in denen Taufen ohne Ueberzeugung vorgekommen sind; aber ich meine, wer den rechten Stolz auf seine Familie hat, wer sich seiner Familie und seiner Eltern und seiner Vorfahren nicht schämt, dem wird es unmöglich sein, dass er seinen Glauben wechselt. Er denkt daran, dass durch Jahrhunderte hindurch, viele viele vor ihm sich zu diesem Glauben bekannt haben, dass sie Unendliches erlitten haben für diesen Glauben, dass sie Alles geopfert haben für ihre Ueberzeugung; und dann sollen wir Nachgeborene so unsagbar klein sein und so armselig, dass wir wegen irgendwelcher kleiner eigener Vorteile alles das preisgeben, wofür sie durch die Jahrhunderte hindurch das Unmöglichste getragen haben? Wir fordern die Gleichberechtigung der deutschen Juden bedingungslos. Es hat einmal Gabriel Riesser gesagt, man brauche keine Begründung zu geben für diese Forderung; sie sei selbstverständlich und sie sei in der Natur begründet; er hat Recht mit dieser Anschauung. Aber einiges wenige darf gesagt werden. Einmal das: In allen deutschen Kriegen, von den Freiheitskriegen an, haben die deutschen Juden den Beweis geliefert, dass sie ihr Vaterland lieben. Darauf dürfen wir mit um so mehr Genugtuung hinweisen, als man uns ja durch Jahrhunderte hindurch ausgeschlossen hatte von der deutschen Kulturgemeinschaft. Ist es nicht etwas Wunderbares, dass schon im Jahre 1813 dieser starke vaterländische Wille durch die deutschen Juden hindurchging? Es ist eben so: Wenn man noch so schlecht behandelt wird, und wenn noch so viel Elend und noch so viel Brutalität und noch so viel Unrecht zu ertragen ist, es geht nicht spurlos an einer Gemeinschaft vorüber, dass sie durch Jahrhunderte hindurch in einem Lande gelebt hat, und mit gutem Stolze sagen wir: Viele, viele von uns sind eingeborener in diesem Lande als manche, die ihr Deutschtum gegen uns ausspielen wollen. Aber die Liebe zum Vaterlande wird nicht nur betätigt auf den Schlachtfeldern; wir wissen, was für Deutschland die wirtschaftliche Arbeit des Volkes bedeutet. In einem anderen Zusammenhang sagte ich einmal: Vor den Kriegen war die Arbeit des Volkes, und nach den Kriegen war wieder die Arbeit des Volkes. Wenn wir irgendeine Wandlung in der Weltgeschichte erleben, das Aufsteigen eines Volkes in einem Krieg und durch einen Krieg, alle die Siege, sie wären nicht zu erklären, wenn nicht vorausgegangen wäre die wirtschaftliche Arbeit der Volksgesamtheit. Und ich meine, in einer Stadt wie Hamburg, da braucht man keine Ausführungen darüber zu machen, was die wirtschaftliche Arbeit für Deutschlands nationale Grösse bedeutet. Gar mancher von denen, die aus der Fremde hierher kamen, hat sich schon umgesehen im Hamburger Hafen oder er tut es noch; da sieht er die Schiffe ein- und ausfahren, hinter all dem aber steht die unendliche wirtschaftliche Arbeit von ganz Deutschland. Und weit drinnen im Binnenland, da sitzt irgend ein kleiner Mann an seinem Pult und schreibt und rechnet, und er hat das Meer nie gesehen, und es tritt ihm in seinen Gedanken gar nicht ins Bewusstsein, dass er da ein Stück Arbeit mitleistet für jenen Hamburger Hafen und für den grossen Verkehr mit der ganzen Welt. Und trotzdem ist es so. Auch seine Arbeit ist ein Stück der Arbeit für den Weltverkehr und für Deutschlands nationale Grösse. Und wenn wir nun wissen, dass die Grundlage dieser Grösse die wirtschaftliche Arbeit von ganz Deutschland ist, dann dürfen wir in Ruhe und Bescheidenheit hinzusetzen, wir haben auf dem Gebiete wirtschaftlicher Arbeit dem Vaterlande gegenüber unsere Pflicht erfüllt Ich habe schon gesagt: Auch auf dem Gebiete politischer Betätigung sind wir nicht zurückgestanden. Es wird zwar noch lange so sein, dass man es den deutschen Juden verübelt,