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Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 827 - 828

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
Date
1913-10-01
Page
Seite 827 - 828 (sequence 5)
Language
German
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827 Die Tätigkeit der Alliance Israelite Universelle in der Türkei. 828 reiten ein paar hundert arme junge Mädchen auf einen Erwerb vor. Der Zug der Zeit, der die jüdische Bevölkerung des Ostens wieder der Landarbeit zuführen will, hat in der Alliance" seinen Vorläufer gefunden. Zu einer Zeit, da nur vereinzelte Denker von einer jüdischen Kolonisation in Palästina träumten, im Jahre 1870, schuf die Alliance vor den Toren von Jaffa eine Landwirtschaftsschule, deren Name bereits ein Symbol und ein Versprechen enthält: Mikweh Israel, die Hoffnung Israels. Ais zehn Jahre später im Jahre 1S81 unter dem Druck der Verfolgungen und Mordtaten im südlichen Kussland die ersten russischen Auswanderer in traurigem Zustand nach Palästina flohen, hat Mikweh sie aufgenommen und beraten und wurde zur Stütze und zum Halt der Ansiedler. Die Sorge um die Entwickejung der Kolonien hat die „Alliance" anderen überlassen müssen; aber in ihrer Schule unterrichtet sie die Söhne der Kolonisten und setzt sie in den Stand, tüchtige und ausdauernde Landwirte zu werden. Das aus der Gesamtheit dieser Organisationen für Unterricht, Handwerk und Landwirtschaft hervorgegangene materielle Wohlleben lässt sich nicht messen und nicht berechnen. Die Mehrzahl unserer Schüler bringt in ihren Beruf die grosse Ueberlegenheit über die früheren Geschlechter mit, die die moderne Kultur ihnen verschafft hat. Sie sind schon von der Schule aus auf die Erfordernisse des Handels vorbereitet, denn sie lernen ausser den Sprachen — arabisch, türkisch, englisch, deutsch und französisch — die kaufmännische Buchführung und selbst die Elemente des kaufmännischen Rechts. V. Diese hunderte aus unseren Schulen hervorgegangenen jungen Leute gemessen die ihnen von uns gebotenen Elemente zum Wohlstand nicht in selbstsüchtiger Ruhe. Sie bereiten ihrerseits den Weg für die, die nach ihnen kommen, indem sie sich in den „Verbänden ehemalige]' Schüler"' zusammengeschlossen haben. Diese Vereine spriessen an allen Ecken und Enden hervor: in Tanger, Casablanca, Salonichi, Konstantinopel, Smyrna, Tunis. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Schulen Zuschüsse zu liefern und den späteren Schülern den Weg zu bahnen und ihnen Arbeit und Stellungen zu verschaffen. Die Fortentwickelung dieser brüderlichen Tätigkeit wird sich zu einer grossen Wohltat gestalten. Der auch in Bagdad bestehende Verein ehemaliger Schüler beaufsichtigt die Lehrlinge, hilft uns bei der Beköstigung der armen Kinder, unterstützt die Apotheke und die Poliklinik für die Armen und ist bestrebt, die Zuschüsse der Schulen zu erhöhen. Wir sind nicht so anmassend zu behaupten, dass wir die 45 000 Juden von Bagdad modernisiert und die seit zweitausend Jahren üblichen Gebräuche umgewandelt haben, denn wir sind in einem Lande, wo Religion und Aberglauben sich vermischen und gegenseitig ergänzen, wo der Glaube an Feen und gute und böse Geister das ganze religiöse Leben beherrscht, und die Rabbiner behalten hier immer noch ihren Einfluss auf die grosse Masse. Aber neben den Rabbinern und bei aller Anerkennung ihrer geistigen Autorität und bei aller ihnen persönlich erwiesenen Höflichkeit ist eineneue Autorität erstanden, die Autorität jener Persönlichkeiten, die nicht länger müssige Zeugen der Unordnung und der Kräftevergeudung innerhalb der Gemeinde bleiben wollen. Sie verlangen eine gebildetere, verständigere Finänzverwaltung, eine vernünftigere Organisation der Armenunterstützung zum Besten der wirklich Armen und Unglücklichen. Und auch dies ist das Werk des Vereins unserer ehemaligen Schüler. VI. Mit Absicht habe ich Bagdad zum Gegenstand meiner Ausführungen gemacht, weil die Schwierigkeiten und Widerstände gegen unsere Tätigkeit dort besonders gross gewesen sind und weil die isolierte Lage der Stadt, die Entfernung von den hauptsächlichen Verkehrswegen, unsere Aufgabe sehr erschwert haben. Wenn es mir trotzdem gelungen ist, die Bedeutung der erreichten Erfolge darzutun und die in der schwer und langsam zu beeinflussenden und zu belehrenden kompakten Menge begonnene Wandlung glaubhaft zu machen, um wie viel leichter wird mir derselbe Beweis bei den günstiger gelegenen Städten wie Konstantinopel, Smyrna, Salonichi und Adrianopel werden, die in nahen Beziehungen mit dem übrigen Europa stoben. In diesen Städten gleicht die heutige jüdische Bevölkerung nicht mehr der von vor 40 Jahren und man braucht sich nur einen Tag dort aufzuhalten, um die eingetretenen Veränderungen festzustellen. Wenn Sie einen Israeliten auf der Strasse oder in seinem Laden ansprechen, so werden Sie in ihm einen Mann finden, der seine Zeit versteht, den modernen Verhältnissen Rechnung trägt und sich über die Strömungen und Fortschritte der Aussenwelt auf dem Laufenden hält. Dieser Mann weiss sich den Anforderungen des Geschäfts anzupassen, reist zum Einkauf nach London, Berlin und Paris und nimmt den Behörden gegenüber eine Haltung an, wie sie dem selbstbewussten Bürger zukommt, der die Landesgesetze in Ehren hält. In allen öffentlichen Aemtern werden Sie unsere ehemaligen Schüler finden, die überall das Vertrauen ihrer Vorgesetzten besitzen; Sie treffen sie in Banken, Bureaus und Kontoren; Sie finden jüdische Aerzte, Advokaten, Magistratsbeamte und Offiziere, die in unseren Schulen ihren ersten Unterricht und die Anleitung für ihren Beruf gefunden haben; Sie sehen Hunderte von Arbeitern, kleinen Handwerksmeistern und selbst einige grosse Unternehmer, die wir ausgebildet haben; Sie finden soziale Wohlfahrtswerke aller Art, die ihre Entstehung unserer Anregung und unserer Tätigkeit verdanken. Wir müssen uns davor hüten, den Fortschritt — einen, wie ich gern zugebe, ungeheuren und unerwarteten Fortschritt — mit einem allgemeinen Wohlstand zu verwechseln. Man darf mit Recht behaupten, dass Warschau eine aufgeklärte und tüchtige jüdische Gemeinde besitzt, man kann dasselbe von Paris sagen, aber damit ist leider nicht gesagt, dass es dort nicht auch sehr grosses Elend gibt: in diesem Sinne wollen auch diese Ausführungen aufgefasst sein. Von den 70 000 Juden in Salonichi, 45 000 in Bagdad, 40 000 in Konstantinopel und 40 000 in Jerusalem ist der grösste Teil arm, sehr arm; aber die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung hat jetzt eine Veränderung erfahren. Die unzähligen Angestellten, Kaufleute, kleine Ladeninhaber, die sich "dank der erworbenen Kenntnisse eine erträgliche Existenz schaffen konnten, bilden jetzt einen Mittelstand, der früher nicht vorhanden war; ihr Aufstieg, ihr Ursprung sind nun für die heute noch Enterbten ein ermutigendes Beispiel. Scheint Ihnen das hier vorgelegte Bild der Veränderungen und Verbesserungen zu rosig gemalt und meinen Sie, dass der Fortschritt vielleicht nicht allein der ,,Alliance" zu verdanken ist, sondern dem Einfluss des allgemeinen Fortschrittsgedankens, der fast überall die Lebens- und Arbeitsverhältnisse verändert hat? Es liesse sich allerdings nur sehr schwer feststellen,

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