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Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 831 - 832

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
Date
1913-10-01
Page
Seite 831 - 832 (sequence 7)
Language
German
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^831 Die Tätigkeit der Alliance Israelite Universelle in der Türkei, 832 meine Kriege — immer ist die ,,Alliance" prompt zur Stelle gewesen, hat die heilbaren Schäden geheilt, die ersetzbaren Verluste ersetzt. Mehr als zwanzigmal hat sie Sammlungen zum Besten der Israeliten in der Türkei veranstaltet. Es. ist also nur natürlich, dass die Bevölkerung in ihr eine aufrichtige Freundin erblickt, die sich nur mit ihrem Interesse, ihrer Förderung und ihrem Wohlsein beschäftigt. Dank diesem grossen Vertrauen, das wir den dortigen Israeliten einzuflössen verstanden und dank ihrem vorsichtigen und konzilianten Vorgehen hat die „Alliance" einen Teil ihres Programms in der Türkei ausführen und ein Werk schaffen können, auf das sie mit Recht stolz sein darf. IX. Der Aufstieg der Israeliten hat auf ihre mohamedanischen und selbst auf ihre christlichen Mitbürger grossen Eindruck gemacht. Wie! Diese kleinen Juden, die gestern noch unwissend, furchtsam und unterwürfig gewesen waren, fangen jetzt an zu lernen, erheben das Haupt, werden sich ihrer Rechte bewusst, kämpfen, um diese Rechte zur Geltung zu bringen, wetteifern mit ihren Rivalen und wollen im wirtschaftlichen und sozialen Leben des Landes den ihnen zukommenden Platz behaupten! Zuerst war es nur Erstaunen, dann ein wenig Bewunderung, aber man musste nun notgedrungen mit dem neuen Konkurrenten rechnen. Der ottomanische Jude hatte zu viel unter seiner niederen gesellschaftlichen Stellung gelitten und schöpfte nun aus unserem Unterricht — und auch anderwärts — den Geschmack an der Freiheit und die Sehnsucht nach ihrer Betätigung. Als nun die Stunde schlug, fanden die Jungtürken sich bereit, an dem Kampf für die demokratische Regierungsform teilzunehmen. Die Bewegung, die zur ottomanischen Revolution führte, hatte sich im Stillen organisiert, und man war in der Türkei nicht überrascht, dass auch die Juden ihren Anteil daran hatten. Man hat später diesen Anteil der Juden an der Revolution sehr übertrieben, man hat dies in einer Absicht getan, die ihnen durchaus nicht wohlgesinnt war. Wie immer es war — die Israeliten haben entschlossen den offenen Weg beschritten, weil sie bereit waren, die neuen Lasten und Pflichten zu übernehmen, die die Konstitution ihnen auferlegte. Im ottomanischen Parlament befinden sich jüdische Abgeordnete und es sind zum grössten Teil ehemalige Schüler der ..Alliance". Nachdem die Türkei von der autokratischen Regierung befreit war, versuchte sie, sich wieder aufzurichten und neu zu gestalten, aber ihre Nachbarn Hessen ihr nicht Zeit, ihre Wunden zu verbinden. Sie wissen, welche Prüfungen sie durchgemacht hat. Während ihrer Unglückszeit haben die Türken die Tapferkeit der jüdischen Soldaten gewürdigt, die in ihren Reihen kämpften, und die Haltung der Israeliten an diesen schweren Prüfungen ist in clor schmeichelhaftesten Weise gelobt worden. Man will' der Türkei ihre europäischen Provinzen amputieren. In diesen Provinzen befinden sich einige unserer bestgediehenen Anstalten: Salonichi mit 3000 Schülern, Adrianopel mit beinahe 2000, Prevesa, Cavalla, Ucsküb, Monastir, Kirkilisse, Tschorlu, Serres. Wir wissen wohl, dass unsere Glaubensbrüder auch unter bulgarischer, serbischer oder hellenischer Regierung ihre vollen Bürgerrechte behalten und wir haben nach dieser Richtung keine Sorge um ihre rechtliche Lage. Wird es aber vom wirtschaftlichen Standpunkt ans ebenso sein"? Ich beschränke mich hier auf die blosse Frage, denn ich habe weder Zeit noch den Wunsch zu ihrer gründlichen Erörterung. Aber was wird-aus unseren Schulen? Wir werden sie unter den von den Verhältnissen erforderten Veränderungen weiterführen. Die Israeliten jener Gegenden sind, ich spreche es getrost aus, geistig majorenn. Zwei, drei Generationen sind nacheinander aus unseren Schulen hervorgegangen, sie verstehen, sich selbst zu regieren, und unser innigster Wunsch für sie in ihren neuen Verhältnissen besteht darin, dass sie unseren Rat und unsere Stütze nicht mehr brauchen. Das Aväre der glänzendste Beweis, dass unsere Tätigkeit ihr Ziel erreicht hat. Aber, wie es auch kommen mag, wir werden uns bemühen, ihnen unseren ferneren Beistand nicht zu versagen. In der Türkei haben wir eine ungeheure Aufgabe vor uns. In Syrien und besonders in Palästina ist aus Gründen, die hier auseinanderzusetzen die Zeit nicht ausreicht, der Fortschritt sehr viel langsamer, die Umwandlung weniger fühlbar gewesen; unsere Bemühungen müssen deshalb energisch und entschlossen weitergeführt werden. Es wird dafür mit besonderen Voraussetzungen zu rechnen sein, vor allem mit der Tatsache, dass die jüdische Bevölkerung von Palästina nicht nur aus spaniolischen Sephardim besteht, sondern dass die russische Einwanderung ihr einen starken, tätigen und energischen Zuwachs zugeführt hat, dessen eigenen Ideen und Bestrebungen man Rechnung tragen muss, wenn das Werk Nutzen tragen soll. In Palästina wollen wir, wie anderwärts auch, noch mehr als bis jetzt das Fortbildungswerk fördern. Es ist diesumso notwendigerundunentbehrlicher,als entgegen der jetzt im Abendlande herrschenden Strömung weder die Regierung noch die Stadt- und Gemeindebehörden irgendeine Iniative auf diesem Gebiet erhoffen lassen. Werden aber die kaum verschleierten Begehrlichkeiten der europäischen Mächte der Türkei die Ruhe lassen, ihre Wunden wieder zu heilen und aus ihren asiatischen Ländern etwas zu machen? Wieder werden wir erleben, dass die europäische Diplomatie grosse Worte von Humanität, Wiederaufbau und Schutz predigt, um der Türkei noch einen Fetzen Fleisch vom Leibe zu reissen, und dass die armen Türken sich zerstückeln lassen, um den Appetit des zivilisierten Europas zu stillen. X. Ich will nicht in dieser traurigen Stimmung schliessen. Zur Unt«'Stützung des von mir bereits Gesagten möchte ich Ihnen das Urteil zweier Persönlichkeiten ans ganz verschiedenen Welten über die Leistungen der ,,Alliance" in der Türkei vorlegen. Es sind die Herren Oskar Strauss., vormaliger Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, und Mahmud Mukthar Pascha, früher Generalgouverneur von Smyrna und später eins der einfiussreichsten Mitglieder der Regierung. In einem Brief aus Konstantinopel vom April 1910 schreibt Herr Strauss: Jeder, der die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in dieser Gegend näher kennt, muss das bedeutende Werk der „Alliance" in beziig auf Unterricht, sittliche Erziehung und Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden anerkennen. Ich habe die von der ,.Alliance" begründeten Schulen und andere ihrer Anstalten in Konstantinopel, Salonichi, in Smyrna und noch an verschiedenen anderen Orten besucht und kann deshalb aus persönlicher Erfahrung von der Grösse und Vornehmheit des von der „Alliance" geleisteten Werkes sprechen. Die ,.Alliance" ist für die Juden zugleich Erzieher und Beschützer. Sie gewährt in gewissem Sinne ■den Israeliten im Orient denselben Schutz, den die christlichen Völker ihren Glaubensgenossen ange-

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