Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Ein Gang durch das Judenviertel in Amsterdam
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 893 - 894 (sequence 3)
- Language
- German
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893 Stephanie Forchhcirner: Ein Gang durch das Judonvicrtel in Amsterdam Es wäre recht aussich tslos, den Gedanken moderner sozialer Wohnungsfürsorge in diesen Gassen und Gässchen nacJi zu hängen, deren leider auch mciir als mittelalterliche Wohnungen von frischer Luft und Peinlichkeit nur wenig wissen. Eine kleine Beruhigung liegt für uns in der Tatsache, dass die Stadt mehrere dieser dem Verfall nahen Häuser als „unbewohnbar"' erklärt hat , die mit ihren zerbrochenen Fensterscheiben und geborstenen Ilolztreppon von denen als ..bewohnbar" zulässigen Häusern allerdings keinen allzugrossen Abstand J)ilden. So weil, erstrecken sich die Fürsorge mal Aufsieht einer kommunalen Verwaltung. J )as Leiten der Insai-sen dieser Häuser seheint sieh aber dem Anblick nach, der sich uns bietet, zumeist auf de]'Strasse abzuspielen.Welch buntes wimmelndes Getriebe umfängt uns hier! I )ie ganze Bewohnerschaft ist lebendig, von Haus zu Haus ist ein Hufen und Schreien, alle Geschäfte und Ob liegenheil eil des täglichen Bebens erfüllen sich hier im engsten Kreise in der allgemeinen Oeffentliclikcit. Vor den Häusern sind Yerkaufsslände mit Lebensmitteln a 11 f gesc I11;: ge n, d i e auch in offenen, etwas tiefer gelegenen Gewölben ausgestellt sind. Auf kleinen Wagen werden Fische — das I I aup tn ahmngsmi 11 o 1 ihrer Billigkeit wegen —durch die Strassen gefahren und mit lauten Rufen feilgeboten. Hier ist der Kleinhandel in Blüte, denn solch ein Tier wird in die kleinsten, anatomisch möglichen Teile zerlegt, um seinen Käufer zu finden. Grosse Körbe voll Gurken und Melonen bringen ihren matten Farbenglanz in das belebte Bild: sie werden ebenfalls in Stückchen geteilt, die bei geringerem Angehot zum Preise eines Cent losgeschlagen werden. Die Frauen sind in vollster Tätigkeit, ihre Einkäufe zu besorgen, die Männer preisen laut rufend und gestikulierend ihre Waren an. Es herrscht ein Feilschen und Handeln ohnegleichen, der regste Geschäftsverkehr wickelt sich hier im kleinen ab. So sorgten wohl die Väter und Mütter vor Jahrhunderten um des Lebens Notdurft, und es ist merkwürdig, daß eine grosse Anzahl ihrer Nachkömmlinge, unbekümmert um den lauten Ruf des Lebens vor ihren Toren, in diesen engen Bahnen Altes Haus im Amsterdamer Judenviertel (5420). (Xacli einer Radierung von 1). Harting.— Verlas von Bernud de Viies, Ainsterclsin weiterwandelt. Ein weiter Platz am Ausgange der Strassen dient als Trödelmarkt. Hier hat das Geschäftsleben seinen Höhepunkt «'reichtund die kaufmännischen Geister sind grenzenlos entfesselt. Alles was die täglichen Bedürfnisse des Lebens und der Häuslichkeit erfordern, vereint, sich auf diesem kleinen Grossmarkt, und die zur Schau gestellten Waren beweisen uns. mit welch geringen .Ansprüchen sich die vom Schicksal wenig Begünstigten begnügen. Was die Fabriken der Großstadt an dürftigster, mittelmässigster Ware herzustellen imstande sind, ist auf diesem seltsam belebten Markte aufgestapelt: Stoffe, Kleider und Schuhe, Haus-und Küchengeräte, Eisen- und Messingwaren, Handwerkszeug jeglicher Art. Um die Buden drängt sich eine erregte Menge, wogt bin und her, kaufend, handelnd und schreiend, um ein Besitztum für wenige Pfennige zu ersteben.