Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 829 - 830 (sequence 6)
- Language
- German
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829 Die Tätigkeit der Alliancc Israelitc Universelle in der Türkei. 830 welcher Anteil daran der „Alliance" zukommt und welcher der Wirkung der wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen, die seit fünfzig Jahren die ganze Welt zum Schauplatz hatten. Trotzdem sind Beweise vorhanden. Sie wissen, was man bei Experimenten im Laboratorium einen Beweis nennt —, also, wir haben unsere Beweise. Aus irgend welchen Gründen ist eine Anzahl von Städten in unser Arbeitsgebiet nicht einbegriffen worden. Man vergleiche diese mit denen, wo wir unterrichten konnten und man wird sehen, um wie viele Jahre sie im Rückstand sind! Wer noch zweifeln will, braucht nur die im Bezirk von Bagdad belegenen Ortschaften mit denen im Innern von Marokko oder im Yemen zu vergleichen. Ich könnte Ihnen rührende Briefe von kleinen jüdischen Gemeinden vorlesen, denen wir wegen der Unzulänglichkeit unserer Mittel noch nicht helfen konnten und die sich beklagen, dass sie noch keine Alliancesclmlen haben und dass sie deswegen zu fortgesetzter Unwissenheit und Zurücksetzung verurteilt seien. VII. Wundern Sie sieh nicht darüber, dass die Regierung Abdul-Hamids, die allen von Europa eingeführten Neuerungen so misstrauisch gegenüberstand, die so geneigt war, alle von Ausländern unternommenen und beschützten Anstalten für Unterricht und geistigen Fortschritt als für die Türkei, ihren Padischah und ihren Glauben gefährlich zu erklären, dass diese Regierung der „AUiance" freien Spielraum im Reich gelassen, dass sie ihr gestattet hat, Schulen, das heisst Stätten des Lichts und des Liberalismus über das ottomanische Gebiet zu verstreuen; dass sie ferner die Zulassung mohammedanischer und christlicher Kinder unter die jüdischen Schüler erlaubt und so die moralische Verschmelzung der verschiedenen Volkselemente ermutigt hat, während anderwärts die Behörden zur Befestigung ihrer Macht bemüht waren, die nationalen oder religiösen Gegensätze aufrecht zu erhalten? Es kommt daher, dass selbst der vorsichtigste und misstrauischste Souverain keinen Augenblick die Tendenzen unseres Werkes verkennen konnte. Im Gegensatz zu manchen anderen Unternehmungen gleicher Art, die in der Türkei versucht worden sind, konnte die „Alliance" keines Hintergedankens irgend welcher Art beargwöhnt werden; sie hatte keinen anderen Zweck, als die Aufrichtung der ottomanischen Juden innerhalb ihres ottomanischen Vaterlandes und ihre immer innigere Anlehnung an die Geschicke ihres Landes. Gouverneure, Minister und Polizei haben in unserer Tätigkeit niemals die geringste Abweichung von dieser absolut loyalen Haltung zu finden vermocht. Minister, Gouverneure, Beamte jeden Grades und jeder Herkunft haben allezeit den freien und umfassenden Wohlfahrtscharakter unseres Werks anerkannt, haben unsere Bemühungen in den schmeichelhaftesten Worten gelobt und unsere Schuldirektoren und Komitees mit Aufmerksamkeiten und Anerkennung überhäuft. Den besten Beweis für die Wertung unseres Unterrichts haben sie dadurch gegeben, dass sie, wie bereits bemerkt, unseren Schülern die Mittel- und Hochschulen öffneten und bei jeder Crelegenheit öffentlich die von den Israeliten unter unserer Aegide erreichten Fortschritte lobten. Weder der Sultan noch die höchsten Staatsbeamten haben jemals an unseren Absichten und unserer korrekten Haltung gezweifelt und haben deshalb alle unsere Bitten imd unser Eingreifen zugunsten unserer Glaubensbrüder mit dem äussersten Wohlwollen entgegengenommen. Wir müssen uns zu dieser hochherzigen Ermutigung aufrichtig Glück wünschen. Wir können keinen besseren Beweis für die Veränderung im jüdischen Geist anführen, als die vor einigen Jahren erfolgte Wahl eines neuen Grossrabbiners der Türkei. Nach dem Tode von Moses Hallevy, der noch der alten Schule der ottomanischen Rabbinen angehört hatte, vereinigten die Stimmen der Wählerversammlung sich auf einen jungen Geistlichen, der die türkische und die arabische Sprache wunderbar beherrscht und dessen berufliche Ausbildung nicht in einer veralteten Jeschiba, sondern im Rabbinerseminar von Paris erfolgt war. Das Ansehen des Grossrabbiners Nahum bei der nichtisraelitischen Bevölkerung, bei der Regierung, den Botschaften und den Vertretern der A'erschiedenen christlichen Konfessionen ist für die Israeliten der Türkei sehr erfreulich, ja beinahe schmeichelhaft. Die Berufung eines Rabbiners von moderner Kultur an die Spitze der ottomanischen Judcnheit bildet einen entscheidenden Abschnitt in der Befreiung des jüdischen Geistes. VIII. Durch welche Mittel haben wir so reiche Ergebnisse ernten können? Nach meiner Meinung kommt es von folgender Methode: ein leitender Grundsatz ist uns der Gedanke gewesen, dass eine Hebung der Orientalen nur durch die Orientalen selbst erfolgen könne. Wir waren der Ansicht, dass für ein Werk solcher Art die Eingeborenen und nicht Ausländer zur Arbeit herangezogen werden müssen; wir haben deshalb unser Personal nicht aus Frankreich, England, Deutschland oder Russland bezogen, sondern aus dem Orient. Wir wählen es aus der Schuljugend des Landes; wir bereiten es selbst in Paris für seine Aufgabe vor, wir haben sozusagen nur Orientalen, Männer und Frauen, in unserem Dienst. Ich muss meine Meinung wiederholen, dass unser Erfolg zum grossen Teil auf dieser Tatsache beruht. Wir schicken der orientalischen Bevölkerung orientalische Lehrer und Lehrerinnen, deren Manieren und deren Unterricht ihnen sehr bald gefallen; das Wohlwollen und die Freundschaft, die die Konsuln und Ortsbehörden unseren Lehrern erweisen, schmeichelt den Eingeborenen. Diese jungen Lehrer, die die Landessprache sprechen und ihre Vorurteile und Verschrobenheiten seiner Bewohner kennen, denken nicht daran, sie zu verachten oder zu verspotten. Sie geben sich im Gegenteil alle Mühe, sie zu leiten und beraten, und kennen die Argumente, mit denen sie ihr Misstrauen beseitigen oder sie für einen vernünftigen Fortschritt gewinnen können. Ein anderer leitender Grundsatz der „AUianee" hat von Anfang an darin bestanden, mit den Gefühlen der Bevölkerung zu rechnen, nicht gegen ihre Sitten und Gebräuche und selbst die absurdesten Vorurteile zu Verstössen, sondern der Zeit und dem Unterricht das langsame Werk zu überlassen. Besonders auf religiösem Gebiete haben wir die weitestgehende Toleranz bewiesen und alle Glaubensformen zu respektieren gewusst. Wir zeigen die Menschen nicht besser, als sie sind, und stellen uns nicht als unfehlbare Muster auf. Andere Gründe sehr materieller Art sind es gewesen, die der „Alliance" in der Türkei den Beinamen „Unsere heilige Mutter die Allianee" eingetragen haben. Sie kennen die vielen Katastrophen, die seit fünfzig Jahren die jüdische Bevölkerung der Türkei betroffen haben; Feuersbrünste, die ganze Stadtteile von Konstantinopel, Adrianopel und Salonichi einäscherten; Cholera- und Pestepidemien; Ueberschwemmungen und Hungersnot, innere und allge-