Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Ein Gang durch das Judenviertel in Amsterdam
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 891 - 892 (sequence 2)
- Language
- German
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80 t Stephanie Forrhlieimer: Ein Gang durch das Judenvicrtcl. in Ainstenlam. Das Rembrandthaus in der Brer'straat in Amsterdam ((!)!•< iu seinen allen Zustand zurück vorsetzt wir.I). Jiiir^crrcM'lit erhielten und nicht mein' hinter Mauern wohnen mussten, da waren in ihrem abgeschlossenen Stadlgebiet auch Glanz und Roichti m zu Hause, die Jieute ans diesen Stressen in die Außenwelt geflohen sind. Aber gross und ehern, als markiges Zeichen einer stillen Kraft, blieb an der Pforte des .h.denviertels die portugiesische Synagoge, die die Juden zur Ausübung ihres heimatlichen Ritus errichtet hatten. Sie ist ein wundervolles Zeugnis für die Treue dieses Volkes und seiner Verehrung des alten. Glaubens. Nocli heute dienen gar manche Nachkommen der Einwanderer aus dem XV. und XVI. Jahrhundert treu der alten ererbten Lehre, und es ist ein weihevolles Erlebnis, am Freitagabend die herrliche alte Synagoge mit ihren wundervollen kostbaren Geräten zu betreten und dem uns seltsam anmutenden Gottesdienste zu lausehen. Wie spanische Granden erscheinen die Verkünder. der Tliora, würdevoll und feierlich, auch in ihrer äusseren Tracht die Erinnerung an die längst verlorene Heimat bewahrend. Kein Orgelton klingt in die Gebete dieser Andächtigen, die, durch Generationen getrennt, wohl nie die Lande ihrer Vorfahren sahen und doch, in rührender Anhänglichkeit und Treue die Tradition erhalten. Aber dieses erhabene Bild uralter lieber!iel'ening kann die Schatten der Gegenwart nicht verwischen. Das Judenviertcl hat sich freiwillig erhalten durch die Verbrüderung all derer, die eine innere Zusammengehörigkeit l'ühllen, aber es i: t der Aufenthalt der Acrmsten der .Armen ihres Stammes geworden. Als die physischen Ghetloniauorn gefallen waren, da zogen die Juden hinaus und lebten gleich anderen freien Ihirgern. So wollte es der Forlschritt der Zeit. In Amsterdam blühten Handel und. Schiffahrt, an denen sie sieh rege beteiligten. Aber für die Armen gab es drausson keinen Erwerb. So blieben sie unter sich, scheu abseits von der großen fremden Menge. Und wenn wir jetzt die ..Joden Rreestraaf die I laiiptslrasse dieses seltsamen Stadtteiles durchwandern, so ve.'sinkt all der brausende Maschinen- und Dampfverkehr der modernen Zeil, und wir sind in der kleinen engen Welt eines Völkchens, das mühselig kämpfend sich durch den Alltag des Lebens ringt. Der äussere Anblick der schmalen Strassen mit ihren altersgrauen verwitterten Häusern bietet wohl ein malerisches Bild, dessen Heiz durcli die zahlreichen belebten Kanäle, die an der Rückseite der Gebäude vorbeifliessen, noHi erhöht wird. In Holland gibt es gar viele pittoreske Hauten mittelalterlicher Vergangenheit, die als pietätvoll erhaltene Denkmäler einer vergangenen Kunstperiode inmitten des modernen Lebens, die Zeugen alter KuJturerrungcnsc haften sind. Aber im Judenviertcl in Amsterdam sind die alten spitzgiebeligen Häuser, die wohl für den Kunsthistoriker von grösstem Interesse sind, aber allen Anforderungen der neuen, von sozial-hygienischen Ideen erfüllten Zeit Hohn sprechen, die Wohnsitze der jetzigen Generation geblieben.