Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Ein Gang durch das Judenviertel in Amsterdam
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 895 - 896 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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895 Stephanie Forchheimer: Ein Gangdurch das Judenviertel in Amsterdam. 896 Und inmitten dieser Schar, die um die Erhaltung der ärmlichsten Existenz kämpft und arbeitet, wimmelt eine Unzahl Kinder in sorgloser Unbekümmertheit. Sie wachsen und gedeihen wie die Pflanzen des Feldes, denn auch an ihnen werden keine Regeln der fortschrittlichen Hygiene angewendet, und ihr Aussehen ist ein Beweis dafür, dass die Säuberung für den Freitagabend als genügende Erfüllung der Forderungen der nötigsten Körperpflege betrachtet wird. Aber sie sind eine lebendige Garantie für die sichere Tatsache, dass dieser traditionell erhaltene Stadtteil mit seiner konservativen Bevölkerung auch noch das 20. Jahrhundert überdauern wird. Am Samstag, dem heilig gehaltenen Ruhetage, ändert sich das Bild. Da ruhen alle Geschäfte, die Buden und Verkaufswägelchen sind von den Strassen verschwunden, die von einer umsichtigen Stadtverwaltung an diesem Tage einer durchgehenden Säuberung unterzogen werden. Vor den Türen sitzen die Männer und Frauen in ihrem besten Feiertagsstaat, nach dem Besuche der Synagoge den Frieden eines arbeitsfreien Tages geniessend. Da sieht man manche Typen, die aus einer fernen Zeit zu stammen scheinen: Männer mit ernsten Charakterköpfen, deren Würde lind Ausdruck an die Gestalten erinnert, die Rembrandt so unvergleichlich auf die Leinwand bannte. Frauen im Schmucke ererbter Tücher und Hauben sitzen gleich dem Bilde ihrer Urahnen im friedlichen Gespräch auf den Schwellen der Haustore. Jn dieser Sabbatruhe, die nichts weiss vom Lärmen und Hasten der Grosstadt, die wenige Schritte entfernt ununterbrochen brodelt und gärt, ist das Mittelalter ganz lebendig geworden. Diese Menschen leben zufrieden in ihrer freiwilligen Abgeschlossenheit enge beisammen, ihrer Tradition und ihrem Gotte in treuem Dienste ergeben. Nachdenklich gestimmt wandeln wir die Strasse hinab, die uns wieder dem flutenden Leben entgegenführt. Noch ein Denkmal grüsstuns am Ausgangspunkte. Hier stellt Rembrandts Wohnhaus, das er von 1639—56 bewohnte, ein schlichtes Gebäude, das seinerzeit ein stolzes Patrizierhaus war. Ein anderer machtvoller Geist, entgegengesetzt der sprühenden Lebensfreude des bildenden Künstlers, sann und grübelte auch in diesen denkwürdigen Strassen. Baruch Spinoza, der Sohn portugiesischer Juden, wurde hier geboren, doch ist sein Geburtshaus unbekannt. Noch wenige Schritte und wir haben das alte Judenviertel der Stadt Amsterdam verlassen. Vor uns sehen wir die Gegenwart, machtvoll und vorwärtsdrängend, mit dem grossartigen Ausbau aller Möglichkeiten, die der menschliche Geist kühn beherrscht; hinter uns liegt die Vergangenheit mit den Sitten und Gebräuchen einer längst überwundenen Zeit, die hier in einem kleinen Ausschnitt lebendig geblieben sind. Wir schreiten weiter den blitzenden Lichtern der Stadt entgegen, die uns als Gegenwartsmenschen gehört. Doch ein Gefühl der Ehrfurcht und der Rührung bleibt in uns für diesen kleinen Teilbestand eines grossen Volkes, der als ein Ganzes, unbeirrt und unbekümmert um die Wandlungen einer drängenden Zeit, der Ehre und dem Glauben seiner Väter lebt. DIE FRUCHTBARKEIT DER JUDEN. Von Dr. H. Hoppe Nervenarzt in Königsberg i. Pr. (Schluss.) Das gleiche gilt von seiner weiteren Behauptung, dass auch die starken Binnenland e r u n g e n der deutschen Juden, die fortwährende Verschiebung im Standort der jüdischen Bevölkerung innerhalb des Landes (Zug in die Grossstädte, Zug nach dem Westen) geburtenverminclernd Avirke. Denn, so sagt Sega 11 (ib., 16), .»solange eine Bevölkerung ständig in Bewegung begriffen und von Unruhe erfüllt ist, ist eine normale Volksvermehrung unmöglich." Aher die Binnenwanderung setzte doch schon im Beginn des 19. Jahrhunderts ein, ohne dass zunächst die Geburtenziffer der Juden wesentlich herabgesetzt wurde. Andrerseits wüsste ich auch nicht, warum ein junger Mann, der, sagen wir einmal, von Posen nach Berlin zieht, dort wesentlich weniger Kinder in die Welt setzen soll, als er sie in Posen gehabt hätte, es müsste denn sein, dass dort mehr ökonomische Rücksichten für ihn massgebend sind, was auch für Segalls Erwägungen die Hauptsache zu sein scheint. Denn er sagt (a. a. 0., 16): ,,Namentlich die östlichen Provinzen gaben die meisten Männer an die Städte (richtiger wohl Grossstädte) ab, und dort ging die natürliche Zunahme rapid zurück. . . Die Schwierigkeit der Existenzgründung, die längere Dauer der Berufsvorbereitung, hatten eine Erhöhung des Heiratsalters zur Folge; der wirtschaftliche Kampf erschwerte schon den Alleinstehenden das Vorwärts- *) Siehe „Ost und West". Jahrg. Xllh Tieft 9 u. 10. kommen, und Hess den Wunsch nach einer zahlreichen Familie nicht aufkommen." Das ist aber weiter nichts als die absichtliche Beschränkung der Nachkommenschaft „die rationalistische Denkweise", die Segall am allerliebsten übergehen möchte, jedenfalls in allerletzte Linie stellt (ib., 17). sowie das Hinaufrücken des Heiratsalters bzw. das JunggeseJIentiim, Faktoren, die ich als Erscheinungen vorzugsweise des Grossstadtlebens bzw. der Konzentrierung der Juden in den Grossstädten charakterisiert habe. Also nicht die Binnenwanderungen an sich und die dadurch erzeugte ./Unruhe" sind es, die die Volksvermehrung behindern, sondern der Umstand, dass diese Binnenwanderungen der Juden gerade den Zug in die Grossstadt zeigen, was natürlich durch die wirtschaftlichen und anderen Verhältnissen bedingt ist. Würden umgekehrt die Binnenwanderungen der Juden von der Grossstadt in die Kleinstädte und aufs Land führen, so würde gerade die entgegengesetzte Wirkung zu beobachten sein. Wenn S e g a 11 ferner darauf hinweist, dass sich in bezug auf die Geburtenhäufigkeit die jüdische Bevölkerung keineswegs mit der Gesamtbevölkerung vergleichen lasse, ,,cla ihr sozialer Aufbau und ihre berufliche Gliederung grundverschieden sind" und „die Juden hauptsächlich Städter sind und die städtische Geburtenziffer bekanntermassen hinter der durchschnittlichen Geburtenziffer des Landes zurückbleibt" (ib. 11 u. 12), so ist dies zwar ganz richtig, und noch